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Der Israelit · 1897-10-21 · Heft 82-83 (21.10.1897) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 82-83 (21.10.1897)
Date
1897-10-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1571 Der Polizei bliebe sonst nichts Anderes übrig, als jedesmal, sobald gerüchtweise verlautet, daß eine israelitische Ehe abgeschlossen wäre, durch ihre Geheimagenten nachzuforschen, inwiefern das Gerücht begründet ist oder nicht; es wird jedem einleuchten, daß solche Nachforschungen etwas sehr Odiöses an sich haben, und es darf unter den waltenden Umständen der Polizei nicht vorgeworfen werden, daß sie die Ausweisung der wenigen Juden, die im Laufe der letzten Jahre Ehen eingegangen sind, nicht sofort befohlen habe. Der Polizei ist indeffen bekannt, daß während der drei letzten Jahre im Ganzen nur elf israelitische Ehen hier in Helsingfors aeschlosien worden sind; zwei dieser elf Paare sind sofort nach der Heimath ins Ausland gezogen; von einem dritten Ehepaar befindet der Ehemann sich in russischem Militärdienst hier im Lande; was die übrigen acht Ehepaare betrifft, so befinden sie sich noch immer innerhalb der Grenzen des Landes, und es wäre unzweifelhaft die strenge Pflicht der Polizei gewesen, sobald sie das Zuwiderhandeln der betreffenden Israeliten gegen das Rundschreiben vom 29. März 1889 in Erfahrung gebracht hatte, diese acht Ehepaare aus dem Lande auszuweisen. Die Polizei hat es indeffen unterlaffen, gegen diese Ehepaare einzuschreiten, weil es ihr bekannt ist, daß an hohem Ort eine Abänderung der geltenden Bestimmungen beabsichtigt wird und daß demnächst den sich hier aufhaltenden Israeliten gestattet werden dürfte, Ehen einzugehen, ohne dadurch ihr Aufenthaltsrecht in Finnland einzubüßen. Unter diesen Umständen wäre es, nach der Auffaffung der Polizei, ganz unmenschlich gewesen, diese Personen zu zwingen, das Land und ihre Angehörigen zu verlassen. Was den zweiten Punkt der Beschwerdeschrift betrifft, so ist nur zu bemerken, daß die in demselben enthaltene Klage völlig unbegründet ist, indem sämmtliche verklagte Personen dem Gesetz vom 31. März 1879 gemäß das Recht erworben habe«, „in der Stadt Helsingfors das Schneiderhandwerk zu betreiben, so wie auch Handel mit Maaren, die für dieses Handwerk nöthig sind." Was schließlich die Beschwerde anbelangt, daß die hiesigen Israeliten durch Handel an Sonntagen die Kirchenruhe stören, so ist die Polizei in der Lage zu erklären, daß Verstöße gegen die Sonntagsruhe wohl vorgekommen sind, von Seiten der Israeliten aber keineswegs häufiger als von Seiten der hiesigen christlichen Handel- und Gewerbetreibenden. Wo ein solcher Verstoß nachzuweisen ist, wird der Betreffende, ob Christ oder Israelit, stets bestraft." England. Lvndon, 13. October. Wenn plötzlich ein Autochton in irgend einem Gäßchen des Londoner Ghettos auftauchte und man ihm sagen würde, daß die Juden zerstreut sind, würde er ungläubig den Kopf schütteln und zur Antwort geben: Sie sind nicht zerstreut, ich sehe, sie sind gesammelt. — Ich kann mir nicht denken, daß das East-End, dieses Jerusalem en miniature, einen anderen Eindruck auf ihn machen könnte. Der Osten der Metropole des britischen Reiches gehört den Juden, sie sind die Regenten des Marktes, sie beherrschen alle Zweige des Gewerbes, sie sind Aerzte und Juristen, Kaufleute und Handwerker, Bettler und Straßenräuber und mitunter auch Polizisten. Besonders zur Zeit der großen Feiertage macht sich ihr Einfluß oder vielmehr das Fehlen ihres sonst unverkennbaren Einflusses geltend. Und die englischen Tageszeitungen können nicht Wunder genug davon erzählen, wie todt und leer der stets belebte, von tausendfachem Stimmengewirr erfüllte Witechapel an den beiden Neujahrs tagen und am Versöhnungstage gewesen ist. Und in der letzten Woche vor dem Feste, welch ein Treiben! Noch am Vorabend des Neujahrsfestes hörte man in sog. Laue, diesem buntesten aller Handelsplätze, ein ohrbetäubendes Geschrei und Gefeilsche um den Rest der Fische, deren Köpfe den Erdboden, wie ein großes Schlachtfeld bedeckten. Und am andern Tage ging man in eine der hundert Synagogen, wo man für den Preis von 6 ä. (50 Pfg.) bis 10 8. (10 M.) die in echt englischer Reklame angepriesenen Kantoren hören konnte. An allen Straßenecken liest man auf buntbemaltem Papier in jüdischdeutscher u. englischer Sprache, daß in dieser oder jener Synagoge der berühmteste Chasan der Welt singen werde, daß es aufs Geld nicht ankomme, man wolle dem Publikum nur einen Genuß bieten. Alle Unternehmer verfolgen denselben Zweck und machen dabei ein gutes Geschäft. Mitunter kommt es in diesen Hintertreppensynagogen zu ganz solennen Prügeleien. — Einen Gottesdienst eigener Art haben die Sozialdemokraten am Jom-Kippur veranstaltet. Es sind dies, so weit ich sie in diesen Versammlungen kennen lernen konnte, russisch-jüdische Jünglinge zum Theil robuster, zum Theil schwächlicher Körperbeschaffenheit, die als gemeinsames Merkmal eine unglaubliche Frechheit und Rohheit der Gesinnung zur Schau tragen. Sie hatten ebenfalls einen „Gottesdienst" angekündigt, der aus sozialistischen Reden mit anschließendem Tanzvergnügen bestehen sollte. „Statt Malkus", schrieben sie, „gibt es bei uns Kuchen, statt Hinknieen, Tanzen, statt zu weinen werdet ihr bei uns lachen, statt ungeschulter Kantoren werdet ihr bei unL geschulte Sängerinnen hören rc." Da« möge zur Charakterisirung dieser Auswüchse des Pöbels dienen, der den plötzlichen Uebergang von tiefster Knechtschaft zu menschlicher Freiheit nicht zu ertragen verstand. Daß für ein so großes Publikum, wie es da-

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