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Der Israelit · 1897-11-18 · Heft 91 (18.11.1897) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 91 (18.11.1897)
Date
1897-11-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1726 Nachbarn zu liebäugeln, um sich dadurch, wie sie meinten, zur endgültigen Erlösung aus ihrem bisherigen rechtlosen Zustande vorzubereiten. Je mehr die vagen Aussichten und Hoffnungen auf Erreichung dieses schönen Zieles durch eine milde Gesetzgebung und Sympathiekundgebungen des Czaren für seine jüdischen Unterthanen greifbare Gestalt gewannen, je mehr wurde der Ruf nach engem Anschluß an die Russen laut, trotz der warnenden Stimme einsichtsvoller Männer. Immer anmaßender und selbstbewußter traten sie auf die Verkünder der neuen Lehren von dem Aufhören irgend welchen jüdischen Volksbestandes und der daraus resultierenden Nothwendigkeit, auch die letzten Ueberbleibsel des nationalen Gedankens der trügerischen Verbindung mit den Slaven zu opfern. Die assimilatorische Strömung verbreitete sich immer mehr und zog immer weitere Volksschichten in ihren Wirbel. Die Kriecherei vor dem slavischen Nachbar, die Anschmiegung an das Christenthum lockerte das Band der Zusammengehörigkeit unter den Juden. Die Begeisterung für jüdisches Wissen, jüdische Sitte und Eigenart schwand immer mehr und die Grundsesten des Glaubens erlitten eine bedenkliche Erschütterung. Die Orthodoxie räumte resigniert das Feld, das sich jetzt zum Tummelplatz allerlei verdächtiger extremer und glaubensfeindlicher Elemente umgestaltete. Gegen Ideen, die einer befondern Zeitrichtung ihr Dasein verdanken, kann man nicht mir Erfolg ankämpfen. Diese Einsicht ließ die Vertreter des gläubigen Judenthums ihre Wirksamkeit in ganz andere Bahnen lenken und nichr ihre Kraft in zwecklosem Kampfe vergeuden. Gerade in jener Sturm- und Drangperiode zeigte sich die hohe Bedeutung eines tüchtigen Nabbinerftandes. Vor seiner unantastbaren Tugendhaftigkeit hatten die Gegner gewaltigen Respekt, um so mehr, als sich als erste Folge ihrer verderblichen Agitation ein sittlicher Niedergang bemerkbar machte. Der Verschmelzungsprozeß mit dem Ruffenthum wurde eifrig befördert. Die Bewegung unterschied sich nur von den ähnlichen Bestrebungen in Deutschland dadurch, daß hier das moderne Rabbinerthum die Leitung derselben in die Hand nahm, während dort gerade dieser Stand es war, der, mit wahrhaft jüdischer Gesinnungstreue ausgerüstet, vor diesem ebenso gefährlichen wie fruchtlosen Schritt warnte. Das Volk machte sich los von ihrer bewährten Leitung, doch die Rabbiner und mit ihnen ein Häuflein Getreuer wachten eifrig über dem Horte jüdischen Wissens. In Deutschland waren es Geiger und Consorten, die laut zum Abfall ermahnten, in Rußland arrangierten einige federfuchsende Journalisten die ganze Bewegung. Ein Rabbiner war dafür nicht zu haben. Da trat ein Ereigniß ein, welches die Juden aus dem trügerischen Wahne schrecklich aufrüttelte und der Verbrüderungsfeier ein plötzliches Ende bereitete. Bei dem elementaren Ausbruch einer Volksleidenschaft ist es schwer, eine Ursache zu entdecken, denn gewöhnlich arbeiten die Urheber hinter den Coulissen. Wie ein Orkan, der Länder und Städte verheert, bemächtigte sich urplötzlich der Volksmassen eine gewaltige Erregung, die in Verübung allerlei blutiger Excesse sich Luft machte. Wer aber die Pandorabüchse geöffnet hat, aus welcher sich ein Sturm von Haß, Blutdurst und Mordwuih über die Juden in Rußland ergoß, das wäre ein ewiges Geheimniß geblieben, wenn nicht gerade zufällige, den Lesern bekannte Umstände den Deus ex raachina enthüllt hätten. -Jedoch so traurig auch die Folgen dieser Ausschreitungen waren, welch' ungeheurer wirtschaftlicher Schaden auch den Juden durch die gleich darauf erlassenen Bedrückungsgesetze erwuchs, eine Erscheinung wurde dadurch gezeitigt, der wir die Erhaltung des jüdischen Geistes zu danken haben. Die gesetzestreue Richtung gewann mit Leichtigkeit ihren Einfluß wieder, als allen über die Verderblichkeit der eingeschlagenen Irrwege die Augen ausgingen. Noch waren selbst diejenigen Kreise, die den Traditionen des Judenthums untreu wurden, nicht allzuweit auf der abschüssigen Bahn vorgeschritten, um nicht mehr umkehren zu können. Noch hatten sie nicht die Brücke hinter sich abgebrochen. Wir erlebten das Schauspiel, daß gerade die lautesten Rufer nach Verbrüderung mit den Christen sich durch einen plötzlichen Rückschlag zu eifrigen Anhängern der Colonisationsidee in Palästina umwandelten. Von ihrem süßen Traum plötzlich in die rauhe Wirklichkeit versetzt, hatten sie nichts Eiligeres zu thun, als sich zurückzuflüchten in den Schooß ihres Glaubens, dem sie in Verkennung seines Werthes untreu wurden. Getäuscht in ihren Erwartungen, betrogen in ihren Hoffnungen, machten sie schleunigst Kehrt und verwarfen mit der Lebhaftigkeit der semitischen Rasse alle jene Ideen, die sie vorher aus den Schild erhoben. Mit der Rückkehr zum nationalen Gedanken fand sich die Begeisterung für das Judenthum ein, wurde das Interesse für feine heilsamen Lehren rege. Zurück zum Judenthum! war die Parole, hoch der Nationalitätsgedanke! der KriegeSrus. Die Liebe, die die Juden trotz Jahrtausende langer Trennung von ihrem Mutterlands für dasselbe empfinden, verleitete die Patrioten zu Schritten, welche, weil aussichtslos, allerdings nicht zu empfehlen sind, jedoch Zeugniß ablegen für die Aufrichtigkeit ihrer Bekehrung. Im Taumel ihrer nationalen Begeisterung dünkte ihnen der tollkühne Plan, Palästina zu besiedeln und dort wieder den alten Glanz des ehemaligen jüdischen Staates neu aufleuchten zu lassen, leicht ausführbar. Mit dem Feuer der Jugend — und ich will es nicht verhehlen — auch mit der Unbesonnenheit derselben vereinigten sich Schaaren von Studenten, Leute, die gewöhnlich das brauchbarste | Material zur Verwirklichung assimilatorischer Bestre-

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