Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-09-13 · Heft 73 (13.9.1897) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 73 (13.9.1897)
Date
1897-09-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448775--44587-2493690
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1420 über. Der erfahrene Mann lächelt über die unreifen Pläne des ungestümen Jünglings und läßt es sich ruhig gefallen, wenn dieser sich in seinem Feuer zu Schmähungen hinreißen läßt. Betrachten wir einmal diese Seite der zionistischen Bestrebungen. Den Juden in Rußland soll also dadurch geholfen werden, daß man ungeheure Mittel aufbraucht und verwendet, um diese Millionen Unglücklichen im Lande ihrer Väter durch Ackerbau in erster Linie und dann auch durch Handwerk, Handel und Industrie zu günstigen Lebensbedingungen zu erheben. Wir sind in der glücklichen Lage, und dieses wurde sogar beim Kongresse von einem Redner betont, bevor wir das gewaltige Hilfswerk beginnen, eine Probe auf seine Ausführbarkeit machen zu können. Es ist mit dem Probiren sogar schon begonnen worden, zum größten Theile ebenfalls ohne Mtthilfe der Zionisten von l;cute. In .Palästina selbst wohnen seit vielen Jahren wieder viele Tausende von Juden, und trotzdem, oder vielleicht besser, weil sie dort wohnen, findet die überwältigende Mehrheit von ihnen keine Beschäftigung und kein Brod. Zuerst waren es meist Pilger, die am Abend ihres Lebens das fromme Streben dorthin trieb, an den heiligen Stätten sich mit dem Studium der Thora zu befassen und in heiligem Boden ein Grab zu finden. Die stets bereite jüdische Wohlthätigkeit sah eine ihrer würdigsten Aufgaben darin, für die Frommen im heiligen Lande zu sorgen. In der ersten Zeit waren die aus Europa kommenden Mittel ausreichend. Als die Familien der ersten Pilger sich aber vermehrten und immer weitere Züge von Einwanderern mit den verbesserten Verkehrsmitteln der Neuzeit kamen, da zeigte es sich, daß es sehr schwer sei im Erwerbsleben in Palästina das zum Leben Nöthigste zu finden, und daß eine uuverhällnißmäßig große Zahl der dortigen jüdischen Einwohner auf den Wohlthätigkettssinn ihrer Gtaubensbrüder angewiesen bliebe. Mit der Vermehrung der Hülssbedürfngen wurde naturgemäß der Ertrag der spenden für die Einzelnen immer geringer und in vielen Fällen ganz unzureichend. Die Armen suchten zwar Arbeit und Beschäftigung, ohne jedoch dieselbe in irgend ausreichender Weise finden zu können. Die jüdische Wohlthätigkeit macht sich nun an die Lösung des Problems hier Hülse zu bringen durch Erziehung zu lohnender Arbeit und durch Schaffung von Verhältniffen dieselbe lohnend ausübcn zu können. Erziehungsanstalten, Handwerkerschulen, Ackerbauschulen Vereine, welche ctne Industrie ins Leben rufen wollten, wurden gegründet. Doch derErfolg war imVcrhältnißznden aufgewandten Mitteln äußerst gering. Dem Elend der besonders nach den russischen Verfolgungen noch viel zahlreicher gewordenen jüdischen Gemeinden in den verschiedenen Städten des Landes war nicht zu steuern. Die Ursachen sind mannigfaltig und noch nicht nach allen Seiten klar gelegt. Das bis jetzt j großartigste Unternehmen, hier zu helfen und zugleich den Boden urbar zu machen, ist das in edler Menschenfreundlichkeit mit vielen Summen ins Leben gerufene Kolonisationswerk des Baron Edmund von Rothschild. Ihm verdanken wir es wenigstens, daß in einer größeren Menge Früchte des Heiligen Landes wieder auf den Märkten erscheinen. Wir sind erfreut, Wein und Obst aus dem Heiligen Lande genießen zu können. Die Erträgniffe der Colonieen waren Vielen ein Beweis von der wiedererstandenen Fruchtbarkeit des Landes unserer Erinnerung und Sehnsucht. Man vergaß ganz die Frage, ob denn der Ertrag auch den ausgewandten Mitteln entspräche. Nur in eingeweihten Kreisen spricht man davon, daß die Erfolge der Colonieen bis jetzt nur übermäßig großen Opfern zu verdanken seien und wir daher nur Scheinerfolge haben. Wenn dem so ist, daß dieser Betrieb nicht materiell lohnend ist, so kann man wohl wegen der ideellen Seite der Unternehmungen dieselben fortsetzen, es ist eine schöne Aufgabe den Boden des heiligen Landes urbar zu macken, wenn dieses auch mit übergr oßen Opfern verbunden ist. Aber die Aussicht durch Anlegen von Colonien hungrigen und darbenden Menschen aufzuhelsen, werden äußerst gering. Wir muffen sagen, daß unter solchen Umständen die Erlragsfähigkeit des heiligen Landes für uns noch lange nicht erwiesen ist. Zudem leiden alle Unternehmungen in fernen Ländern an dem Uebelstande, daß man nur äußerst schwer richtige Männer zu ihrer Leitung findet. Will man sich nicht ganz junger Männer bedienen, die noch am Anfang ihrer Laufbahn stehen, und deren Tüchtigkeit noch nicht erprobt ist, so wird die Mehrzahl derjenigen, die sich dazu verstehen als Beamte in ferne Gegenden zu ziehen aus Abenteurern bestehen, die in Europa mehr oder weniger Schiffbruch gelitten haben und auf deren Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit nicht allzu sehr zu bauen ist. In Argentinien hat man hierbei erschreckend ungünstige Erfahrungen gemacht, und auch die Wohlsahrtseinrichtungen in Palästina können uns leider dazu viel Material liefern. Nach unserer Ansicht trägt die Unbrauchbarkeit der Beamten zum großen Theil mit die Schuld, daß die Philantropie in Palästina so wenig Früchte ihrer hochherzigen Werke sah. Wird dieses beffer werden? Wir geben zu, daß es möglich ist, daß hier die neu entflammte Begeisterung für Zion nützen kann, indem vielleicht tüchtige und ehrliche Kräfte ersten Ranges das Opfer bringen, eine gesicherte und angesehene Stellung in Europa aufzugeben, um sich dem großen Liebeswerke in Vorderasien zu widmen. Wenn wir jedoch soweit gelangt sind, daß die Kolonisirung Palästina's Erfolg verheißt, so richtet sich immer noch nicht unser Blick nach den slavischen Ländern der Judennoth, wir bleiben ruhig in Palästina. Es wartet unserer dort noch genug Arbeit.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.