Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 74 (16.9.1897)
- Date
- 1897-09-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1444 Zeitungsnachrichten und «Korrespondenzen. Deutschland. ** Berlin. Wie eitt Berichterstatter mitrheilt, ist bei der russischen Behörde in Bezug aus die Behandlung russischer Unterthanen in Deutschland seit Kurzem ein völliger Umschwung eingetreten. Nicht nur, daß in einzelnen Fällen die Aufenthaltserlaubniß, auch wo deren Entziehung bereits angedroht war, ohne erheblichere Schwierigkeiten aus ein halbes bezm. ganzes Jahr verlängert wurde, sind auch die an verschiedenen Orten, z. B. in Memel, in größerer Zahl verfügten Ausweisungen auf Anordnung von höherer Stelle meistentheils wieder zurückgenommen worden. Die Betroffenen, fast ausschließlich russische Juden, die seit Jahren in Deutschland gewohnt haben, sind von der günstigen Wendung ihres Geschickes um so überraschter, als bisher alle ihre Beschwerden gegen ihre Ausweisung erfolglos geblieben waren und kurzer Hand abgewiesen wurden. Auch neue Aufenthalts- Erlaubntßfcheine werden unverdächtigen Ausländern, die sich über den Zweck ihres Verweileus im preußischen Staatsgebiete genügend ausweisen können, nach längerer Pause wieder für größere Zeiträume ertheilt. Man bringt den Umschwung mit dem Besuch des Kaisers in Rußland und der allgemeinen Besserung der deutsch-russischen Beziehungen in Zusammenhang. Haust Du meinen Juden nicht mehr, bleiben auch Deine verschont. ** Berlin, 10. Sept. Ein Jegliches hat siine Zeit, auch der Antisemitismus in Berlin. In diesen Tagen hat eine Versammlung stattgesunden, über die das frühere Leibblatt des Herrn Ahlwardt ausführlich Bericht erstattet. Redner des Abends war einer der Redakteure jenes Blattes, Herr Wilberg. Anwesend waren auch Führer verschiedener Gruppen der Parthei, wie Herr Wilhelm Kretzer, von Mosch u. a. Herr Wilberg führte auS: Daß die einst so blühende antisemitische Bewegung sich augenblicklich imStillstandebefinde, werde wohl niemand bestreiten; dieser Stillstand aber sei darauf zurückzuführen, daß in der Berliner Bewegung einzelne Sonderströmungen vorhanden seien, die in der Eitelkeit einzelner Personen ihren Ursprung verdanken. Jeder glaube, das richtige Heilmittel in der Hand zu haben, jeder quacksalbere herum in Vereinen und Vereinchen, und wenn man aus all diesen Versuchen das Facit ziehe, so sei es gleich null. Der Redner zog gegen die „kleinen Geister" zu Felde, die nur die eigene Person verherrlichen wollen. In der Debatte wandte sich ein Herr Krauts besonders gegen Professor Förster, der die Flinte ins Korn geworfen und als Schulmeister politische Kinder vor sich zu haben glaube, denen er befehlen dürfe. Ein Herr Fischwasser vom „Germanischen Volksbund", warf der Parteileitung vor, daß sie kein festes Ziel habe, wogegen ein Herr Richter vor dem politischen Kesseltreiben des „Germanischen Volksbundes" warnte. Herr von Mosch erblickte die Schuld an dem Stillstand der Bewegung in der falschen Organisation, während Herr Kretzler lebhaft gegen Herrn von Mosch, dessen Blatt und seinen Mitarbeiter Förster vom Leder zog. Herr von Mosch erwiderte, das; Professor Dr. Förster jetzt genau so wie er, (von Mosch) vom „Germanischen Volksbunde" angestellt sei und pro Monat 100 Mark Gehalt für seine Agitation bekomme, da er mit seinem Professorengehalte seine Familie nicht ernähren könne. Es fehlte nicht an höhnischem Lachen urid Pfuirufen der einen Gruppe gegetl die andere, aber 311m Schluß auch nicht an Hochrufen aus die Einigieit der Antisemiten. Da die Antisemiten selbst den Stillstand ihrer Bewegutlg zugeben, wird inan überzeugt sein dürfen, daß hier, wenn irgendwo, St'llstand Rückschritt bedeutet. ** Berlin, y. Sept. Tie Blätter gaben Mittheilungen des früheren „Volk"-Redaeteurs Oberwinder über die Beziehungen zwischen Ahlwardt und den Konservativen, worin erzählt war, wie der konservative Gegenkandidat Ahlwardt's in dessen Wahlkreis beim späteren Wahlgang Ahlwardt zum Frühstück einlud und seine Getreuen ausforderte, für den radikalen Antisemiten zu stimmen. Die Miltheilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus ergänzen diese Erzählung noch dahin, daß Ahlwardt auch die Gastfreundschaft eines der konservativen Fraktion des Reichstages noch heute angehörigen Abgeordneten aus Pommern Wochen lang auf dessen Gut genossen hat. Noch interessanter ist die Thatsache, daß anläßlich der Wahlen von I8y3 der damalige Führer der Konservativen Frhr. von Manteusfel in Gegenwart des Herrn Stöcker mit demselben Ahlwardt verhandelt hat, welchem im Reichstage durch den Referenten Dr. Porsch kurz vorher ohne Widerspruch bescheinigt worden war, daß er keinen Funken von Ehrgefühl im Leibe habe. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß Ahlwardt, der in Berlin ein Cigarren-Engrosgeschäst begründet hat, gegenwärtig wieder seinen Wahlkreis bereist, um dort — Filialen seines Geschäfts einzurichten. Das ist in der That praktische Politik, und wenn Ahlwardt dasür ebensoviel Dumme findet, wie bei feiner Wahl, dann kann er zufrieden sein. Halverstadt, 9. Sept. Am 15. dss. Mts. begeht Herr I. P e t u ch 0 w s k i sein fünfundzwanzigjähriges Amtsjubiläum als Sofer unserer Gemeinde sowie als Vorbeter und Kore der hiesigen Klaussynagoge. Herr Petochowski hat sich nicht nur durch sein biederes Wesen und seine stets hilfsbereite Selbstlosigkeit die ungetheilte Achtung und freudige