Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 82-83 (21.10.1897)
- Date
- 1897-10-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1573 Sinnend schritt er zur Mairie zurück. Da fiel in seiner nächsten Nähe ein Schuß; die Kugel pfiff an ihm vorüber und durchbohrte seinen Mantel. Er blickte um sich, konnte jedoch nicht erspäben, woher das meuchlerische Geschoß gekommen war. Der Schuß hatte auch die Wachen allarmirt und Patrouillen durchstreiften in jeder Richtung das Dorf. Dr. Reiß ging seines Weges nach der Mairie, woselbst er mit Jubel empfangen wurde. Die Mutter und die Frau des Maire konnten nicht fertig werden, ihm immer wieder von Neuem zu danken. Der Verwundete, den er ihnen zur Pflege gesandt hatte, befand sich den Verhältniffen entsprechend wohl und fühlte sich heimisch bei den braven Menschen. Dr. Reiß traf seine Anordnungen und sagte, daß ein College den Kranken täglich besuchen werde, da er selbst Ordre zum Weilermarsch habe. Als der Maire das hörte, sagte er: „Ich werde Ihnen einen Wagen verschaffen, daß Sie, ohne zu sehr zu ermüden, Ihren Bestimmungsort erreichen." „Sie erfüllen meine Bitte, ehe ich dieselbe ausgesprochen," erwiederte der Arzt; „ich danke Ihnen." „Ich will noch mehr thun," fuhr der Maire fort, „ich selbst werde Sie fahren, damit Ihnen von unserer Seite keine Gefahr drohe." Er entfernte sich, um das Nöthige zu veranlassen. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, da kamen sein Vater und seine Schwester in großer Aufregung. Sie waren drei Tage verreist gewesen und hatten unterwegs alles gehört, was sich zugetragen. Als sie den feindlichen Offizier erblickten, stutzten sie und wollten sofort unikehren. Die Mutter jedoch rief sie zurück und sprach: „Das ist der Mann, der Dir Deinen Sohn und Dir Deinen Bruder gerettet hat. Danket ihm, er ist kein Feind, er ist Jehudi wie wir auch." Mit Thränen in den Augen stammelte der Vater seinen Dank, mit innigen Worten sprach ihn die Schwester aus. Als sie ihm ihre kleine wohlgepflegte Hand reichte und mit ihren dunkeln Augen dankbar zu ihm aufblickte, durchzuckte es ihn wie ein elektrischer Funke. Aber auch sie wandte erröthend das Haupt und entzog ihm rasch ihre Hand. Er war ja ein Prussien, und wenn er auch ihren Bruder errettet hatte, gehörte er doch einem Volke an, das den Krieg in ihr schönes Frankreich getragen, besten gesegnete Fluren von den Soldaten jener Barbaren nun verwüstet und zerstört wurden. Das junge Mädchen erhob sich und verließ das Zimmer. Dr. Reiß blickte ihr mit Bewunderung nach. Dieser graziöse Gang, diese elfenartige Gestalt, dieses herrliche Antlitz mit den dunklen, seelenvollen Augen entzückten ihn. Und als sie nun wieder kam im einfachen Hauskleide, worin sie noch schöner erschien und sich leise schmollend an ihre Mutter wandte, sprach er: „Mein Fräulein, wenn meine Gegenwart Sie irgendwie belästigt, will ich mich sofort^entsernen." „0 non, monsieurerwiederte sie, „vous etes les maitres!“ „Nicht so, mein Fräulein", erwiederte er, sie traurig ansehend. „Wir sind nicht die Herren. Wir bekriegen nicht das friedliche französische Volk, das sich, wie das deutsche Volk, lieber an der Culturarbeit des Friedens betheiligle, als an dem Gemetzel dieses unseligen Krieges — wir bekriegen nur die feindlich sich uns entgegcnstellende Militärmacht und Diejenigen, die, ohne dazu berufen zu sein, sich uns feindselig gegenüberstellen, und, mein Fräulein c’est Ja guerre.“ „Oui, monsieur, c’est la guerre; ich sehe es," sie fing plötzlich an, ein reines Deutsch, mit dem Accent der Franzosen, zu sprechen, „ich sehe es an dem armen Manne, den Sie uns zur Pflege übergaben." „Es ist der Gegendienst, den ich von Ihrem Bruder erbat. Aber, wenn Sie —" „Sie halten mich doch nicht für so barbarisch, daß ich einen Kranken aus dem Hause weisen könnte, dessen Pflege meine Mutter übernommen. Nein, lassen Sie alles, wie es ist. C’est Ja guerre.“ Dr. Reiß wäre fast ärgerlich geworden, aber die Liebenswürdigkeit, mit der die Französin ihm das Herbste sagte, entwaffnete ihn, und als jetzt der Bruder eintrat und ihm mittheilte, daß er sich um zehn Uhr des Abends bereit halten solle, erhob er sich und nahm Abschied. Die Eltern fegiteten ihn und die Tochter — schmollte. Er ging in die Mairie, ordnete alles Nöthige an und übergab seinem Nachfolger den Oberbefehl. Unterdeffen war es neun Uhr geworden und Henoch stand reisefertig neben dem Brunnen, einen kleinen Koffer, worin Verbandzeug und Instrumente waren, in der Hand. Da fuhr ein mit zwei Pferden bespannter Jagdwagen vor — Herr Leon führte selbst die Zügel — und hielt vor der Thüre. Dr. Reiß stieg sofort auf, Hennoch setzte sich zu Herrn Leon, und nachdem man am Hospital noch den zweiten Arzt ausgenommen hatte, ging es in scharfem Trabe in die dunkle Nacht hinaus, dem Schlachtselde zu. V. Während so die deutschen Truppen den Krieg in das Land des Feindes trugen und dort Mühsal und Noth ertrugen, wie solche der Krieg mit sich bringt, versuchten^die deutschen Frauen die Wunden, welche^ der Krieg den tapferen Söhnen des Vater-