Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 71 (6.9.1897)
- Date
- 1897-09-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1380 kungsreichste Redner, den ich je gehört habe. Nicht nur die blendenden Geistesblitze, mit denen er bekannte Thatsachen durchleuchtet, die psychologische Feinheit, mit der er das Seelenleben Eiuzelner und des ganzen Volkes analysirt, sondern auch die geradezu klassische Form, in die er seine Gedanken kleidet und die unnachahmliche Kunst des Vortrags erklären die stürmische Begeisterung, zu welcher seine Rede, ebenso wie die Freunde, so auch die Zuschauer, ja sogar die Gegner der Bewegung hinriß. Und um die Beiden geschaart mehr als 200 für Zion und Jerusalem begeisterte Männer! Wie schwand vor diesem Anblick die allgemein geglaubte Legende, daß nur junge Studenten die Bannerträger des Zionismus seien. Da erblicken wir zahllose gereifte Männer, auch ehrwürdige Greise im Silberhaar, darunter etwa 70 akademisch gebildete Männer aller Fakultäten, Professoren, Techniker, Ingenieure, Männer, die eine weite, beschwerliche und kostspielige Reise, einige sogar von jenseits des Meeres, nicht gescheut hatten, um am Congreß theilzunehmen; und alle, jung wie alt, von der gleichen Begeisterung für Zion und Jerusalem erfüllt! Welch ein erhebender Anblick für den gläubigen Juden! Wie lange ist es her, daß die Zerstörer des Judenthums, die sich euphemistisch „Reformer" nannten, aus unserem Gebetbuch alle Stellen ausmerzen wollten, die auf die Rückkehr nach Jerusalem Bezug haben, wie kurze Zeit ist erst seit jener Predigt des Rabbiner von Mayer verflossen, die den dreisten Titel führte: „Stuttgart ist unser Jerusalem!" — Und nun! Tempora mutantur! — Welch stürmische Begeisterung brach los, wenn Zion und Jerusalem als Hoffnungsziet erwähnt wurden, wie erdröhnte das Haus unter allgemeinem Jubelruf als einer der Redner die Worte sprach : Die Kundschafter riefen einst aus: Wir wollen uns ein Oberhaupt wählen und zurückkehren nach Egypten; wir aber rufen: narcoi iwn ruw. Wir wollen uns ein Oberhaupt wählen und zurückkehren nach Jerusalem, den Schwächlingen aber, die allen Schimpf geduldig ertragen, rufe ich die Worte zu, die der jüdische Oberfeldherr vor Beginn der Schlacht sprach: Wer furchtsam und feige ist, der kehre um nach seinem Hause! — Doch nicht nur an Intensität ist die zionistische Bewegung gewaltiger, als man gedacht, je länger der Congreß dauerte, umsomehr wurde es jedem Zuhörer klar — und schon ba§ ist toifytiQ und bedeutungsvoll — daß wir alle die zionistischeBewegung ganz bedeutend unterschätzt haben. Wenn wir hörten und durch Augenschein uns zum Theil selbst überzeugten, daß Petition enmit circa 50,000 Unterschriften allein aus Rumänien beim Congreß eingegangen waren, daß viele Tausende von galizischen Familien sich bereit erklärt hatten, sobald die Aufforderung an sie ergehe, die Wanderung nach Palästina a n z u - treten, daß 5 50 Telegramme aus allen Theilen der bewohnten Welt, meistens nicht von Einzelnen, sondern von Vereinen, Gemeinden, Körperschaften ausgehend, eingelaufen waren, so mußten wir uns sagen: das ist eine ganz gewaltige und starke Volksbewegung, die nicht von Einzelnen in so kurzer Zeit hervorgerufen worden sein kann, sondern die ihre tiefen, mächtig wirkenden Gründe haben muß. Das treibende Moment in der zionistischen Bewegung ist die „Judennoth". Diese aber ist eine zweifache. In West-Europa, also in Deutschland, Oesterreich u. s. w. handelt es sich um eine geistige Judennoth. Man glaubt, so führte Dr. Nordau aus, daß der Jude im Ghetto unglücklich war, man irrt sich. Er war glücklich, denn er hatte seinen Glauben, der ihn beseligte, er lebte hinter der Ghettomauer mit seinen Volksgenossen, bei denen allein er Anerkennung und Liebe suchte und fand. Der moderne Jude aber hat die Brücken hinter sich abgebrochen, das Ghetto hat er verlassen, den Glauben und den Verkehr mit seinen Stammesgenoffen aufgegeben und einen Ersatz für all das nicht erlangt, Liebe und Freundschaft im Kreise Andersgläubiger vergebens gesucht und dafür nur Haß und Vorurtheile gefunden. Bis hierher trifft Nordau's Schilderung zu. Doch, wenn er fortfährt, hieraus gebe es nur einen Ausweg, das fei der Judenstaat, so weiß ich eine bessere Hülfe. Der Jude kehre zurück zu seinem Glauben, der sein Leben verschönte, in das abgeschlossene „geistige Ghetto," wo er sich glücklich fühlte, er gebe es auf unjüdisch zu leben und um die Werthschätzung Fremder zu buhlenund suche wieder Liebe und Ehre bei seinen Glaubensgenossen. Ganz anders verhält es sich mit der „Judennotb" in Ost-Europa, also in Rußland, wo fünf Millionen, in Rumänien wo 250,000 und in Galizien, wo 772,000 Juden in einem wirklich grauenhaften Elend schmachten, über diese Judennoth gab der Congreß durch leine Einzelreferate überaus dankenswerthe, wenn auch tieferschütternde Aufklärung. Wie der Satte dem Hungrigen nicht glaubt, so bleiben wir westeuropäischen Juden in unserer verhältnißmäßig günstigen Lage ungerührt bei dem Gedanken an das traurige Schicksal, an das fortwährende Martyrium unserer unglücklichen Glaubensgenossen im Osten, mit stumpfer Gleichgiltigkeit haben wir uns daran gewöhnt, daß unsere russischen Brüder der Menschenrechte beraubt sind, daß sie in dieser Roth schmachten, die jeder Beschreibung spottet; und damit unser Erbarmen rege wird, müssen schon Juden