Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 72 (9.9.1897)
- Date
- 1897-09-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1404 zügen jahrhundertelang um den Besitz desselben gekämpft, auf einmal großmüthig die Besitzergreifung Palästinas durch die Juden zulassen werden, selbst wenn der Sultan, dessen Huld und Gnade man während der Verhandlungen nicht genug rühmen konnte, damit einverstanden sein sollte? Soll ja schon der Papst, wie französische Blätter zu berichten wissen, Protest erhoben haben. Haben ferner die Herren denn ganz den Glauben an den Fortschritt und die Entwickelung der Menschheit verloren, daß sie jede Hoffnung auf Verschwinden von Antisemitismus und Judenhaß aufgeden? Kann man überhaupt über eine verhältnißmäßig so junge Errungenschaft, wie die Emanzipation, heute schon ein endgültiges Unheil fällen? Mit welchem Wohlwollen hat Alexander II: von Rußland die Juden überhäuft, hält man es denn für ganz ausgeschlossen, daß solche Zeiten wiederkehren und daß die Wendung eine andauernd günstige bleibe? Auch über den hohen Grad, inwieweit die Assimilation unter den Juden vorgeschritten, täuscht man sich zweifellos in zionistischen Kreisen, wenn man behauptet, daß in kürzester Zeit das bloße Zusammenwohnen in Palästina einen Ausgleich zwischen Ost- und Westjuden herbeiführen, ein einheitliches nationales Gepräge dem jungen Staate aufdrücken würde. Das einzige Bindeglied zwischen den Juden tst und bleibt ihre Religion, von der aber kein Redner gesprochen, das Judenthum ist vor allem eine Religionsgemeinschaft. „Zionismus ist Rückkehr ins Judenthum vor der „Rückkehr ins Judenland" ist eine bezeichnende Stelle in Dr. Herzl's Begrüßungsrede. In diesen Worten liegt Wahrheit. Der Zionismus hat manchen Indifferenten Liebe zum Judenthume emgefläßt, was die vielgerühmten „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" nicht vermocht, insoweit ist der Zionismus zu begrüßen. Zu begrüßen ist auch die vorgesehene Linderung des Judenelends durch Verpflanzung der östlichen Juden in bessere Lebensbedingungen. Aber wenn man wahrnimmt, wie die öffentliche Meinung einmüthig den Gedanken an einen nationaljüdischen Staat als Chimäre verwirft, wenn schon jetzt bewährte Stimmen laut werden, die das Gefährliche der ganzen zionistischen Bewegung nicht genug hervorheben können, dann muß man sich doch sagen, eine kühler überlegende Erörterung der wirklichen Verhältniffe wäre mehr am Platze gewesen. Daß eine solche Bewegung, einmal in Fluß, nicht so leicht eingedämmt werden, den Führern über den Kopf wachsen könnte, daß anderseits die Folgen eines Mißlingens, das doch auch im Bereiche der Möglichkeit liegt, unheilvoll für die getäuschten Masten sein könnten, hat Niemand in Betracht gezogen. ZertrrngSnachrichtett imd Eorrefponvenzen. Deutschland. Cottbus, 1. Sept. Gestatten Sie mir die freundliche Aufmerksamkeit der geschätzten Leser Ihres Blattes auf einen wichtigen Gegenstand zu lenken, den die meisten Nabbinen und die jüdische Philantropie außer Acht gelassen haben — ich meine die Strafanstalten, in denen auch Juden deternirl sind. Die meisten unserer Glaubensgenossen wenden sich mit Abscheu ab von den sittlich Gefallenen, sie Hallen sie für die menschliche Gesellschaft vollständig verloren. Sie grollen ihnen, weil durch das unsittliche Verhalten jüdischer Missethäter der jüdischen Gefammlheit in weit höherem Maße geschadet wird, als Andersgläubigen durch ihre sittlich defekten Mitglieder, durch jene wird ein herbeigeführt, diese schaden nur sich und ihrer Familie; die Wirkung ist, daß, während die Kirche dahin arbeitet, die Gefallenen aufzurichten, ihren sittlichen Defekt auSzubeffern und ihnen religiösen Zuspruch zu gewähren,. sich in den meisten Fällen die Synagoge, richtiger gesagt die Judenheit um die Strafgefangenem jüdischen Glaubens gar nicht kümmert; mau hält sie für verloren und man kann und will es ihnen nicht verzeihen, daß sie dem Judenthum Schmach zugefügt haben. Wer aber, wie ich, als „unbesoldeter" von der Königlichen Regierung wohlbestalter Seelsorger einer Königlichen Strafanstalt Gelegenheit hat, mit den Gefallenen in Verkehr zu stehen, wird mir beipflichten, daß diese für die menschliche Gesellschaft noch lange nicht verloren sind. Der größte Theil von ihnen ist besserungsfähig und wird voraussichtlich nach Verbüßung seiner Strafe nie die dunklen Mauern des Kerkers Wiedersehen. Unleugbar der größte Theil dieser Armen bedarf der Glaubensstärkung und der Aufrichtung, damit der Rest des sittlichen Empfindens ihnen nicht schwinde durch das längere Verweilen unter so vielen Verbrechern. Es muß daher Pflicht eines jeden jüdischeu Predigers, ja eines jeden Israeliten sein, diesen Unglücklichen sein Interesse zuzuwenden, überall, wo größere Strafanstalten sind, Erkundigungen einzuziehen, ob sich auch Juden unter den Gefangenen befinden und ihnen den geistlichen Zuspruch angedeihen zu lassen. „Roth lehrt Beten." Die Unglücklichen sehnen sich fast alle mit verschwindender Ausnahme nach den Trostesworten der Religion. Ich weiß es aus Erfahrung. Mit Sehnsucht erwarten sie die Stunde, selbst die, die sonst dem Judenthume fern gestanden, die ich ihnen widme. Wie dankbar sind die Unglücklichen für das Gotteswort, das ich ihnen verkünde. Wie mancher von ihnen wünscht belehrt zu sein über dies und jenes, aber nicht im Sinne eines Esau, nach