Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 74 (16.9.1897)
- Date
- 1897-09-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1438 Nordau für ihre Wohlthätigkeit unsere Reichen mit dem Vorwurf und der Anklage beehrt, daß sie „das Schmarotzerthum unterhalten"! — Noch weit mehr aber hat uns in den Meinungsäußerungen des Verfassers der „konventionellen Lügen" die Art und Weise abgestoßen, wie er von der Emanzipation spricht: „Die Männer von 1792 emancipirten uns ans Prinzipienreiterei." Dieser eine Satz reoet Bücher. Ein Jude ist es, der den europäischen Staalsmännern Vorwürfe darüber macht, daß sie gegen die Gesinnungen der Völker den Juden Gleichberechtigung gewährt hätten. Alle die Worte, welche in der Rede über diesen Gegenstand vorgebracht werden, tragen ihren Tadel so sehr in sich, daß der Leser bei einiger Aufmerksamkeit das Verwerfliche und Gefährliche dieser Gesinnung selbst herausfinden und verurtheilen muß. Herr Nordau scheint bei unseren Feinden in die Schule gegangen zu sein. Die Art der Antisemiten ist es, für alles Mögliche die Juden verantwortlich zu machen und wenn ein Jude ein Unrecht gethan hat, alle unsere Glaubensgenossen dafür heranzuziehen. Herr Nordau wendet dieses System den Nichtjuden gegenüber an, um uns Furcht vor den Völkern, unter denen wir leben, einzujagen. Die Antisemiten beschimpfen unsere Neichen und rütteln an der Grundlage der Emancipation — Nordau thut dasselbe. Es wurde schon gesagt, daß Nordau, der Freund alles Paradoxen, gerade deshalb für den Judenstaat schwärme, weil ein selbstständiges jüdisches Reich ihm als ein Paradoxon erschiene. Wir müssen sagen, daß wir uns nichts denken können, was mehr paradox und widersinnig wäre, als daß Aeußerungen, wie die erwähnten, von einem Juden ausgesprochen werden, noch dazu in einem Augenblick, wo er für seine unterdrückten Stammesgenossen eintreten will. Herzl, Nordau und ihre Gesinnungsgenossen, der Zionismus, den sie predigen, bilden eine ernste Gefahr für das friedliche Zusammenleben der Juden mit ihren Mitbürgern, sie treiben Wasser auf die Mühlen des Judenhasses. Wir glauben, daß die Gründe, welche wir hier entwickelt haben, überzeugend genug sind, unl jeden Vernünftigen Front gegen den Zionismus machen zu lassen. Die Verschwendung der ungeheuren Summen, welche die Zionisten für ihre unsinnigen Zwecke mobil machen wollen und welche so der zielbewußten Wohlthätigkeit entzogen würden, rechnen wir nicht unter die Gefahren dieser Bewegung, weil wir die große Mehrzahl unserer Glaubensgenossen denn doch für viel zu vernünftig halten, als daß sie in unserer ernsten Zeit für Utopien Geld übrig haben. (Schluß folgt.) Zertnngsnachrichten und Correfponvenzerr. Deutschland. ** Berlin, 10. Sept. Die „Post" schreibt: Die zionistische Bewegung, welche auf die Gründung eines jüdischen Nationalstaates in Palästina abzielt, macht seit einiger Zeit mehr von sich reden, als ihrer praktischen Bedeutnng entspricht. Mit dem Sultan suchen sich die Leiter der bisher nur geringe Wellen schlagenden Bewegung möglichst gut zu stellen; sie haben ihm bereits einen Dank votirt — wofür, dürfte dem Beherrscher der Gläubigen selbst nicht deutlich bewußt sein. Ein Conkurrent meldet sich nun emer römischen Information der „Daily News" zufolge im Vatikan. Der Papst, schreibt das englische Blatt, ist ziemlich besorgt, die zionistische Bewegung zur Rückkehr der Juden nach Palästina möge größeren Umfang annehmen. Die Meldung, der Sultan habe den Zionisten schon Versprechungen gemacht, veranlaßte den Papst, Msgr. Benetti, den apostolischen Delegaten in Konstantinopel nach Rom zu berufen, um sich mit ihm zu berathen, wie man den jüdischen Plänen entgegenarbeiten solle. Guten Katholiken seien sie ein Dorn im Auge. Der Plan widerstreite zudem dem Wunsche des Papstes, das nöthige Geld aufzutreiben, das heilige Land anzukausen und es den Ungläubigen zu entreißen. Der Vatikan hat bereits Frankreich, welches die Schutzmacht über die katholischen Interessen im Orient ist, Vorstellungen gemacht. ** Berlin Nach Meldungen, die dem „Hamb. Korr." aus Tanger vom 30. August zugehen, bestätigt es sich, daß mit der Gefangennehmung des Kapitäns und von vier Matrosen des portugiesischen Seglers „Nosita" durch Rifpiraten lediglich der Zweck verfolgt worden ist, deren in die „Prosper Corrne" Affaire verwickelte Stammesgenossen vor der Bestrafung zu sichern. Inzwischen ist es geglückt, zwei der Matrosen wieder in Freiheit zu setzen, unv zwar dank des Einschreitens eines jüdischen Kaufmanns Namens Pinto, der Waffenhandel treibt und dadurch einen erheblichen Einfluß auf die Rifbevölkerung ausüben soll. Man nimmt an, daß es dem israelitischen Kaufmann gelingen werde, auch noch die Freilassung der übrigen drei von den Rifpiraten gefangen gehaltenen Portugiesen zu erwirken. Dies ist um so mehr zu wünschen, als sich von einem Einschreiten der marokkanischen Behörden, die den Piraten gegenüber nahezu machtlos sind, nicht viel erwarten läßt. Gerade die neuesten Vorfälle haben wieder bewiesen, daß an einen wirksamen Schutz des fremdländischen Handels vor den Räubereien der Rifkabylen nur zu denken ist, wenn Europa sich der Sache ernstlicher als bisher annimmt und erforderlichen Falls zur Anwendung von Machtmitteln greift. Aus dem Bezirksrabdinate Breiten. Unter dem Vorsitze des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Schleßinger fand am verflossenen Sonntag die amtliche Conferenz der Religionslehrer des Rabbinats