Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 75 (20.9.1897)
- Date
- 1897-09-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1462 Fest verlangt von uns, daß wir wählen. Nun denn, d’tq mrai, wählen wir das Leben, das Leben mit Gott, das Leben im Dienste dessen, der es uns als ein Geschenk seiner Gnade zuertheilt und es jeden Moment von uns nehmen kann. Dann würdet: wir nicht nur ein Fest feiern, ein kurzes, vergängliches, nein, dann wird das neue Jahr in seiner ganzen Dauer, wird unsere Zukunft ein Fest dem Ewigen, ein Triumph des Guten über das Gemeine, ein Segen an uns selbst und den Unsrigen! Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. ** Berlin, 7. Sept. (Das Rabbiner- Seminar zu Berlin.) Das Curatorium des Rabbiner-Seminars veröffentlicht soeben seinen Rechenschaftsbericht, welcher, die Jahre 1895 und 1896 umfassend, abermals ein Bild gedeihlicher Entwickelung und segensreicher Wirksamkeit darbietet. Beigegeben ist eine Abhandlung des Docenten Herrn Dr. D. Hoffmann „Neue Collectancen aus einer Mechilta zu Deuteronomium", auf welche an anderer Stelle eingcgangen werden soll. Mit dem Abschluß der genannten Jahre blickt die wackere Anstalt auf eine mehr wie dreiundzwanzigjährige Thätigkeit zurück, in der es ihr in hervorragendem Maße beschieden war, zur Kräftigung, Erstarkung und Ausbreitung des überlieferten Judenthums durch Ausbildung von Rabbinern beizutragen, welche mit umfassenden Fachkenntnissen eine allgemein wissenschaftliche, den Bedürfnissen und Forderungen unserer Zeit entsprechende Bildung verbinden. Wie sehr das Rabbiner-Seminar in diesem consequent vertretenen Streben einem lebendigen Bedürfnis zahlreicher auf die Festigung des confervativen Lebens im Jndenthum bedachter Kreise entgegengekommen ist, das beweist einestheils die stattliche Schaar wackerer, opferfreudiger Gönner, welche das Bestehen des Instituts unermüdet gefördert haben, andererseits die hocherfreuliche Thatsache, daß sich während dieser Zeit die Gebiete in ungewöhnlichem Maße erweitert haben, in welchen die aus der Anstalt hervorgegangencn Rabbiner zur Wirksamkeit berufen wurden. In den vorliegenden beiden Berichtsjahren erreichten die Berufungen soeben ausgebildeter Jünger die Zahl von 12, zu denen noch 7 Berufungen früherer, bereits im Amte thätiger Schüler auf neue Stellungen hinzukamen, das höchste bisher erreichte Resultat und sicherlich der beredteste Beweis für das wachsende Vertrauen, das die Gemeinden der erprobten Anstalt entgegenbringen. Unter den neu in ein Amt Eingetretenen befindet sich auch der jüngste Doeent des Rabbiner-Seminars, Herr Dr. I. Wohlgemuth, welchem in Folge einer nöthig gewordenen Erweiterung und zum Theil anderweitigen Disziplinen - Vertheilung die Vertretung des Talmud-Unterrichts in der zweiten Abtheilung und die Religionsphilosophie zugewiesen werden konnten. Die Zahl der ordentlichen Hörer beträgt 52 (von denen 39 aus Deutschland, 11 aus Oesterreich- Ungarn, 2 aus Rußland stammten) und hat damit eine Höhe erreicht, welche keine ähnliche Anstalt zu verzeichnen vermag. Diese Steigerung des Schüler- Contingents ist um so bemerkenswerther, da nach wie vor, ja mit noch strengerer Durchführung, zur Erzielung eines gleichmäßigen Bildungsniveaus an der Forderung eines Mindestmaßes von biblisch-talmudischem Wissen und des Besitzes eines Abiturienten-Zeugnisses bei der Aufnahme fcstgehalten wurde. Die Anstalt hat es aber gleichzeitig als eine schöne Ehrenpflicht angesehen, den Studierenden der verschiedensten Fakultäten der Berliner Universität, welche an dem Besuche von Seminar-Vorlesungen theilzunehmen wünschten, ihre Pforten offen zu halten, und der Bericht macht wieder zehn solcher Herren namhaft, welche theils die talmudischen, theils die eregetischen Vorlesungen neben ihren Universitäts- Fachstudien regelmäßig besucht haben. Auf alle Länder und Provinzen Deutschlands, ja weit über die Grenzen des deutschen Vaterlandes hinaus, bis nach Australien hat sich die Wirksamkeit der Anstalt erstreckt. Ueberall sind Männer thälig, die in ihrer Ausbildung, wie in ihrem Streben, das gesetzestreue Judenthum zu lehren, zu verbreiten und als religiös wirkende Macht jugendkräftig zu erhalten, mit ihrer Mutteranstalt, dem Rabbiner-Seminar zu Berlin, sich innig verknüpft fühlen. Es ist auch nicht zuviel gesagt, wenn wir behaupten, daß an den: „Zug nach rechts", der über die Grenzen dieser Schule und ihrer Jünger hinaus in dem religiösen Leben der deutschen Judenheit sich wirksam zeigt, in dem ernsten Bestreben, nicht weiter einzureißen, sondern den religiösen Besitz des Judenthums zu sammeln und zu erhalten, die Jugend zu tieferer Kenntniß ihrer religiösen Heiliglhümer zu erziehen, den Erwachsenen, die es früher versäumt, das Verständniß unseres religiösen Schriftthums zu erschließen — daß an all' diesen auf das Aufbauen und Festigen gerichteten Bestrebungen das Berliner Rabbiner-Seminar seinen gemessenen Antheil hat, sofern es jedem derartigen Bemühen seine Förderung zugewandt und diejenigen Männer, die in solchem Wiederaufrichten und positiven Wirken ihre Lebensaufgabe suchen, auch wenn sie der Berliner Schule nicht angehören, doch Stütze, Ermuthigung und thatkräftige Mitwirkung bereitwilligst zu Theil werden ließ. Diese Art ihrer Wirksamkeit erklärt es auch,