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Der Israelit · 1897-11-18 · Heft 91 (18.11.1897) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 91 (18.11.1897)
Date
1897-11-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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die Zukunft der Nachkommen gesichert sind, dort findet noch Treue, Liebe, Gehorsam, fromme Zucht, Barmherzigkeit, Tugend die schönste Pflegestätte. Unser Zeitalter hat gerade jetzt ungeheure Schäden aufzuweisen, alle die traurigen Erscheinungen, die auf ungesunde anormale Verhältnisie schließen lassen, mehren sich in besorgnißerregenoer Weise. Selbstmord, Defraudation, verkommene und gescheiterte Existenzen, unter diesen Spitzmarken bringen die Zeitungen alltäglich tiefbedauerliche Vorkommnisse, die uns als getreues Spiegelbild dienen des Elends unserer modernen Gesellschaft.Jch will mich nicht in Untersuchungen einlasien, über die Ursachen, die diese trüben Zustände hervorgerufen haben, zu deren Beseitigung man auf allerlei Mittel sinnt, welche, zur praktischen Durchführung ungeeignet, nur die Verwirrung vergrößern und einen großen Theil der Menschheit auf die abschüssige, gefährliche Bahn des revolutionär-utopistischen Sozialismus hindrängen, Ich will hier nur auf Grund eigener Erfahrung konstatiren, daß alle diese Schäden innerhalb des orthodoxen Iudenthums, trotz der Leiden und Verfolgungen, die ihm von Seilen derussiscken Absolutismus zugefügt werden, ihren gefährlichen Charakter verloren haben. Alle oben bezeichneten Vorkommnisse stehen unter den „Frommen" nur vereinzelt da. Eine Stadt wie Warschau, die mindestens lf4 Million Juden zählt, hat im Zeitraum von zehn Jahren kaum einenSelbstmordzuverzeichnen und selbst ein solcher Fall ereignete sich nur in den Kreisen der sogenannten Neuen, d. h. jener Gesellschaft, die sich, frei von dem wohlthätigen Einfluß der Religion, der Entsittlichung und moralischen Haltlosigkeit in die Arme wirst. Ein orthodoxer Selbstmörder ist etwas Undenkbares. In den orthodox-jüdischen Kreisen ist das Hage' ftolzenthum höchst selten und bei allen Volksklassen findet man stets das eifrige Bestreben der Eltern, ihre erwachsenen Söhne und Töchter zu verheirathen. Daß dabei auch der Aermfte sein Letztes hingiebt, um dem neuverheiratheten Paare eine möglichst große Mitgift mitgeben zu können, ist bei dem engen Familiensinn selbstverständlich. Bei unseren modernen Brüdern in Deutschland dagegen wird es dem unbemittelten Manne vielfach als ein Verbrechen angerechnet, wenn er mit Hingabe seines Letzten seine Kinder zu verheirathen sucht und er hat sich dadurch in ihren Augen jedes Anspruchs auf Unterstützung begeben. Die gesunden Verhältnisie unter der russischen Judenheit, wie wir sie oben darzuftellen versuchten, sind aber, wie bereits bemerkt, auch nur für diejenigen Kreise zutreffend, in denen noch das Judenthum seine ganze erziehliche und sittlich fördernde Kraft entfalten kann, in denen es Entgegenkommen und Unterstützung findet durch eifrige Pflege des Talmudstudiums. Hingegen stehen die modernen glaubensfeindlichen Kreise ganz auf demselben Niveau des deutschen Durchschnittsjuden. Alle die traurigen Begleiterscheinungen der Irreligiosität treten auch dort zu Tage und erfahren noch diese Zustände dadurch eine Verschlimmerung, daß die modernisierten russischen Juden durch Aneignung vieler Fehler, die bei der dortigen christlichen Lauts volöo in Folge der nur dem Zwecke der Uebertünchung ihres rohen Wesens dienenden Hypercultur entstanden sind, die ganze Blasiertheit und Zerfahrenheit aufweisen, welche die jetzige Gesellschaft in den culturbelecklen Großstädten Rußlands kennzeichnen. In Gemeinden wie Odessa, Charkow, die ganz des segensreichen Einflusses unseres Bekenntnisses entbehren, wo Sabbathentweihung u. drgl. Gesetzesübertretungen mehr an der Tagesordnung sind, ist mit dem Glauben zugleich auch die gute Sitte untergegangen und nur die wenigen bessern Elemente, die sich aus den von andern Theilen des Reiches Eingewanderten rekrutieren, tragen noch dafür Sorge, ihren Stammesgenossen das Beispiel eines frommen und zugleich tugendhaften Lebenswandels vor Augen zu halten. Wie hoch die Achtung ist, die seitens der russisch-jüdischen Orthodoxie dem Talmud entgegengebracht wird, möge folgende Schilderung der dort zum Zwecke des Studiums ins Leben gerufenen Jnftitute sowie der dort getroffenen Einrichtungen, durch welche dasselbe auch den Aermsten ermöglicht unb erleichtert wird, darthun, und kann ich auch daran eine Besprechung des russischen Raöbinerftandes knüpfen. In richtiger Würdigung der von einem alten Rabbi geihanen Aeuheruug-. „Gebt. Acht, auf die Kinder der Armen, denn nur bei ihnen findet die heilige Lehre eine Pflegestätte," wird es jedem Juden zur Pflicht gemacht, Jünglingen, die sich mit dem Talmud beschäftigen, Freitisch zu gewähren, eine Anordnung, welche die segensreichsten Folgen gezeitigt hat. Dadurch ist selbst demjenigen, der aller pekuniären Mittel entblößt ist, leicht die Möglichkeit geboten, sich diesem Studium ganz zu widmen. In jeder Gemeinde findet sich eine große Anzahl solcher Studierender, die nebenbei bemerkt, das Hauptkontingent des zukünftigen Rabbinerstandes stellen. Mehrere große Lehrhäuser sorgen dafür, eine systematische erfolgreiche Bearbeitung dieses hochbedeutenden Wissenszweiges zu erstreben. Diese Lehrhäuser werden durch freiwillige Gaben unterhalten. Das schönste Zeugnitz für die echt demokratische Anschauung des Judenthums liefert die Thatsache, daß für geistig-religiöse Aufklärung nirgends anderswo so viel Mittel aufgewendet werden, hauptsächlich dazu bestimmt, das Wissen beim gemeinen Volke zu verbreiten. Volksschulen, ein Institut/ das die Civilisation erst in letzter Zeit gebracht hat, bestehen dort seit Jahrhunderten; Bib-

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