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Der Israelit · 1897-09-16 · Heft 74 (16.9.1897) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 74 (16.9.1897)
Date
1897-09-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1436 furchtbare Gefahren für Israel heraufzubeschwören? Wir wollen unserer Phantasie nicht gestatten trübe Bilder zu entfalten, die eine Gefahr jedoch wollen wir zeigen, die sicher droht, wenn der Lockruf der Zionisten in den elenden Hütten der Bedrängten in Rußland, Polen und Rumänien gehört und befolgt wird. Werden diejenigen, welche die falschen Hoffnungen wachgerufen haben,imStande sein, die ungeheure Menge der Auswanderungslustigen zurückzuhalten, die sich in gewaltigen Zügen Palästina zuwälzen werden, sobald man ihnen durch den Aufenthalt in diesem Lande das Ende aller Leiden verheißen hat? Noch frisch lebt in unserer Erinnerung die Thatfache, wie schwer es für die jüdische Wohlthätigkeit halb Europa's wurde die russischen Auswanderer, welche als Opfer der Ausweisungen und Verweisungen ihr Vaterland verließen, mit dem Nothwendigsten zu versehen. Welch' unsägliche Leiden hatten diese Heimathlosen und Vertriebenen zu bestehen! Wie wandte sich damals der Unwille der durch diesen Jammer Tieferschütterten gegen das damalige Regierungssystem in Rußland, welches durch seine grausame Härte das Alles verschuldet hatte! Und heute, wenige Jahre nachher, welch' schwere Verantwortung laden die zionistischen Führer sich auf, wenn, was Gott verhüten möge, durch ihre verwirrenden Pläne und berauschenden Reden die Aermsten sich bethören ließen, auf Ungewissehin da- Letzte zu verlassen, was sie noch ihr Eigen nennen und eine freiwillige Auswanderung beginnen, die eine noch viel weitere Ausdehnung annehmen würde, als die vom Despotismus erzwungene; und darum auch noch schrecklichere Begleiterscheinungen zeigen würde. Diesen gegenüber wird dann alle Hilfsbereitschaft schwach und machtlos sein. Glaubt man dann durch Wort und Mahnung eine leichtsinnig herbeigerufene Bewegung eindämmen zu können! Macht sich nicht Jeder, der hier rechtzeitig abmahnen kann, und nicht mahnt, einer unverzeihlichen Sünde schuldig? Das ist ein Theil nur der Gefahren, welche drohen, wenn die zionistische Bewegung weiter einen ungestörten Fortgang nimmt. Aber auch heute schon sind Dinge geschehen, welche zu den ernstesten Befürchtungen Anlaß geben und welche nicht laut und scharf genug mißbilligt und getadelt werden können. Wir haben schon wiederholt betont, daß wir in den Zionisten Fanatiker sehen, welche sich der Unerreichbarkeit ihrer Ziele gar nicht bewußt sind. Auch in ihren Mitteln sind sie gleich allen anderen Fanatikern nicht wählerisch. Zu den erfreulichsten Errungenschaften der Neuzeit zählten wir bis heute die Emancipation der Juden und das Verschwinden der Vorurtheile gegen unser Volk, welche im Laufe der Jahrhunderte aus kirchlichen und politischen Gründen den Massen eingeunpft waren. Kenner der Volksseele und aufmerksame Beobachter der politischen Bewegung im Innern der Staaten wissen auch, und das ist der beste Trost der Schmach des Jahrhunderts gegenüber, daß der Antisemitismus nicht von den Völkern ausgegangen ist, sondern daß er von manchen Regierungen als Gegengewicht gegen moderne Strömungen oder aus sonstigen Gründen wieder künstlich groß gezogen wurde. In Ländern, wo man mit dem Volk regieren muß, versuchte man das Volk mit allen möglichen Mitteln, oft mit Aufwand von Millionen, zu vergiften; da wo man nach eigener Laune und Lust die Staatsgeschäfte besorgt, ließ man dem Volke im Allgemeinen seine Zuneigung zum jüdischen Stamme, weil man zur Ausführung der judenftindUchen Pläne das Volk ja nicht brauchte. Es ist bekannt, daß in den beiden Ländern, welche am meisten unter dem Zeichen des Antisemitismus stehen, in Oesterreich und Rußland, in dem einen Lande bis vor wenigen Jahren die gutmüthige Bevölkerung zugleich äußerst judenfreundlich war, in dem anderen Lande trotz der drakonischen Maßregeln, welche von den regierenden Kreisen ausgehen, die Unterthanen im Großen und Ganzen ihre Zuneigung zu unseren Glaubensgenossen sich unvermindert bewahrt haben. Es ist noch nicht gar zu lange her, daß ein bedeutender Kanzelredner der Reform in Wien es für nöchig hielt,seine Zuhörer in der einen Rede darüber zu belehren, daß Israel noch des Trostes bedürfe und in einer anderen unter Zustimmung eines großen Theits seines Publikums ausführen konnte, daß für die Wiener Juden nur sehr wenig fehle, daß sie sich für vollkommen erlöst halten könnten. Aus Rußland wird uns häufig berichtet, daß Bewohner von Gegenden, die „juoenrein" werden sollen, mit allem Ungestüm, das in Rußland möglich ist, von der Regierung ihre Juden wieder verlangen. In Ungarn, dar wiederholt in Basel als judenfreundlich gerühmt wurde, ist der Antisemitismus, noch bevor er in den meisten anderen Culturländern sich zeigte, in sehr bedenklicher Form ausgetreten und e« genügte die entschiedene Stellungnahme der Regierung, um diese mittelalterliche Erscheinung verschwinden zu lassen. Rurnänien erscheint uns unter den europäischen Ländern, die von Juden stark bevölkert sind, als das einzige, wo durch noch nicht aufgeklärte Ursachen der Judenhaß eine tief eingewurzelte Gesinnung des Volkes zu sein scheint. Dazu kommen noch einige Gegenden, wo gar keine oder nur wenige Juden wohnen. Es ist anerkannt, daß dort die Unbekanntschaft mit den Juden und die falschen, oft abenteuerlichen Vorstellungen von denselben die Ursachen der Abneigung sind gegen ein Volk, das wohl mit unserem Namen benannt wird, in Wirklichkeit aber nur in der Vorstellung lebt und mit uns sehr wenig gemein hat. Alle Einsichtigen müssen zugestehen, daß von dem Augenblicke an, wo Regierung und Kirche die Juden nicht mehr zum Gegenstand ihres

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