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Der Israelit · 1897-08-30 · Heft 69 (30.8.1897) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 69 (30.8.1897)
Date
1897-08-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1344 in der Redensart: „Wenn man einen Hund ersäufen will, sagt man er sei toll." Man dichtet den Juden alle Laster an, weil man sich selbst beweisen möchte, daß man mit Recht ihn verabscheut. (Allgemeiner Bestall) Aber was ist der Grund, daß man den Juden verabscheut? Ick muß das schmerzliche Wort anssprechen: „Als die Völker die Judenemanzipation einführten, gaben sie sich einer Selbsttäuschung über ihre Gefühle hin. Damit jene eine Wahrheit sei, mußte sie im Gefühl vorhanden sein, eher als im Gesetz. Das Gegentbeil war der Fall. Die 6icschichte der Judenemanzipation ist eine merkwürdige. Nicht das Bewußtsein, daß man sich an einem Stamme schwer vergangen habe, daß die Zeit der Sühne da in, führte sie herbei. Sie ist der Ausfluß der Denkweise des sranzössischen Rationalismus im 18. Jahrhundert. 'Aus Rousseau und den Encyclopädisten folgerte man die regelrechte Gleichung: „Alle Menschen haben von 'Natur gewisse Rechte, die Juden sind Menschen, folglich haben sie von Natur die Menschenrechte." Die Männer von 1792 emancipirten nns, wenn ich so sagen darf, au8 Prinzipienreiterei. Das übrige Westeuropa ahmte daS Beispiel nach und wieder nicht auS innerem Diange, sondern weil die gesittet»!! Völker eine sittliche Nöchigung empfanden, zu folgen. Wie Frankreich das System der Maaße Und Gewichte gab, so gab eS einen geistigen Urmeter, den die übrigen Nationen bereitw.Uig oder wiverwillig als Norma!- maaß d.r Gesittung annahmen. (rin Volk, das den Anspruch erhob, auf der Höhe zu stehen, muhte d ese Eimichttllig besitzen wie Volksvertretung, Preßfreiheit u. s. w. Die Jud nemanc - pation war eb n einst auch ein so nnerlößlichis Gebot un Haushalte des Staates, ungefähr wie ein Piano, das im Salon stehen darf. (Heiterkeit). So erfolgte die Emanzipation nicht aus einem Grsühlsdrange, sondern aus Nachahmung einer politischen Tag'Sinode, nicht weil die Völker i.n Gemüthe beschlossen uns die Hand zu reichen, sondern weil ein allgemeines Gesittungsideal angenommen wurde, das sie forderte. Nur auf England findet dieser Satz ke i r> e Anwendung. Die Engländer lassen sich ihre Fortschritte nicht ausdrängen, sie nehmen sie aus sich heraus. Dort ist die Emancipa-ion Wahrheit. Sie bestand im Gemü he, ehe sie der Gesetzgeber auLsprach: Ja, aus Achtung vor dem Bestehenden zögerte der Gesetzgeber damit, als gesellschaftlich schon seit eurem Menschenalter fein Unterschied mehr bestand. Natürlich läßt ein Volk sich von keiner geistigen Strömung oder Verirrung ganz ausschalten. So findet sich dort auch vereinzelt der An isemi-ismns. Aber er hat dort nur d e Bedeutung der Nachahmung einer festländischen Mode, die von Einfaltspinsel» und Gecken als daS Neueste aus der Fremde angenommen wird. (Heiie,tttt). Deßhalb ist auch der an Angaben und Zahlen reiche Bericht aus England der erfreulichste von allen. Die Emanzipation hat die Natur der Juden völlig umgewandelt, sie hat ihn zu einem andern Wesen gemacht. Der rechtlose Jude galt vorher als eia Fremder unter der. VLck.ru, lehnte sich aber nicht daggen aut. Er fühlte sich als Angehöriger eines besondern Stammes mit den Umwohnenden in nichts gemein. Er liebte das gelbe Jadenabzeichen nicht, will es eine Aufforderung zu Gewaltlhaten des Pöbels war. Aber freiwillig hob er seine Sonderart hervor, vielmehr als der gelbe Fleck. Wo nicht behördlich ein Ghetto bestand, da errichtete er sich selbst eines. Ir im Worte Ghetto schwirren heute Oberlöne von Schmach und Kerker — aber die Geschichtsschreiber erkennen, daß das Ghetto wicht als Gesängniß. sondern al» Zufluchtsstätte betrachtet wurde. (Beifall). Hier hatte der Jude fe.it Vaterland, hier seine geistige Heimstätte, hier waren die Genossen, bei welchen man etwas gdfcnt Mute und gelten konnte, hier die öffentliche Meinung, deren Beifall daS Ziel de8 Strebens war. Hier wurden alle f jüdischen Eigenschatten geschätzt. Was lag daran, daß man sie draußen verachtete? Man strebte nur den Bindern zu gefallen, und ihr Gefallen war genug Lebensinhalt So lebten sie in sittlicher Beziehung ein Vollleben, z Beifall). Ihre äußere Lage war gefährdet und unsicker, innerlich fand ein volle Ansgestaltng ihrer wesentlichen Eigenschaften statt. Ihnen sehttcn keine der unentbehrlicken Taseirrsbedingurrgerr eines normalen Gesell sckastsmen chen; sie waren harmonische Naturen, was wir nicht sind. Sie begreife > die Bedeutung des Ghetto. Ihre einzige Sorge war, sich mit unsichtharen Mauern zu umgehen, dir höhn und dicker waren, als die grcisbarcn Steinmauern, die sie in Wirtsichlcit avschlossen. Alte jüdischen Gewohnheiten hatten den Zweck, durch Abfonbernng ilnru Geist zu wahren, und sedcm zu zeigen, daß er verloren sei, wenn er sein Sonderwesen ausgcbe. Das ist die Duelle einer der Ursache der Dualgesetze. Kaftane, Schläfenlocken ,'e. habe» offenbar nicht das (Geringste mit dem Glauben zu thun; aber die Aufgabe dieser Dinge sehen sie schon als Anfang vom Abfall, denn er hat die Bande zerschnitten und die sie aneinander knüpften Sie fühlen, das; diese Bande allein jenen gescllsckafttichen Anschluß gewahren, ohne den das Individuum fick dauernd nicht erhalten kann. Das ist die Psvchologie der Ghetto der Inden. Run die E m n n z i p a t i o n. Das Ge>etz versichert den Inden, er sei ein Vollbürgcr. Die Inden beeilen sich in einer Art von Rausch die Brücke hinter sich abzubrecken. Sie hatten nun ein ander es Vaterland, bedurften des Ghetto nicht mehr. Sie fanden einen anderen 'Anschluß, sie brauchten sich nicht mehr an die Glnubcirsgenossen zu nesteln. Der Trieb der Selbsterhaltnug, der bis dahin ans Absonderung gerichtet war, paßte sich an die neuen Verhältnissen an. ^ie strebten die Annäherung au ihre christlichen Mitbürger an und wurden je nach den Landen mit überraschendem Erfolg bekrönt: Der Jude glaubte er sei Deutscher. Franzose, Engländcr u. s. w. Bei den chriälicken Mitbürger aber brach nach einen Schlummer von oO—tio Jahren der alte Judenhaß ans der' Tiefe der Volksseele wieder hervor, und enthüllte vor de» Augen des Inden, die eutfetzliche Lage. Er durfte zwar immer »och mitstimme», aber ans den Vereinen und Vcrsarnirrlnngen wurde er barsch weggcwieserr. Es galt das Recht der Freizügigkeit, aber überal standen Aufschriften: Jude, der Eintritt ist verboten! sie batten noch immer das Recht, Pflichten zu crsüllcn, aber die edleren Rechte, die dem Verdienste und den Fähigkeiten zugestandcil waren, wurden ihnen schroff verweigert. (Beifall. Das ist die heutige Lage des Emanzipierten Westeuropas: Seine Souderart hctt er aufgegeben, die Völker bedeuten ihm, daß er ihre souderart rricht gewonnen, die Hcirnath des Ghetto ist verloren: seine jüdischen S>arumcsgcnossen flicht er; seine christlichen Mitbürger stoßen ihn zurück. Kein Boden unter den Füßen, kern gesellschaftlicher Anschluß, kein Zusammenhang mit einer (Gemeinschaft, deren vollbercchtigtes^Mitglied er ist; so steht er in einer Welt die ihm gram ist: nirgends ein Fleck Erde, wo er Gemnths wärme findet. Das ist die sittliche Judcnnoth, bitterer als die sachliche, weil sie höher differenzierte, stolzere, feinere Menschen trifft. Der emanzipierte Jude ist haltlos, unsicher in den Beziehungen zu seinem Nebenmcnschen: ängstlich in Berührung mit Unbekannten, seine besten Kräfte braucht er zur Unterdrückung, Ausrottung, oder mühseligen Verhüllung seines eigensten Wesen, denn er besorgt, daß sein Wesen als jüdisches erkannt werden könnte. Innerlich wird er verkrüppelt, ärrßerlich ist er uucidit, und so immer lächerlich, und bei dem hohen gebildeten, ästhetischen Menschen abstoßend, weil alles unwerth an ihm ist. (Lauter Beifall). Er hat nie das Lustgefühl sich zu geben, wie er wirklich ist. Alle besseren Juderi des Westens stöhnen unter dieser Judennoth und suchen Heilung oder Linderung: den Glau-

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