Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-10-28 · Heft 85 (28.10.1897) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 85 (28.10.1897)
Date
1897-10-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448784--44791-2493903
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1612 vielleicht gerade wegen der vielen Jahrhunderte, die er durchlebte, menschlichen Schwächen zugänglich und menschlichen Einflüssen ausgesetzt. In dem ersten Verse unserer Sidra ist dreimal der Name Noach erwähnt. Unsere Weisen knüpfen daran die Bemerkung, daß Noach die Well in drei verschiedenen Stadien gesehen habe, vor, während und nach der Fluth. Beobachten wir einmal, wie er sich in diesen drei Perioden seines Lebens verhielt. In der ersten Hälfte seines Lebens stand die Welt, wie wir oben zu schildern versuchten, in voller Pracht und auf der Höhe einer fast vollendeten Cultur. Welche unendlichen Kämpfe, um all den Verlockungen und Verführungen eines übermüthigen, starken, reichen und hochbegabten Geschlechtes auch nur so widerstehen zu können, um den Namen eines romns pnx sich zu mbienen, mag wohl Noach haben bestehen müssen. Hätte er seine großen Kräfte zur Erlangung seiner Vollkommenheit in einer anderen Periode der Menschheitsgeschichte, als der vorsündfluthlichen zur Anwendung bringen können, er hätte sicher die Höhe, zu der sich Gerechte anderer Zeiten emporrankten, erklommen. Eine höhere Stufe der Vollkommenheit erlangte Noach nun auch thatfä'chlich in dem zweiten Stadium, in dem er die Welt sah. Als die Fluth das ganze sündige Geschleckt hinwegraffte, die Thiere tödtete und die Oberfläche der Erde verderbte, da in der erschrecklichen Einsamkeit nach der Fluth nx nj ^nnn fand Noach Gesellschaft, Kraft und Stütze in Gott und ward durch Gottes Beistand der Vater und Begründer einer neuen Welt. Die Einsamkeit hatte ihn geläutert, die geräuschvolle, genußsüchtige und leidenschaftliche Außenwelt, die ihn früher abgelenkt hatte, war verschwunden, er konnte hinuntersteigen in sein Inneres, seine Seelenkräfte wieder ins Gleichgewicht bringen und sich so der hohen Aufgabe, zu der er ausersehen war, würdig machen. Aber Noach sollte nicht auf der hohen Stufe bleiben, auf der ec sich befand, und wiederum waren es Einflüffe von außen, die nachtheilig auf ihn einwirkten. Als er in der dritten Epoche seines Lebens die neue Welt zu gründen begann, da waren es sofort die Leidenschaft und das Uebermaß rm, nanxn v>'x ro bm ww, welche die Herrschaft über einen großen Theil der Menschheit errangen und ihrem Einfluß konnte sich Noach auch nicht vollkommen entziehen. Er berauschte sich und mußte dem eigenen ihn verhöhnenden Sohne fluchen, dem tan in folgte das noch schlechtere n^vn m und wenige Nachkommen Schem's waren es, die den höchsten Gütern der Menschheit: Tugend, Gerechtigkeit, Sittlichkeit, Gottesfurcht, Edelmuth eine Pflege angedeihen ließen. So sehen wir unseren Stammvater Noach während der furchtbaren und gewaltigen Ereigniffe seiner Zeit, deren Mittelpunkt er gewesen, zuerst erfolgreich den Sieg gegen eine ganze verderbte Welt bestehen, dann sich zur höchsten Gottinnigkeit emporschwingen um am Ende seiner Tage sich von der Leidenschaft überwältigen zu lasten. Diejenigen scheinen uns daher mit ihrer Ansicht das Richtige zu treffen, die den Charakter Noachs als einen sich nicht stets gleichbleibenden hinzustellen versuchen; hätte Noach sein ganzes Leben hindurch unter dem Einfluß eines Abraham gestanden, er hätte gewiß auch in dieser Zeit den Namen eines Gerechten und Vollkommenen verdient. Auch in unserer Zeit herrschen die Leidenschaften wie ehedem, auch jetzt wird einzelnen Nachkommen Schem'S — — den an Gott unv feiner Lehre fesihaltenden Israeliten der Beruf zu Theil, unbeirrt von dem modernen nHvn in. das den Kampf gegen „Sem" wieder ausgenommen und das Gott dem Herrn den Krieg erklärt, die höchsten Güter dieser Erde sich zu bewahren, bis daß die Zeit kömmt, daß Gott den Bogen des Friedens sich wölben läßt über der gesammten Menschheit. Aeitir«gsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. ** Berlin Ueber den sephardischen Gottesdienst, veranstaltet am Rosch Ha-Schana in Caffels Hotel von Glaubensgenossen aus Palästina und den Balkanländern, ist folgendes zu berichten: Außer den hier ansässigen spaniolischen Familien waren auch mehrere orientalische Kaufleute erschienen, die aus Anlaß der Transvaal-Ausstellung in Berlin und der Landes-Ausstellung in Leipzig, in Deutschland weilen. Das Aeußere der Versammlung bot ein buntes Bild: Neben dem abendländischen Cylinderhut der morgenländische Fez, neben der Berliner Modedame die orientalische Tracht. Dagegen zeigte der Cultus eine völlige Einheitlichkeit: alle Anwesenden, ob sie aus der Türkei oder Serbien kamen, bedienen sich einer einheitlichen Aussprache des Hebräischen, mit Ausnahme des Buchstaben p, den die Vorbeter aus Jerusalem etwa wie g oder ch (in „doch") zugleich aussprechen. Die Melodieen, oder richtiger: die Melodie, —„ denn es wird so ziemlich die ganze Lithurgie nach einer Melodie vorgelragen, — haben keinerlei Verwandtschaft mit den aschkenasischen oder polnischen Synagogenweisen, sondern tragen einen rein orientalischen Charakter; sie gleichen in ihrer halb lässigen, halb sentimentalen Verschnörkelung ausnahmslos den Weisen, die man hierzulande in Schaustellungen von Türken und Arabern zu hören pflegt. Am ersten Tage Rosch Ha-Schana sprach Oberrabbiner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.