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Der Israelit · 1897-11-15 · Heft 90 (15.11.1897) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 90 (15.11.1897)
Date
1897-11-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1712 ihren jüdischen Wählern keine andere Mission zu, als ihnen zum Mandate zu verhelfen. Auch in anderen Körperschaften treten solche Erscheinungen zu Tage' Der Deutsche Schulverein hat eine große Anzahl jüdischer Mitglieder und doch hat die Leitung dieses Vereines die Zustimmung zur Errichtung judenreiner Ortsgruppen gegeben. Ich behaupte, daß keine der österreichischen Parteien eine Chance für die Wahrung unserer Interessen biete. Deßhalb müssen wir auf die Frage, inwieweit dieser Nationalitätenkampf uns angehe, antworten: Wir mögen diesen Kampf vom rein patriotischen Standpunkte beklagen, da er die ruhige, friedliche Entwicklung unseres Vaterlandes stört, aber ein aktuelles Interesse haben wir an seinem Ausgange nicht. Wir wollen keine dieser Parteien, weil keine uns will. Unbeschadet also unserer Wachsamkeit, die wir allen Erscheinungen des politischen Lebens zuzuwenden haben, unbeschadet unserer Verpflichtung, jede einzelne Erscheinung vom Standpunkte unserer Interessen zu prüfen, welche keine Sonderinteressen sind, sondern nur die Abwehr ungerechter Bedrückung bezwecken, werden wir uns berufen fühlen, unsere Thätigkeit fortan und bis zur Beruhigung der politischen Verhältnisse, mit welcher Beruhigung ein schwerer Schlag dem Antisemitismus versetzt werden wird, weil er großenteils aus nationaler Ueberhebung und aus Chauvinismus seine Nahrung zieht — ans unsere Angelegenheiten und Interessen zu concentriren und diesen eine gesteigerte Obsorge zuwenden, eine Geltendmachung, die bisher unendlich viel zu wünschen übrig läßt. Als politisches Programm des Vereins und als sein Arbeitsgebiet für die nächste Zeit schlägt Ihnen daher Ihr Vorstand vor: „Zusammenschluß auf dem Gebiete der Politik, der Wirtschaft und des Cultus auf Basis der österreichisches Staatsangehörigkeit und der österreichischen Gesetze, mit dem Ziele, im gewohnten Dienste des Fortschrittes und des Freisinnes hier jene Gleichberechtigung und Anerkennung zu gewinnen, welche vem hohen Aller unseres HeimathrechteS und unseres staatsbürgerlichen Rechtes entspricht." (Lebhafter Beifall.") Die Abstimmung ergab die einmüthige Annahme diese« Programme«. Türkei. § Konstantinopel, 5. Nov. Gestern ist hier der Chacham-Baschi der Insel Kreta, A r a m A blagon Effendi, eingetroffen. Heute, Freitag, hat derselbe in der für die Diplomaten bestimmten Loge der Auffahrt des Sultans zum Gottesdienst in der Hamidieh-Msschee angewohnt. Wie nun verlautet, ist der Zweck seiner Hierherkunft, um mit der Pforte über die zukünftige Stellung der Juden auf dieser Insel, die bekanntlich administrativ jetzt vom türkischen Reiche loSgetrennt und einen christlichen Generalgouverneur erhalten wird, zu verhandeln. Hauptsächlich sind es zwei Dinge, welche die Juden Kretas gerne geordnet sehen möchten, bevor ihr Vaterland eine christliche Verwaltung erhält: Die Gerichtsbarkeit, da dieselbe bisher mit Ausnahme der Crimminalverbrechen dem Chacham-Baschi anvertraut war, unv dann die Steuereintreibung, die bisher von den CultuSgemeinden besorgt wurde. Wie man indeß vernimmt, wollen die Juden Kretas auf die letztere Begünstigung verzichten, wenn sie nur die erstere intact erhalten können, da sie ungerne ihre religiöse Gericht: barkert aufgeben wollen, zumal die Justiz von nun an in griechischer Sprache amtiren wird, während die Juddn Kretas nur Türkisch und Spaniolisch sprechen. Afrika.? Moroeeo Aus Reibdt kommt die Nachricht, daß am 9. Oktober diese Stadt der Schauplatz einer argen Judenhetze war, verursacht durch eine geistesgestörte Jüdin, welche im Quartier der Mohamedaner erklärt hat, daß sie den Islam annehmen wolle. So lange die Frau hierbei blieb, wurde sie von den Mohamedanern gut behandelt und verpflegt; als sie aber den Wunsch äußerte, zu ihren Verwandten zurückzukehren, entstand ein förmlicher Aufstand, weil man die Familie der Unglücklichen beschuldigte, dieselbe in ihrem ursprünglichen Entschlüsse wankend gemacht zu haben. Die aufgeregten Mauren vergriffen sich an jedem Juden, der ihnen in ben Weg kam und drohten, die Proselitin eher zu Tode zu martern, als zunr Judenthum zurückkehren zu lassen. Ein ähnlicher Fall soll in Mogador vorgekommen sein und man hat den britischen Gesandten in Tanger aus diese Vorgänge aufmerksam gemacht. — Der Sultan wird demnächst auch Saffo besuchen und bei dieser Gelegenheit wird die jüdische Gemeinde dieser Stadt ihm eine Petition überreichen, um den Schutz des Sultans gegen die fortwährend vorkommenden Mordthaten zu erbitten, sowie die Nothlage, in der sie sich infolge der argen Beschränkungen, unter denen sie leiden auseinanderzusetzen. Freilich Hilfe darf man sich kaum versprechen, denn der Sultan, selbst wenn er guten Willen hat, ist zu dauernder Hülfe gar nicht mächtig genug. Uersonakien. Gttlos, 5. Nov Heute, Freitag, ist hier unser Rabbiner, Rabbi Aron Roth, nach langem und scherzhaftem Krankenlager im Alter von 73 Jahren gestorben. Derselbe besuchte in seiner Jugend eine Jeschibah, ward dann später Lehrer, worauf er in den Fünfziger Jahren den hiesigen Rabbiner-Posten übernahm. Aber auch als Seelsorger blieb er seinem früheren Stande treu und wirkte er eifrig für die Hebung des Unterrichtes. Der ungarische Landes-

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