Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 85 (28.10.1897)
- Date
- 1897-10-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXVIII. Jahrgang. M 8S. Ein Kenlrak-Hrgan für das orlhodoXe Iudenthum. Begründet von Dr. ffefjtntcinn in Wtain$. könnet ft aa, de« 2 8 Oktober 5658 (1867). 9T Unsere nächste Nummer erscheint Dienstag den zweiten November. Leitender Artikel. XI o a cfy. Mai nz, 26. Oktober. Auf welcher Höhe der Kultur mag wohl das Geschlecht, das vor der Sündfluth lebte, gestanden haben! Man denke, Menschen, die fast gar keine Nahrungssorgen hatten, deren Welt noch schön und herrlich, ohne dem Wechsel der Jahreszeiten unterworfen zu sein, in Hülle und Fülle prangte, ein starkes, kräftiges, reiches und hochbegabtes Geschlecht. Leute, die viele Jahrhunderte auf Erden zubrachten, welche Beobachtungen konnten da gemacht werden durch ein unbbiefelben Personen, bie weniger ju fürchten brauchten, durch falsche Ueberlieferungen getäuscht zu werden, da sie ja selbst in den früheren Jahr- Hunderten lebten! Mit Erlernung fremder Sprachen hatte man sich nicht abzumühen, da eine Sprache die ganze Erde umfaßte. Wer weiß, ob all die vielen Erfindungen und Entdeckungen, auf welche unsere Zeit so stolz ist und ob vielleicht noch eine Reihe von uns unbekannten Dingen nicht dem vorsündfluthlichen Geschlechte längst bekannt waren; vielleicht unterhielten sie sich durch ihre Drähte von Welttheil zu Welttheil, flogen mit Flügeln, die sie sich anhefteten, über Länder und Meere und durchleuchteten mit ihren kunstvoll erzeugten Strahlen die Erde bis auf ihren Mittelpunkt! Und trotz alledem war dieses prächtige, hochentwickelte und gelehrte Geschlecht dem Untergange geweiht! Trotz der seit über anderthalb Jahrtausenden gesammelten Erfahrungen konnte man sich Nicht retten! Wer vermag aus diesem furchtbaren Ereignißnicht die hohe Lehre zuziehen, daß das Zielder Menschheit nicht mit der Förderung der Kultur allein erreicht wird, daß es vielmehr in erster Linie darauf ankommt, in welchen Dienst diese Kultur gestellt wird. Die vorsündfluthliche Menschheit benutzte ihre Errungenschaften ausschließlich dazu, um ihren unsittlichen und mit Gewaltthaten verknüpften Zwecken Vorschub zu leisten, um ihren räuberischen und götzendienerischen Gelüsten zu fröhnen, und deßhalb mußte sie vernichtet werden. Noach allein war von dieser ganzen Bevölkerung gerecht und vollkommen, er allein wurde auch gerettet. Mit vielen hervorragenden Männern der Vergangenheit theilt Noach das Geschick, daß „sein Charakterbild schwankt in der Geschichte" und die Urtheile über den Grad seiner Frömmigkeit gehen weit auseinander. Während die Einen unserer Lehrer die Worte der Schrift vrmra owi so auffaffen, daß Noach sich stets über das Niveau seiner Umgebung aufzuschwingen verstand, er also zu der Zeit vor der Sündfluth nothgedrungen nicht so vollkommen sein konnte, wie er es etwa gewesen wäre, wenn er zur Zeit Abraham's gelebt hätte, sind andere Erklärer der heiligen Schrift der Ansicht, daß Noach's Herzenseigenschasten unter welchen Verhältnissen er auch gelebt hätte, stets die gleichen geblieben wären. Nur im Vergleiche zu jenen bösen und schlechten Menschen, wie sie vor der Fluth lebten, habe er den Namen eines „Zadik" verdient, hätte er etwa im Zeitalter Abraham's gelebt, (o wäre er nicht höher wie jeder gewöhnliche brave Mensch zu achten gewesen. Wir möchten die Richtigkeit der zuerst wiedergegebenen Ansicht, daß Noach's Charakter steigerungs- und abnahmefähig gewesen, aus dem einfachen Wortlaute der Schrift darzuthun versuchen. Noach war ein Mensch, ein sterblicher Mensch und wenn er auch ein Alter erreichte, das dem des ältesten Menschen, der je lebte, ziemlich nahe kam, so war er doch und