Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 85 (28.10.1897)
- Date
- 1897-10-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1614 die jüdische Confession geschleudert worden, und wenn dies geschah, so wäre er (Dr. Lueger) jederzeit mit aller Entschiedenheit dagegen aufgetreten. Der Herr Bürgermeister hat da in gewisser Beziehung Recht. Es gab in der That eine Zeit, wo er als Demokrat mit flammendem Schwerte die antisemitischen Insulte bekämpfte und sich dafür mit kostbaren Busennadeln dekoriren ließ; später aber wurde er der erste Virtuose dieser Insulten und ihnen verdankt er es, daß er Bürgermeister von Wien geworden ist. Aber Herr Dr. Lueger war heute mit Bezug auf sein Gedächtniß schlecht disponirt. Daß er den Antrag Neumayer habe verlesen lassen, motivirte er damit, daß er sich nicht zum Richter von Anträgen auswersen dürfe. Fünf Minuten später warf er sich in der ungebührlichsten Weise zum Richter eines Antrages der deutschnationalen Fraktion auf, welcher dahin ging, daß die Commune in Hinkunft keine tschechischen Arbeiter mehr anstelle und in einem Manifeste die Bevölkerung vor der drohenden Gefahr der Czechistrung warne. Vorsitzender Bürgermeister Dr. Lueger bringt zur Kenntniß, daß Hauke sein Mandat als Gemeinderath zurückgelegt habe und ließ hierauf die bereits veröffentlichte und von den Gemeinderäthen Dr. Stern, Staßny, Zifferer, Dr. Mittler, Dr. Goldmann und Tageleicht Unterzeichnete Zuschrift an den Bürgermeister gegen den vom Vice-Bürgermeister Dr. Neumayer in Angelegenheit der jüdischen Richter gestellten Antrag zur Verlesung bringen und knüpft hieran folgende Bemerkungen: „Es ist vollständig unrichtig," ließ sich Dr. Lueger vernehmen, „daß in dem Anträge Beleidigungen gegen die jüdische Religions-Genoffenschafken enthalten seien. Unrichtig ist es ferner, daß seit Jahren im Wiener Gemeinderathssaale Insulten gegen die Juden geschleudert wurden, und wenn solche geschleudert wurden, so bin ich immer mit aller Entschiedenheit dagegen aufgetreten; aber die Juden müssen sich gefallen lassen, daß an ihnen dieselbe Kritik geübt werde, welche sie sich gegenüber anderen erlauben. Sehr unangenehm hat es mich berührt, daß in dem Anträge eine Denuneiation insoferne enthalten ist, daß die Staatsanwaltschaft gleichsam aufgefordert werde, gegen den Antragsteller und die übrigen Unterfertigten strasgesetzlich vorzugehen. Ich glaube, das war doch nicht nothwendig. In der genannten Zuschrift wird auch der Dekalog erwähnt. Gegen den Dekalog hat hier Niemand etwas einzuwenden. Wenn es kein anderes Gesetz gäbe als den Dekalog, würde heute überhaupt irgend ein Streit nicht exiftiren. Es gibt aber auch einen Talmud, und zwischen diesem und dem Dekalog ist ein himmelweiter Unterschied, und ich glaube, auch nicht Einer von Ihnen (zur Minorität gewendet) hält alle darin enthaltenen Lehren für gerecht. Es wurde ferner gegen mich ein Vorwurf erhoben, daß ich den Antrag verlesen ließ. Ich bemerke, daß ich dazu verpflichtet bin, jeden Antrag, in dem ich nichts Anstößiges finde, hier zur Verlesung zu bringen. Es wäre ein trauriges Zeichen, wenn ich mich hier zum Richter über Anträge aufwerfen wollte, obwohl dies in früheren Zeiten geschehen ist. Wenn in dem Anträge gesagt wird, daß eine Confession beleidigt werde, so hat hier wieder wie so oft die Verwechslung (Ruf: So ist's!) zwischen Nation uud Confession Platz gegriffen. Ich werde nie die Verunglimpfung irgend einer Confession dulden, da der Glaube eines Jeden hochgehalten und hochgeschätzt werden muß." ** Budapest, 21. October. Die heutigen Morgenblätter meldeten, daß gegen die hauptstädtische Buchhändlerfirma M. E. Löwy'S Sohn (KönigSgaffe Nr 1) der Konkurs eröffnet wurde. Nicht weniger als 132 Jahre bestand die Firma, die sich einer gewissen Weltrufes erfreute, in Ungarn. Der Begründer der Firma Ephraim Löwy, war der erste Jude in Ungarn, welchem im vorigen Jahrhundert die Bewilligung zum Betriebe des jüdischen Buchhandels ertheilt wurde. Im Jahre 1765 eröffnete Löwy in Preßburg einen jüdischen Buchladen. In sehr kurzer Zeit nahm das Geschäft einen derartigen Aufschwung, daß die lewantinischen Händler ihren Bedarf an jüdischen Gebetbüchern, talmudischen Werken und rituellen Gebrauchsartikeln bei Löwy deckten. Im Jahre 1803 wurde der Sitz der Firma nach Pesth, welches für den Exporthandel günstiger gelegen war, verlegt. Nach dem Tode des Firmabegründers im Jahre 1815 übernahm dessen Sohn Markus das blühende Geschäft, welches die Werke der hervorragendsten Talmudgelehrten jener Zeit herausgegeben hat. Der spätere Besitzer, Leopold Löwy, wurde anläßlich des hundertjährigen Jubiläums der Geschäftsgründung, im Jahre 1865, von Sr. Majestät mit dem goldenen Verdienftkreuz ausgezeichnet. Seit 1876 stand der Urenkel des Firmabegründers, Ignaz Löwy, an der Spitze des Geschäftes. Der gegenwärtige Besitzer trug den Zeitverha'ttnissen Rechnung und war der erste Verlagsbuchhändler, welcher Gebetbücher und die Bibel mit ungarischer Uebersetzung und ungarischem Kommentar auf den Büchermarkt brachte. Die Ausfuhrgebiete seiner rituellen GeschäftSartikel erstreckten sich bis nach Südamerika und Kleinasien. Vor einigen Monaten erst wurden 15,000 Bände jüdischer Werke, Gebetbücher rc. nach New-Aork geliefert. Den Zusammenbruch der Firma haben hauptsächlich die orientalischen Wirren verursacht. Das unsichere Kreditwesen der Balkanstaaten, die seit einigen Jahren daselbst massenhaft vorkommenden Fallissements haben die Firma, welche auch unter dem von Tag zu Tag wachsenden religiösen Jndifferentismus zu leiden hatte, erschüttert. Der Status der