Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 91 (18.11.1897)
- Date
- 1897-11-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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bungen abgeben, und zogen, begleitet von den heißen Wünschen ihrer Brüder, nach dem heiligen Lande, an welchem noch jetzt der Jude mit allen Fasern seines Herzens hängt Wie leicht vorauszusehen war, blieb der Mißerfolg nicht lange aus. Das Feuer ist verraucht, die Begeisterung erlahmte. Aus dem erträumten jüdischen Staate sind nur einige Dörfer geworden, wo ein kraftvolles Geschlecht tüchtiger Landbauern heranwächft. Trotz des Scheiterns dieses kühnen Projekts legte dasselbe beredtes Zeugniß ab für das geistige Band, das die Juden der Diaspora an ihr Heimathland knüpft, eine Erscheinung, die in der Geschichte der Völker vereinzelt dafteht, und nicht leeren patriotischen Phrasen, sondern dem erziehlichen Einfluß der Religion ihr Entstehen verdankt. Die Colonisationsidee, so unpraktisch sie auch sein mag, zeigt uns deutlich, wie wenig die falschen Propheten Recht haben, die das Bestehen einer jüdischen Gemeinschaft ableugnen und an ihre Stelle einen internationalen, in dem großen europäischen Völkermischmasch sich unstät umhertreibenden, in sich zerrissenen und von außen angeseindeten Stamm setzen wollen. Gerade in Rußland, wo infolge der bedeutenden Anzahl jüdischer Einwohner sich ihre Eigenart am besten entwickelt hat, ist auch das Volksbewußtsein ein sehr reges. In der durch den plötzlichen Wechsel ihres Zustandes hervorgerufenen Gährung hat dieses Bewußtsein sie zu allerlei Colonisationsschwärmereien geführt, in den stabilisirten Verhältnissen der jetzigen Judenschaft findet dasselbe nach wie vor in inniger Solidarität und eifriger Hülfsbereitschaft Ausdruck. ZeitttrrgS«achrichterr und Correspondenzen. Deutschland.? Berlin. Am Mittwoch, dem 10. November tagte hier eine Versammlung in dem liberalen Wahlverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde, wie sie in einem jüdischen Verein nur selten Vorkommen wird. Man konnte sich in das österreichische Obstruktionsparlament versetzt glauben, nur die Pultdeckel fehlten. Herr Rabbiner Vogelstein aus Stettin sollte einen Vortrag halten, dem man den herausfordernden Titel „GegendenZionismus" gegeben hatte. Da diese Versammlung durch Zeitungsannoncen als eine öffentliche angezeigt war, so waren auch die Zionisten in großer Zahl gekommen, und als bei Beginn des Vortrags in dem stark gefüllten Saale, in dem wohl 300 Personen anwesend sein mochten, der Vorstand seine Gäste musterte, sah er anscheinend mit nicht geringem Schreck, daß siebenachtel derselben mindestens Zionisten waren, während höchstens das übrige Häuflein den Liberalen zuzurechnen war. Aus diesem Grunde, oder einem anderen, lehnte der Vorstand die von verschiedenen Seilen an ihn gerichtete Bitte, eine Diskussion zu gestatten, in brüsker Weise ab, obwohl die Führer der anwesenden Zionisten sich nur in diesem Falle für die Ruhe ihrer Freunde verbürgen zu können, erklärten. Durch diese Verweigerung einer gegenseitigen Aussprache, welche sie nach der öffentlichen Ankündigung zu erwarten berechtigt waren, gereizt, begannen die Zionisten, kaum, daß der Vortrag seinen Anfang genommen hatte, ihrem Mißfallen in der energischsten Weise Ausdruck zu geben. Alle Beschwichtigungsversuche seitens des Vorsitzenden wurden mit lautem Rufe nach Diskussion beantwortet und der Lärm steigerte sich zu wiederholten Malen derart, daß der Redner seinen Vortrag unterbrechen mußte. Herr Dr. Vogelstein begann seinen Vortrag mit der Versicherung, daß er den „Zionismus" angreife aus Liebe zu „Zion", und weil er diese Liebe jedem Juden erhalten wiffen wolle Hier brach der erste Sturm los, von allen Seiten fielen Zwischenrufe wie: Gebetbuchresormer! Warum streichen Sie dann „Zion" aus dem Gebetbuch? Richtet Euch nach meinen Worten, nicht nach meinen Thaten, e.'. Alsdann ging Dr. Vogelstein zu einer Kritik des „Zionismus" über, richtete jedoch seine ganzen Angriffe nur gegen die Herzliche Brochüre „der Jndenstaat" ohne den Baseler Congreß und das offieielle Baseler Programm überhaupt zu erwähnen, obwohl zahllose Zurufe aus der Versammlung ihn dazu aufforderten. Als er den Namen Herzl nannte, brachte fast die ganze Versammlung ein stürmisches Hoch auf Herzl aus. Unausgesetzt unterbrachen demonstrative Beifalls- und Mißfallensäußerungen den Redner, sowie wiederholte Rufe nach Diskussion, woran sich selbst Mitglieder des liberalen Vereins betheiligten. So bemühte sich der Vortragende eine Stunde lang zu reden, als er aber die Ansicht ausfprach, daß die „Zionisten" schließlich vom Judenthum überhaupt absallen und sich taufen lassen würden, da brach ein Sturm los, der alles Vorige in Schatten stellte. Fast zehn Minuten lang mußte der Redner pausiren und es bedurfte der äußersten Anstrengung der zionistischen Führer, um ihre Anhänger zu veranlassen, Herrn Vogelftein noch weiter anzuhören. Im zweiten Theile seiner Rede hielt sich Herr Dr. Vogelftein von allen Angriffen fern und machte der Kolonisation eine tiefe Verbeugung. Unmittelbar nach Schluß des Vortrages, während die Zischer noch tobten, schloß der Vorsitzende die Sitzung, worauf die Zionisten sofort eine Versammlung für Mittwoch, den 24. November ausriefen und alle Liberalen dazu einluden. Die Versammlung wird in demselben Saale stattsinden und wie es heißt Nordau