Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 82-83 (21.10.1897)
- Date
- 1897-10-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1b72 f VWa*^eKT^«r«T|}i^r russisch-jüdische Element in Londons darstellt, auch eine eigene Art von Lustbarkeit geschaffen werden mußte, liegt in der Natur der Sache; denn es gibt für jede ästhetische und unästhetische Geschmacksrichtung Schöpfer und Darsteller, die im Kampf ums Dasein entstehen und sehr häufig als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen. London hat somit ein Jargon-Theater und ein Jargon-Variöte; man möge sich nicht durch meine allgemeinen Bemerkungen irreleiten lasten und sich das Niveau dieser Institute tiefer denken als das anderer Theater oder Varietes. Vielleicht kann ich nächstens hierüber berichten, was rch darum gerne thun würde, weil ein Berliner Jude vor einigen Monaten in der „Welt am Montag" über das Lemberger Jargon-Theater in einer Weise schrieb, die auch jeden nicht Jargon sprechenden Juden aufs tiefste verletzen mußte. — Für freie musikalische Unterhaltung seiner Stammesgenosten hat der bekannte Sir Samuel Montague gesorgt, der im Whitechapel- Distrikt zum Mitglied des Unterhauses gewählt wurde und aus Dankbarkeit dafür den Juden Sonntag- Nachmittags von der Schutzmannskapelle im Tower garden zwei Stunden lang Vorspielen läßt; dafür zahlt er 50 Lstr. jährlich. Im East-End ist auch in der Thal das jüdische Leben London's concentrirt; und wenn man im Auslande meint, daß der eingeborene Engländer sich sehr ums Judenthum kümmere, so beruht das auf Täuschung. Man hört immer nur von einzelnen Leuten, die als Juden hervortreten und glaubt in ihnen die Repräsentanz aller Juden Englands zu sehen. In Wahrheit kümmert sich der englische Jude nur um sein Geschäft, sonst um nichts, Dr. Adler läßt er für die Synagogen sorgen, die bezahlten Minjanleute läßt er zum Gottesdienst gehen, und er selbst, der jüdische John Bull, beschäftigt sich nur mit Minenwerken, chinesischem Porzellan und Thee-Jmport. Die wenigen guten Juden Englands, von denen man im Auslande zu hören bekommt, sind doch immer wieder Dr. Adler, Rothschild, Montague, Mocatta und Mocatta, Montague, Rothschild, Dr. Adler. In jüngster Zeit trat noch der Lord-Mayor, Sir Fauvel Philips, Bart, hinzu, besten Amtszeit nun bald abgelaufen ist und der, wie man sagt, der glücklichste Lord-Mayor der City of London gewesen ist. O möchten alle jüdischen hohen Würdenträger sein, wie dieser Fandet Philips! Aber wo gibt's deren?. M. H. Vermischtes. Worms. Vor Kurzem feierten die hiesigen Eheleute Daniel Hamburger unter Antheilnahme der ganzen jüdischen Gemeinde das Fest ihrer goldenen Hochzeit. Hamburger war lange Zeit erster Vorsteher der Gemeinde Alzenau, NabbinatS Aschaffenburg, wo er durch viele religiöse Institutionen, die er dort schuf, heute noch in gutem Andenken steht. Feuilleton. Die stunde der Vergeltung. Von Paul Gotthelf. 10) sAlle Rechte Vorbehalten.^ Henoch konnte sich nicht länger mit ihm beschäftigen. Dr. Reiß bedurfte seiner und so überließ er den Armen sich selbst und seinen quälenden Grübeleien. Es war noch viel zu thun, und Meißel, Knochenzange und Säge arbeiteten, wie in einer Fabrik. Endlich war auch diese Arbeit beendet; Dr. Reih wollte sich jetzt in das Hospital begeben, um dem General-Arzt Rapport abzuftatten. Auf dem Wege dahin begegnete ihm der Bürgermeister, den er vom sicheren Tode gerettet hatte. Als dieser ihn erblickte, eilte er auf ihn zu und sprach ihm mit großer Lebhaftigkeit abermals seinen Dank aus „Sie müssen mit mir kommen," sprach er, „daß meine Frau, meine Eltern und meine Schwester Sie kennen und verehren lernen." Dr. Reiß wehrte dem lebhaften Drängen des Mannes; dieser ließ aber nicht eher nach, bis er versprochen hatte, ihn zu besuchen. Erst dann gab er sich zufrieden und begleitete den Arzt noch eine Strecke. Nun verabschiedete er sich; doch bald kehrte er wieder um. „0 monsieur, j?ai oublie quelque chose; quel est votre nom? „Mein Name ist Dr. Karl Reiß." „Noi, je m’appelle David Leon,“ „Vous etes Jsraelite?“ „Oui monsieur.“ „Moi aussi, nun freue ich mich, Sie nochmals gesprochen zu haben. Dort," er deutete auf die Mairie, „liegt ein Glaubensgenoste, dem ich vor zwei Stunden ein Bein amputirt habe. Er bedarf der sorgfältigsten Pflege; ich möchte Sie bitten —" „Certainement; er soll es haben wie mein Bruder; heute noch soll er in mein Haus und Sie sollen zufrieden mit uns sein." „Gut, ich laste ihn in Ihre Wohnung transportiren." Dr. Karl Reiß verneigte sich und schritt dem Hospitale zu. Dort erstattete er Rapport und holte sich weitere Befehle. Er war mit noch einem Kollegen dazu ausersehen, für die nächsten Tage die Truppen ins Gefecht zu begleiten und auf dem Schlachtfelde feinen ärztlichen Beruf auszuüben. Um fünf Uhr des andern Morgens mußten sie bei den Truppen fein. Es galt also, in der Nacht noch einen zweistündigen Ritt zu machen und davor graute ihm. Cr muhte versuchen, einen Wagen aufzutreiben, daß er sich während der Fahrt ausruhen konnte.