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Der Israelit · 1897-09-16 · Heft 74 (16.9.1897) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 74 (16.9.1897)
Date
1897-09-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1437 politischen Kalküls machen, und wo diese beiden Machtfactoren die Gefahren einsehen und das für die Dauer Zweckwidrige, das darin liegt, den Antisemitismus als Blitzableiter gegen allgemeine Unzufriedenheit und gegen die Verbreitung radikaler Ansichten zu benutzen, daß von diesem Zeitpunkt an der Judenhaß nur noch sehr schwach in die Erscheinung treten wird und man über ihn zur Tagesordnung wird übergehen können. Wir halten es für nothwendig diese Bemerkung unserer Betrachtung über den Zionismus einzufügen, da seit dem Erscheinen der Broschüre Herzl's von seiner Partei daran gearbeitet wird, den Raffenunterschied zwischen den Juden und ihren „Gaftvölkern" geflissentlich hervorzuheben und die Kluft zwischen uns und unseren Mitbürgern möglichst zu '.erweitern. Sobald sich einmal in den Köpfen der Irrwahn festgesetzt hatte, den Juden sei nur zu helfen, wenn sie eine Nation für sich bildeten, griff man zu ähnlichen Mitteln der Verhetzung, wie man sie in unserer Zeit des NaüonalitätenhaderS wiederholt anwandte, um die Gleichförmigkeit der europäischen Brudervölker in Sitte und Anschauung vergeffen zu machen. Fast Alles, was die Raffenantisemiten gegen uns in« Feld führten, sprechen ihnen die Rasienjuden, laut und lärmend wie jene, in Wort und Sckrift nach. Für Diejenigen, welche, dem gewisienhaften Arzte gleich, die Entwickelung dieser Geisteskrankheit, da wo sie literarisch sich äußerte, aufmerksam verfolgten, bedarf es keiner Belege für unsere Worte. Um nur Eines zu erwähnen, fast jede Nummer des Moniteurs der provisorischen zionistischen Regierung liefert dazu Beweise. Wem zionistische Literatur-Produkte nicht zur Verfügung stehen, der lese die große Rede Max Nordau's beim Kongresse. Den Beifall, welchen diese oratorische Leistung fand, zeichnet „Die Welt" mit folgenden Worten: „Die Versammlung rauscht hoch auf. Congreßmitglieder und Zuhörer haben sich von ihren Sitzen erhoben und rufen dem Redner stürmische Worte der Zustimmung und Begeisterung zu." Wir können nicht umhin die Beredsamkeit de» Herrn Nordau zu bewundern, aber es müssen nicht immer gute Dinge sein, welche durch gute Reden vertreten werden. Aeschines war kein viel geringerer Redner als Demosthenes; dessenungeachtet wird man seine Begünstigung Philipps von Mazedonien stets verurtheilen. Das „Wie" der Rede Nordau's ist bewunderungswürdig, das „Was" ist zum großen Theile energisch zurückzuweisen. Die Rede schildert Alles grau in grau. Wenn die Zustände irgendwo traurig find, werden sie im Munde Nordau's grauenhaft. Wenn ein Nichtjude „Juden raus" ruft, dann hört der Redner diesen Ruf aus dem Munde der ganzen Bevölkerung. Wenn ein oder zwei Vereine keine Juden zulassen, sperrt man sich allüberall gegen die Juden ab. Die Leser können sich aus der ihnen ja vorliegenden Rede nach Belieben eine Sammlung solcher Uebertreibungen anlegen. Die Antisemiten haben sich herzlich gefreut, als sie von eineiu Juden die Verhältnisse haben schildern hören, wie sie sich solche in ihren kühnsten Träumen kaum gedacht Habens Den Herren Judenfeinden wird dieses ein Ansporn sein, so fürchten wir, diesem Hochziel wacker entgegenzustreben. An allem jüdischen Unglück ist nach Herrn Nordau der Haß der Völker gegen uns Schuld. Jeder Vorurtheilslose weiß, daß die Armuth der Juden in Rußland und Galizien in den Verhältnissen dieser Länder begründet ist und daß es dem Gros der nichtjüdischen Bevölkerung auch nicht viel besser geht. So mußte Herr Nordau selbst zugeben, daß die materielle Lage unserer Glaubensgenossen in dem judenfreundlichen Ungarn ebenfalls gerade keine sehr glänzende ist. Man kann nur sagen, und dieses trifft zum Theil auf Rußland und Galizien zu, daß der erwachende Judenhaß die Lebensbedingungen der Aermsten noch erschwert. Warum übertreibt Herr Nordau, da wo schon Schlimmes genug geschehen ist? Warum belastet er ohne Grund das Sündenregister unserer Feinde, das doch wahrlich schon lang genug ist? Um unfern Kummer zur Verzweiflung anwachsen zu lassen, und uns so mürbe genug zu machen, damit wir seinen und seiner Freunde unüberlegten Plänen gedankenlos folgen. Dieses Alles könnte man Nordau noch verzeihen, aber zwei Dinge sind es, die, neben dem krassen Unglauben, welcher wie ein rother Faden seine Rede durchzieht, laut nach Verurtheilung schreien. Das Eine ist der Passus seiner Rede, in welchem er unsere Reichen den Antisemiten ausliefert. Es ist tiefbetrübend, daß die Mehrzahl unserer Neichen dem Goitesgesetze den Rücken gekehrt hat, das tadelt der Redner nicht, er weiß ja, daß er selbst zum mindesten nicht besser ist. Aber, fragen wir, ist denn Reichthum ein Verbrechen? Und dann, kann man das Judenthum anktagen, daß es unter den zehn Millionen seiner Bekenner „einige Hundert überreiche Juden" besitzt? Ist dieses nicht vollkommen naturgemäß! Wir glauben, daß unter anderen Völkern von zehn Millionen mehr „Ueberreiche" sind, als wir unter den Juden kennen. Bei allen Vorwürfen, welche man bis jetzt begründet und meistens unbegründet unseren Reichen macht, mußte doch stets zugestanden werden, daß sie sich durch ganz hervorragenden Sinn für Wohlthätigkeit auszeichneten. Herr Nordau findet sich damit derart ab, daß diese Almosen, „die sie hinwarfen", für sie keine Opfer sind. O, wenn doch Alle, für die große Geldgeschenke keine Opfer sind, einerxansehnliche^ Theil ihrer Habe zu Almosen verwendeten! Wir glauben, die soziale Frage wäre ihrer Lösung bedeutend näher gerückt. Und was soll man ferner dazu sagen, daß

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