Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 80-81 (8.10.1897)
- Date
- 1897-10-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448781--44727-2493836- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1552 tieöende, rückhaltlose Hingabe an das jüdische Gesetzesstudium, eine Hingabe mit Geist und Gemüth zu einer psychologischen Unmöglichkeit. Man kann zwar mitten im Strahl der Sonne des vorher stark und ries empfundenen Mondlichts so innig gedenken, daß die Sonne ihren Reiz verliert — aber am leuchtenden Tage den Mond erst verstehen lernen das vermag kein sterbliches Auge. Dies aber und nichts anderes verlangen diejenigen, die dem Durchschnittstudenden zumuthen, er solle von 11—12 sein ganzes Ich an das Verständniß eines Schriftverses, e.ner prophetischen Rede als Wort des lebendigen Gottes setzen, wenn er desselben Vormittags von 10—11 unter der Suggestion einer selbstherrlichen, in sich selbst ruhenden Kultur gestanden, deren höchstes Ideal dre Vergötterung des Menschen und der Menschheit bildet. In aller Ewigkeit kann s o kein tiefes, harmonisch-jüdisches Fühlen, keine klare und reiche jüdische Erkenntniß zustande kommen. Wir sind absichtlich bis jetzt mit keinem Worte auf den Inhalt des Gegensatzes zwischen Wissenschaft und Judenthum, Universität und Seminar eingegangen, weil für die große Masse die Ueberwindung eines inhaltlichen Widerspruchs oft leichter ist, als einer aus weiten Räumen kommenden Stimmung. Aus diesen Erwägungen allein müssen wir aber schon als erstes Ergebniß die Ueberzeuguttg gewinnen: Berlin ist vermöge seines geschichtlich gewordenen Charakters, seiner jüdischgesellschaftlichen Verhältnisse, seiner Eigenschaft als größte Universität und blendend st er Mittelpunkt einer scheinbar übermächtigen Kultur der denkbar ungeeignetste Ort für ein Rab b ine r-Senlinar. Man verlege das Seminar nach einem Orte mit weniger ungünstigem Boden und kräsligeur puisireuden, im Verhältniß zum Gesammtleben bedeutenderem jüdischen Leben — und die Gefahr wird stark verringert, die wahrhaft jüdische Einwirkung außerordentlich erleichtert werden. Die sich sofort erhebenden Bedenken in Betreff der wissenschaftlichen und vielseitigen Ausbildung der Seminaristen, die natürlich qualitativ nicht den geringsten Schaden leiden darf, sollen im folgenden Berücksichtigung finden. Das kann nur im Zusammenhang mit der zweiten Frage trach der eigenthümlichen Aufgabe der Seminararbeit, nach der Beschaffenheit des Lehrplans und des Lehrkörpers geschehen. II. Fest ftebt^ daß das Judenthum, wenn es nicht znekrM UfeÄSf/beA^ffslbsen Schalle verflüchtigt wird, vestiMrte W e l t a n s ch a u u n g, der Färbung nach genau zu präcisierende Lebensanschauungen und eine sehr genau festzustellende Lebensführung sein eigen nennt. Die Anerkennung dieser drei Faktoren verlangt es im Namen historischer Thatsachen: im Namen der zu einem bestiulmten Zeitpunkte slaltgehabten Offenbarung des göttlichen Willens, wie sie in der schriftlichen und mündlichen Lehre zum Ausdruck gelangt ist. Wen sein innerer Entwicklungsgang in einem dieser vier Punkte, jedenfalls aber im ersten, dritten und vierten, subjektiv endgültig zu abweichenden Anschauungen bezw. Grundsätzen geführt hat, von dem wird man ehrlicherweise sagen muffen, er stehe außerhalb des Judenthums. Allein wir muffen weiter gehen. Wer nicht imstande ist, nun auch positiv in allen diesen vier Punkten die Lehre des Judenthums mit dem Feuer der ehrlichen Begeisterung zu vertreten, der/Mag''er auch noch ein Jude sein, ist jedenfalls unfähig, geistiger Leiter einer Gemeinde, unfähig Rabbiner zu sein.*) Es muß demnach als erste und wichtigste Aufgabe eines jüdischen Rabbinerseminars gelten, seine Jünger mit dieser Begeisterung zu erfüllen und gegen alle Stürme zu wappnen, die sie zu verlöschen drohen. Mächtig sind diese Stürme und zahlreich: Die jüdische Weltanschauung wird von der modernen Naturwissenschaft und Philosophie angegriffen, die jüdische Lcbensanschauung und Lebensführung von der naturwiffenschaftlichen Ethik und einseitig aesthetischen Lebenssystemen in wesentlichen Punkten bekämpft, die historische Grundlage des Judenthums endlich von der Bibelphilologie und Geschichtsschreibung seit Jahrzehnten systematisch zu untergraben gesucht. Smd wir gegenüber dieser sechsgliedrigen Angriffskolonne wehrlos? Und wenn nicht, sollen wir wirtlich in unverantwortlicher Oberflächlichkeit so klaffende Gegensätze ruhig nebeneinander auf ein junges, wahrheilsdurstiges Gemüt cinwirkcn laffen, ohne den Ringenden, den wir selbst in den Kampf gestoßen, auch vorher mit 'Waffen gerüstet zu haben, den Kampf zu bestehen? Mau mag darüber streiten, ob es richtig wäre (wie dies vor Jahrzehnten ein jüdischer Schulmann verlangte), in der S ch u l e schon die Kiltder aus bibelkritische und alle möglichen anderen Einwände vorzubereiten — eine jüdische Hochschule, wenn sie nicht zu einer bloßen Dressuranstalt herabsinken will, *) Zw ir vertritt eine neuere, vielge esene Ethik den bequemen Standpunkt, daß es nickt als verwerflich anzusehen sei, wenn der wissenschaftlich gebildele Prediger einer kleinen Dorfgemeinde zu seiner Heerde ruhig weiter von „Göttlichkeit", „Offenbarung" und andren schönen Dingen rede, während er selbst ganz andere als die vorausgesetzten Begriffe^ mit. diesen Worten verbindet. Aber wir wollen diese »Ekhlk^oöch bis das nehmen, was sie istder'Ausfluß eitler hoffnungslosen Zerrissenheit, eine Verlegenheitsmoral, die die Wahrhaftigkeit des Denken prcisgiebt