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Der Israelit · 1897-11-08 · Heft 88 (8.11.1897) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 88 (8.11.1897)
Date
1897-11-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1672 Bestrebungen nicht mitthun will und noch ein Fünkchen Menschenliebe im Herzen bewahrt hat, wird als „Fremdenknecht" hingestellt. Der sodomitische Mob umringt Lot's Haus, weil er sich erkühnt, zwei Fremde zu beherbergen, er droht das Haus zu demoliren und die Thüre zu zertrümmern, und als Lot sich seiner Gäste annimmt, heißt es gleich: eicpv uz -nsn „Schauet nur den Fremdling an, der will uns Menschenliebe lehren.'" Und wer trat als Anwalt auf für diese Sodomiden, als ihr Untergang von Gott beschloffen wurde? Da steht wieder Abraham, der schlichte Nomade, der mit seinen Heerden von Ort zu Ort zieht, mit ausgebreiteten Händen vor Gott und flehet und bittet in seiner warmen Menschenliebe für den Bestand dieses sittlich und moralisch verkommenen Volkes. Und welches Interesse hat er an der Forteriftenz Sodoms? Er hat dort keine Güter, keinen Besitz, kein Haus, kein industrielles Etablissement, keinen Handel, gar nichts, was ihn für den weitern Bestand dieser verderbten Stadt interessiren könnteim Gegentheil, er weiß ganz gut, hätte er es gewagt hinzukommen und nur dort zu übernachten, er wäre gewiß als Fremdling mißhandelt und ausgewiesen wo rden. Was war es daher anderes als reine Menschenliebe, die ihn veranlaßte, für Sodom als Anwalt und Fürsprecher aufzutreten?*) Abraham und Sodom, die reinste Menschlichkeit und die niedrigste Verthiertheit; seit Jahrtausenden existiren diese beiden Gegensätze fort in der Geschichte bis auf den heutigen Tag. Die Gleichheit aller Menschen, die unbeschränkte Nächstenliebe, die Liebe zu dem Fremdling, Achtung der Menschenrechte, Recht und Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Tugend, Mttleid und Barmherzigkeit, Milde und Güte lehren und verkünden Abrahams Nachkommen zu allen Zeiten durch die heilige Schrift, durch die Offenbarung, die Gott Israel zu Theil werden ließ. Das Chriftenthum trägt diese vom Judenthum übernommene Lehren überall umher in überseeische Länder, wo die Ideen der Humanität Verbreitung finden, die Herzen aller edel Denkenden erleuchten und die Unterschiede zwischen Menschen und Menschen aufzuheben suchen. Aber auch Sodoms Epigonen leben noch. Nur sind es heute keine Heiden mehr, die den Menschenhaß lehren. Im Namen Gottes, im Flamen der Humanität, ja sogar im Namen der Liebe wird die Lehre vom Gast- und Fremden-Gesetz unter civilisirten Völkern gepredigt, wird engherzig nach Abstammuug, nach Nationalität, nach religiösem Bekenntniß gefragt bei Zuerkennung der Menschenrechte, und jeder freiheitlich Gesinnte, der *) Siebe meine Artikelserie: „Arische Stammesvorzüae und semitische Racensel-ler" im „Israelit" vom Jahrg. 35, Nr. 7, wo id) gegen Dühring, -er Abraham als ersten Lchacherjuden hin stellt, Stellung nehme. mit diesen Sodomiten nicht mitthun will, wird als „Judonknecht" hingestellt. Noch lebt Abrahams Geist, noch lebt Sodoms Menschenhaß. Aber wir Juden wollen als würdige Nachkommen Abrahams für die verderbten und sittlich verkommenen Sodomiten unserer Zeit beten, daß sie Gott erleuchten möge mit dem Lichte seiner Lehre, welche den Haß von der Welt bannt und in flammender Schrift das erlösende Wort „Liebe" kündet." Aettungsnachrichtcn Uttd Carrespvrrdenzerr ** Berlin, 5. Nov. Der Prozeß Stöcker-Stumm ist dieser Tage vor dem Schöffengericht in Neunkirchen endlich zur Verhandlung gelangt. Bekanntlich bezieht sich die Klage Stöckers auf eine Rede, welche Frhr. von Stumm am 12. April 1896 vor seinen Wählern in Neunkirchen gehalten hat. Er verglich hierin die Gefährlichkeit der christlich-sozialen und sozialdemokratischen Agitation, nannte Stöcker den eigentlichen Vater des pseudo-christlich-sozialen Sozialismus, und den Vater der Doppelzüngigkeit. In dem „Scheiterhausenbries" habe er seinen Freund Hammerstein aufgefordert, dem Fürsten Bismarck so viel wie möglich Beine zu stellen, aber nicht so, daß der Kaiser es merke. Das Gravirende aber sei, daß er in demselben Athem in seinem Wahlkreise die lebhafteste Glorifizirung des Fürsten Bismarck, um sich populär zu machen, vorgenommen habe. Ja, er sei sogar am 1. April 18st5 in Friedrichsruh gewesen, um dem Fürsten seine Gratulation darzubringen, während er früher so hinterlistig gegen den Fürsten Bismarck gearbeitet hatte. Freiherr v. Stumm erzählte dabei, Fürst Bismarck habe geäußert, für ihn liege die einzige Erklärung, weßhalb Stöcker in dieser perfiden Weise gegen ihn vorgegangen sei, darin, daß er ihm Dank schulde; es gibt eine Menge Leute, die nicht vertragen, daß sie einem anderen Dank schuldig sind. Die Ursache zum Danke sei, daß, als man während der Rsgierungszeit Kaiser Friedrich III. den Antrag gestellt hatte, Stöcker seines Hofpredigeramtes zu entkleiden, damals Fürst Bismarck der Einzige war, der Stöcker in Schutz nahm. Dies wird noch näher auSgeführt und hinzugefügt, daß Stöcker die Person des Kaisers in ganz unwahrer Weise in diese Äffoire hineinbezogen habe. Da Freiherr von Stumm sich auf seine Immunität als Reichstagsabgeordneter berufen hatte, so gelangt die Angelegenheit erst jetzt zur Verhandlung. Das Schöffengericht sprach Herrn von Stumm frei, das „Volk" behauptet, Herr Stöcker würde natürlich Berufung einlegen.

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