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Der Israelit · 1897-09-09 · Heft 72 (9.9.1897) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 72 (9.9.1897)
Date
1897-09-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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WMWWWMWWWWMDWMWWW «WWBMUHWUIA XLLVm Jahrgang, Erste Beilage M M 72 -es „Israelit". Leitender Artikel. Nachklänge zum Zionistenkongreß. Basel, 7. September. Die Tage, da Basel eine Versammlung von Zionisten aus aller Herren Länder in seinen Mauern gesehen hat, sind vorüber, und die Wogen der Aufregung, die während der drei Sitzungstage des Kongresses in unserer sonst so stillen Gemeinde hochgingen, haben sich geglättet. Zwar bildet der Zionismus immer noch den allgemeinen Gesprächsstoff; doch scheint jetzt die Zeit gekommen, einen zusammenfaffenden, sachlichen Ueberblick über das, was uns der Kongreß geboten, zu gewinnen, die Eindrücke, welche ein unbefangener Beobachter dabei empfangen, zu schildern. Wohl selten sah man jüdische Männer von so verschiedener Lebensstellung und Lebensrichtung in solcher Zahl, durch eine Idee geeint, beisammen; da bot sich Gelegenheit, die mannigfaltigsten Charakterköpfe zu studieren. Stark vertreten waren natürlich die Juristen, und dies weist uns nachdrücklich auf die socialpolitische Grundlage des ganzen Zionismus hin. Von bekannten Rabbinern war kaum einer erschienen; unter der Menge stach besonders die ehrwürdige Gestalt des Herrn Prof. Schapira, die geistreichen Künftlererscheinungen mehrerer bekannter Schriftsteller hervor. Neben manchen ganz germanischen Erscheinungen sah man ausgeprägte stavische und orientalische Typen. Ausfallend war die große Zahl von Studenten, die die Ausrechterhaltung der Ordnung, Vertheilung von Flugblättern, Zählung von Stimmzetteln besorgten. Daß der Kongreß, dessen Theilnehmer sich aus so heterogenen Elementen zusammensetzten, im Ganzen einen würdigen Verlauf genommen hat, ist gewiß in erster Linie der ausgezeichneten Leitung eines Dr. Herzl und Dr. Nordau zu verdanken, die es verstanden, die oft erhitzten Gemüther zu besänftigen, kleinliche unnütze Debatten, soweit es anging, zu vermeiden, durch ihr sicheres, überlegenes Auftreten ein Gefühl des Zutrauens und der Sicherheit in der Versammlung zu erwecken. Macht ja schon die gebietende Persönlichkeit des Herrn Dr. Herzl, des geistigen Urhebers der Bewegung, des Verfassers der bekannten Broschüre „Der Judenstaat", einen vornehmen, sympathischen Eindruck. Durch ein glücklich angebrachtes Wort, durch eine scherzhafte Wendung — wie: „leider sind wir zu sehr Juristen" — verstand er es, unerquickliche Streitigkeiten, die an Wortklaubereien grenzten, zu beseitigen; geschickt wußte er es zu verhüten, daß die Debatten in's Persönliche hinüberspielten. So wurde durch sein Eingreifen der Streit um die Fassung des Programmes, der sich in's Unendliche auszudchnen drohte, beendet; so wies er unablässig darauf hin, die kostbaren Minuten doch auszunützen, auf den Kern der Sache einzugehen, unnütze Rednereien um Nebensächliches und Unwichtiges zu vermeiden. — Trug so die ruhige Art, die sichere Haltung des Herrn Dr. Herzl zu einem gedeihlichen Fortgange des Kongresses viel bei, so war es die glänzende Rede des bekannten Schriftstellers Dr. Max Nordau, die, ein rhetorisches Meisterstück, mit ihrem jugendlichen Feuer die Begeisterung bei den Zionisten emporlodern ließ und beim weitern Publikum lebhaftes Interesse erregen mußte. Ein Programm des Zionismus enthielt diese Rede allerdings nicht; die Nothwendigkeit der Gründung eines nationalen Judenstaates als der einzigen Lösung der Judenfrage wurde keineswegs darin nachgewiesen. Die Rede war eine meisterhafte Skizzierung des Judenelends in seiner „sachlichen und sittlichen" Form, eine Verdammung antisemitischer Schmähungen und Rohheiten. Daß sie nur das war und nicht mehr, wurde zwar von vielen Zionisten in ihrem flammenden Enthusiasmus nicht erkannt. An Begeisterung fehlte es überhaupt bei diesem Congresse nicht. Brach doch bei jedem möglichen und unmöglichen Anlasse, bei gewissen Rednern und bei einzelnen Schlagwörtern mit pünklicher Regelmäßigkeit, ein wahrer Beifallssturm los. Begeisterung für ein Ideal ist ja eine schöne Sache, zumal in unserer materiellen Zeit, der man so oft jeden Sinn für ideales Streben abspricht. Besonders für einen Juden, der auf sein Judenthum noch etwas hält, ist es nach den trüben Erfahrungen der letzten Jahre wirklich herzerfreuend zu sehen, wie intelligente Männer, zum Theil in reiferem Lebensalter, ihren früheren Jndifferentismus aufgeben, sich auf einmal stolz als Juden bekennen; wie sie einer spezifisch jüdischen Bewegung ihre Kräfte widmen und für die Rettung und Befreiung ihrer bedrängten Brüder aufopfernd eintreten. Doch mit Begeisterung allein ist es nicht gethan! Ungeheure Schwierigkeiten würden sich der Verwirklichung des zionistischen Ideals entgegenstellen, kaum ein Redner ist darauf eingegangen: geschah es einmal, so verhallte es wirkungslos im allgemeinen Rausche des Enthusiasmus. Glaubt man denn wirklich, daß die Christen, die doch in Palästina auch ihr heiliges Land erblicken, die in den Kreuz-

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