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Der Israelit · 1897-10-08 · Heft 80-81 (8.10.1897) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 80-81 (8.10.1897)
Date
1897-10-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XUVUI, Jahrgang. Erste Seilage M M 80 & 81 des „Israelit". Leitender Artikel. I>ie Ansvikdung unserer Waövinen.v Von G. Saron. I. Ans dem „Schatten ver Verborgenheit" bespricht in Nummer 73 des „Israelit" ein mit Berliner Verhältnissen offenbar besonders vertrauter Herr einen Gegenstand, der wohl allen Beobachtern der geistigen Entwickelung innerhalb des Judenthums schon Anlaß znm Nachdenken und zu ernsten Befürchtungen geboten hat. Nicht sowohl die allgemeine Auseinandersetzung mit der modernen alttestamentlichen Kritik scheint uns dabei den Kernpunkt zu bilden, als vielmehr die cigenthümlichen Schwierigkeiten, mit denen die Ausbildung unserer künftigen geistigen Führer zu wissenschaftlich gebildeten und doch glaubenstreuen Männern heute zu kämpfen hat. Der Schutz vor dem süßen Gifte der Bibel-Philologie ist dabei nur eine dieser Schwierigkeiten, die nur im Zusammenhänge erkannt und überwunden werden können. Wer einige philologische Erfahrung hat,^der weiß, daß der Einfluß des Milieus, der allgemeinen Stimmung, der geistigen Atmosphäre in der Richtung des Denkens einen gewaltigen, oft geradezu zwingenden Einfluß ausübt. Derselbe Gedanke, der uns unter blauem Himmel, inmitten lachenden Grüns, unter einfachen, liebevollenMenschen Thränen seliger Rührung ablockte, muthet uns auf dem Parguet des Salons unter verfeinerten, eorrekten tin de -Üöcle-Menschen und befrackten Gelehrten wie eine abgestandene Sentimentalität an, und was denr grübelnden Denker am Schreibtisch als Absurdität erschien, begreift er im Kreise einer begeistert jubelnden Menge. Wer sollte empfänglicher sein für diese Imponderabilien der Umgebung als der junge Gymnasiast, der voll ahnender Erwartung den Boden der Reichshauptstadt betritt! Und welch' ein Boden dürfte schon im Allgemeinen ungeeigneter sein, religiös empfindende Menschen heranzubilden als der märkische Sand? Es ist noch heute, als ob des großen Friedrich flach rationalistischer Geist Dürre verbreitend über Berlin vorwiegend waltete — Verstandesbildung wird *) Anmerk. d. Red. Wir geben die Ausführungen des sehr geehrten Herrn Verfassers ’ 'J, die viel Beherzigenswerthes enthalten, hier wieder, ohne jchoch dessen Standpunkt vvÜkomwen^n iheilrn. In nächster Zeit weEii'wtö V rliVs er'e Ansicht über ofe'!IHÄWichti#£a$ef zu entwickeln. — unbewußt — einseitig bevorzugt, geringere Schätzung der Gemüthsbildung liegt gleichsam in der Luft. Dazu kommt, daß das gesetzestreue Judenthum in Berlin leider noch keine sehr imposante Stellung einnimmt und dem für sozialen Glanz nicht unempfänglischen jungen Menschen keinen gesellschaftlichen Kreis zu bieten vermag, der durch seine innere Geschloffenheit und einen dabei doch jüdischen Charakter vorläufigen Halt zu gewähren im Stande wäre. Es ist höchster Anerkennung werth, was der kleine Kreis gesetzestreuer Männer in hartem Ringen dem unfruchtbaren Boden der Aufklärungs-Hochburg abgewonnen hat, aber eine gesetzestreue, gebildete Gesellschaftsschicht in sozialem Sinne, die sich um einen einheitlichen Mittelpunkt gruppirt, hat sich — natürlicher Weise — nicht schaffen lasten. Selbst der durchaus würdige und für den Fremden herzerquickende Gottesdienst in der Gipsflraße entbehrt des in unserem Sinne geeigneten Publikums einer größeren Anzahl sozial angesehener, andere mit sich sortreißender Männer, und mancher der Herren Seminaristen zieht es vor, nach Absolvierung des Minjans in der Bachurim-Synagoge lieber in der Heidereutergaste, der „nach rechts und links schreibenden", seine ästhetisch-religiösen Bedürfnisse zu befriedigen. So steht der junge Student auch nach dieser Seite ohne stützenden Halt da; er entbehrt dessen, was der Durchschnittsmensch (und vier Fünftel der Studenten sind doch Durchschnittsmenschen) moralisch, religiös, jüdisch-wissenschaftlich am nöthigsten hat der Gesellschaft, die ihn empfängt und bewahrt, der öffentlichen Meinung, die ihn kontrollirt und ermuntert. Er sieht sich — im günstigsten Falle — angewiesen aus seine Genossen, die ihm nichts nützen können, aus seine Studirstube, seine Bücher und vor allem seine Lehrer an Universität und Seminar. Lassen wir zunächst die Individualität des Lehrkörpers und den Charakter des Lehrplans ganz außer Betracht und fassen wir wiederum, da von den Durchschnittsmenschen die Rede ist, nur das Milieu ins Auge. Schon in der Heimath hat. dem jungen Gymniasiasten die utmn inutov wie eine glänzende Sonne hineingeleuchtet. Und in der That, sie ist eine Sonne, neben welcher der ernste, stille Mond des Gipsstraßen-Hoses Niemals ausreichende Macht gewinnen kann. Was der titelgeschmückte, eine ganze ungeheure Kulturarbeit repräsentirende Professor auf dem Katheder des Auditoriums dozirt und w i c er es dozirt — aus dem Gefühle heraus, sich in den Grundlagen seimS^MerckeMlemA.M:.v.issen/Mit dem ganKtw breiten'StroM. derä 'AllgemernbewußtseinS — das alles macht eine gleichzeitige

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