Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 78 (30.9.1897)
- Date
- 1897-09-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1504 Glaubensgenossen so eindringlich wie möglich vor der Uebersiedlung nach Palästina warnen! Was soll man nun zu dem ungeheuerlichen Plan der Zionisten sagen, die unbedacht Millionen von Dürftigen durch die Verpflanzung nach Palästina dem Hunger und dem Abfall preisgeben wollen. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, in welcher Weise sich selbst besonnene Männer oft von idealen aber unklaren Bestrebungen hinreißen lassen. Seit Jahren verstummen die Klagen nicht darüber, daß die Missionäre, die an keinem anderen Orte nennenswerthe Erfolge zu verzeichnen haben, in Jerusalem immer wieder unter.den Aermsten der Armen ihre Opfer finden. Eine erschütternde Illustration zu dem alten Worte, das gerade in Bezug auf den Aufenthalt in Palästina gesprochen wurde: ptr bs •rp m bv: von bv nwo «3» dojib oe> ib. „Wer dort kein genügendes Auskommen hat, dessen Charakter wird dadurch verdorben und leicht wird er zum Abfall von Gott verleitet." Seit Jahren schon sieht man sich veranlaßt die kostspieligsten Wohlsahrtseittrichtungen zu treffen, um die verzweifelten Glaubensbrüder in Palästina vor den Lockungen der Missionäre zu schützen. Und es giebt noch gottesfürchtige Männer, die in ihrer Begeisterung für bx^v' px sitr oder in dem Bestreben, um jeden Preis etwas gegen die Judennoth in Rußland und Galizien zu thun, sich nicht scheuen, durch Ueberführung zahlloser Mittelloser nach Palästina der Mission geradezu neue Opfer in die Arme zu treiben! Uns ist eS unverständlich, wie Jemand, der sich einen freien Blick bewahrt hat, der ruhiger Ueberlegung fähig ist, eS wünschen kann, auch nur eine mittellose Familie unter den heutigen Verhältnissen zur Uebersiedelung nach Palästina zu veranlassen. Religion und Mitgefühl müßten ihm in gleicher Weise gebieten, in entgegengesetzter Weife seinen Einfluß auszubielen, um etwaige Unbesonnene von einem solchen Vorhaben zurückzuhalten. Es bleibt un2 jetzt noch die eine Frage zu beantworten, ob eS eine Pflicht ist durch Gewalt oder Geldmittel die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina herbeizusühren. Ein Blick auf den Talmud in Ketubot sol. 111 a müßte hier schon jede weitere Unsicherheit beseitigen. Anknüpfend an den Vers des Hohenliedes 7y mas osnx warn wird dort die Tradition mitgetbeilt, daß Gott unter furchtbaren Strafandrohungen Israel beschworen habe, n^nn no'na xbv, daß sie nicht versuchen sollten, sich vorzeitig in den Besitz Palästina's zu setzen. Selbst R. Sera, der es nicht für unstatthaft hielt, von Babylon aus nach Palästina zu gehen, erkennt dieses Verbot an. Es findet sich überhaupt keine Stelle im Talmud, die eine cntgegenstehende Ansicht wiedergäbe. In zahllosen Gebetdichtungen und Klageliedern hat Israel seiner Sehnsucht nach Palästina Ausdruck gegeben. Am neunten Ab bringen wir viele Stunden in der Synagoge zu und klagen und hoffen in den Kinot mit den Worten unserer großen Sangesmeister, an allen Feiertagen sprechen wir Gebete um den Wiederaufbau des Tempels und Jerusalems. Finden wir in einem einzigen dieser Gebete die Aufforderung oder Mahnung, durch irdische Mittel uns wieder in den Besitz des Landes der Väter zu setzen? Findet sich im bekannten herrlichen Zionsliede Juda Halevi's oder in den Stellen am Schluffe und im zweiten Thetle seines Kusari, die in Prosa dieselben Ansichten des Meisters wiedergeben, welche im Liede solch unnachahmlichen Ausdruck gewonnen haben, findet sich in den Werken dieses Dichters und Denkers, der Gut und Blut seiner heißen Liebe zu Zion zum Opfer brachte, auch nur ein Satz, mit dem er seine Brüder zum selbstthätigen Erwerb des Landes seiner Sehnsucht ruft! Der Gedanke, auf natürlichem Wege ohne sichtbare himmlische Hilfe das heilige Land wieder zu erwerben und dort einen Staat zu gründen, ist dem jüdischen Volke ein völlig fremder. Selbst bei den wiederholten pseudomessianischen Bewegungen war es nur der Hinweis auf vorgeblich übernatürliche Erscheinungen, der die Massen veranlaßte den Schwärmern oder Betrügern zu folgen. Wohin wir immer blicken, von welcher Sette auch wir den Zionismus betrachten, es findet sich nichts, was zu Gunsten dieser Bewegung spricht. Viele freuen sich darüber, daß Dank der zionistischen Bewegung jüdische Gesetzesverächter, die früher die Gebete um Jerusalem aus den Gebetbüchern gestrichen hätten, heute von Zion und Jerusalem, als dem Ziele ihrer Sehnsucht sprechen. Wir können auch diese kleine Freude nicht theilen. Was diese, wenn sie von Zion sprechen, erstreben, ist etwas ganz Anderes, als das, was den Gegenstand unserer heißesten Herzenswünsche bildet. Sind nicht alle unsere Gebete um den Wiederaufbau Jerusalems innig verknüpft mit dem Gedanken an die Wiedererrichtung des Tempels und mit der Sehnsucht nach dem Wiederaufleben des heiligen Opferdienstes? Würde auch nur Eines unserer Gebete für die Erlösung den Anschauungen der Herzl und Rordau entsprechen? Würden sie uns nicht ebenso gerne solche Opfergebete rauben, wie die Genoffen ihrer Anschauungen vor einigen Jahrzehnten es begonnen haben und heute noch fortsetzen? Haben sie Verständniß dafür, warum wir an den Peßachabenden und am Versöhnungstage unserer Sehnsucht nach Jerusalem einen ganz besondern innigen Ausdruck geben? Fühlen sie mit uns den tiefen Schmerz und die frohe Hoffnung, welche die Erinnerung an den herrlichen und erhabenen Gottesdienst im Heiligthume auf Moriah an diesen Festen in uns wachruft? Verstehen sie was uns be-