Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 88 (8.11.1897)
- Date
- 1897-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r:TT' **•-'»■T^rr,;.-<-«^j. XXKm Jahrgang. M 88. Der Israelit. Ein Kenlrat-Hrgan für das orthodore Iudenlhum Begründet von Dr. ITe^tnftun in Htninf Montag, den 8 November 5658 (1887). Leitender Artikel. Abraham und — Sodom. (Zu *rw nenn.) Von Rabb. H. Galandauer in Soborten (Böhmen). Unsere Sidra entrollt uns zwei Bilder, die in dem denkbar grellsten Gegensatz zu einander stehen, die aber beide lebenswarm mit frischen kräftigen Zügen gezeichnet sind, so daß sie uns ein anschauliches, ewig unverwüstliches Zeugniß bieten, von der höchsten Vollkommenheit, welche einerseits einzelne begnadete, gotterfüllte Menschen anzuftreben vermögen, und von der großen Menge andererseits, welche ihren Trieben, Neigungen und Begierden, ihren Leidenschaften und Lastern fröhnen; zwei Bilder, die uns jedes Jahr auf's Neue vorgeführt werden, weil sie in jedem Geschlechts und zu allen Zeiten im Völkerleben anzutreffen sind. Abraham und Sodom! Die edelste Menschlichkeit und die niedrigste Verthiertheit! Wir wollen hier nicht Abraham als den Erkenner und Verbreiter des reinsten und lautersten Monotheismus, als opferfreudigen Gottesmann schildern, der mit seinen Welt erleuchtenden Ideen allein in der großen Heidenwelt dastand, wir möchten hier vielmehr darzustellen versuchen, welche Stufe dieser Heros vor vier Jahrtausenden in der Menschenliebe erreicht hat, zu einer Zeit, in der das heute in aller Mund sich befindliche Wort „Humanität" noch nirgends gehört wurde, in der an Stelle des Menschenrechtes die Macht und die Gewalt allenthalben herrschte. Der greise Abraham sitzt vor dem Eingang seines Zeltes. Er sieht drei fremde Araber kommen, er eilt ihnen entgegen, verneigt sich ehrerbietig und ladetjsie freundlich ein, bei ihm eine Weile Rast zu halten und einen Imbiß' zu sich zu nehmen. Auf ihre zuftimmende Antwort eifert Abraham seine Frau, seine Dienerschaft mit rühriger Geschäftigkeit an, ein köstliches Mahl für die wildfremden Wanderer zu bereiten, er bedient sie selbst beim Speisen und läßt es sich nicht nehmen, sie auch zu begleiten, als sie sich von ihm verabschiedeten. Man fühlt aus jedem Worte des edlen Gastgebers die beseligende Freude, die hohe Beglückung heraus, die er mit seinen Gästen empfand. Er fragt nicht erst nach ihrer Abstammung, nach ihrer Herkunft, nach ihrer Nationalität oder nach ihrem religiösen Bekenntniß, ja nicht einmal nach ihrer Würdigkeit; es genügt ihm, daß sie Menschen sind, um ihnen Nahrung anzubieten, ganz entsprechend unserer Lehre im Talmud: pinn p« nmoj 3ebem, der Nahrung heischt, sie zu geben, ohne erst zu fragen, wer oder was der Hülfesuchende ist, gleichviel ob Jude oder Heide, würdig oder unwürdig. Es genügt Abraham, daß seine Gäste Menschen sind, um sich als ihr Knecht und sie als seine Herren anzureden, um ihnen bescheiden ein Stück Brot anzubieten und ihnen ein köstlich Mahl vorzusetzen. So giebt sich in unserem Patriarchen die edelste Menschlichkeit kund. Und Sodom?! Da haben wir das Gegenbild von Abraham. Auch Sodom hatte seine Gäste wie Abraham, es hat aber die Theorie von den „Gastvölkern" in seiner Verwaltung eingeführt, welche die grausamste Unmenschlichkeit bekundet. Der Starke herrscht dort über den Schwachen, der Mächtige über den Hilflosen; das Eigenthum, die Sicherheit der Person ist der Willkür und der Gewalt preisgegeben, jeder Fremde, der nicht Sodomiter von Abstammung, von Geburt ist, wird nicht geduldet und unbarmherzig ausgewiesen, und wer in diesen menschenfreundlichen