Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 69 (30.8.1897)
- Date
- 1897-08-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448771--44506-2493605- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
X&XYI1I. Jahrgang. BrUagr ju M 69 des JdrmUt". Ödtcn®« Artikel. Zionisten Longreß.__ Stenvgr. Original-Bericht f. d. „Israelit". Basel, 29. August. Erster Sitzungstag, Vormittags 9 Uhr. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) Als folgender Redner trat Herr Dr. M. N o r d a u , Paris auf. Sein Referat, das das Thema „Die allgemeine Lage der Juden" behandelte, lautete ungefähr folgendermaßen : Geehrte Versammlung! Verschiedene Redner werderl Jhllcn die Lage unserer Brüder eingehend schildern. Einige Berichte haben mir Vorgelegen, andere nicht. Thcils habe ich aus eigener Anschauung, theils aus anderer Quelle einige Kcnntniß. Ich glaube daher ohne Selbstüberhebung Ihnen ein Gesammtbild der Verfassung der Jndcnheit e,»twerfen zu können, das aus einen, einzigen Farbcnton sich zusammensctzen wird. Uebcrall, wo sich Juden in größerer Zahl niedergelassen haben, herrscht heute Judennotb, nicht die durchschnittliche 'Roth, die unabwendbare, sondern eine besondere Roth, die sie als Juden erleiden, und von der sie frei wären, wenn sie keine Juden sein würden. Die Judennoth hat zwei Formen, eine sachliche und eine sittliche. In Osteuropa, Afrika und Kleinasien ist diese Judennoth buchstäblich zu verstehen, ein Drangsal des Leidens, eine bange Angst vor jedem folgenden Tage, ein qualvolles Ringen um die Erhaltung des nackten Lebens. Im Westen ist der Kampf um's Dasein leichter, obschon ncuestens auch hier die Neigung vorhanden ist. ihn zu erschweren Hier herrscht aber die sittliche Noth, das ist die tägliche Kränkung des Selbstuub Ehrgefühls, die Unterdrückung des Dranges nach seelischer Befriedigung. In Rußland, wo ö Millionen Juden wohnen, sind unsre Brüder manchen Ausnahmegesetzen und Beschränkungen unterworfen. Der Aufenthalt ist ihnen vielfach versagt. Freizügigkeit ist nur den Acrztcn, der ersten Kaufmannsgildc und den mit akademischen Diplomen Versehenen gestattet. Aber in» zur ersten Kausinannsgilde zu gehören, muß man sehr reich fein — und das sind nur wenige — akademische Bildung besitzen nur wenige, weil jüdische Schüler nur in beschränkter Zahl zngclassen werden und ausländische Diplome keine Rechte gewähren. Gewisse Gewerbe sind ihnen untersagt. Die Bedaucrnswerthcn sind st, einigen Gouvernements zusammengepfercht. Die Bildungsquelle fließt nur spärlich für sie. Wer kann, wandert ans, um in der Ferne Licht und Luft zu finden; wer aber nicht jung und muthig genug dazu ist, bleibt in seinem Elend und verkommt darin geistig, sittlich, leiblich. Bon R u m änien, wo ein Viertel Million Juden wohnen, hören wir, daß unsere Brüder rechtlos sind, nur in Städten ivohncn dürfen, aller Willkür preisgegcben sind, häufig blutigen Gewaltthaten d s Pöbels ausgcsetzt. Nach der Schätzung unseres rumänischen Berichterstatters ist reichlich die Hälfte mittellos. Grauenhaft sind die Zustände in G a l i z i e n. Von 772,000 sind nach dem Berichte des Herrn Dr. Salz 70°/o buchstäblich Bettler, die Almosen verlangen müssen. Die Einzelheiten will ich nicht vorwegnehmen. Sie sollen nicht zweimal das Grauen empfinden. In W e st ö st e r r e i ch leben 40,000 Juden. Von 27,000 jüdischen Haushaltungen werden 1.7,000 wegen Arnluth nicht zur Kultussteuer herbeigczogen. Das Gesetz kennt keinen llnterschied zwischen Christen und Juden. Aber cs wird als todter Buchstabe behandelt. Die Sitten richten den Judenbann wieder auf, die gesellschaftliche Aechtung erschwert ihm den Erwerb, ja macht ihn auch unmöglich. Aus der Bukowina und Bulgarien tönt dasselbe Klagegeschrei. Ein heuchlerisches Gesetz, über das die Behörden sich hinwegsetzen, Feindseligkeiten in allen Kreisen, eine elende Lage ohne Hoffnung aus Besserung. In Ungarn klagt inan nicht, man ist im Vollbesitz der bürgerlichen Rechte. Auch ist die bürgerliche Stellung besser, weil die Juden Arbeit und Erwerb haben. Doch dauert dieser Zustand noch nicht lange genug, daß nicht die Mehrheit noch in der tiefsten Armuth schmachtete. Die Juden in Marokko und Persien muß ich — aus Mangel an Angaben — vernachlässigen. Sie haben nicht einmal die Kraft sich aufzulchnen. In stumpfer Ergebung leben sie dahin. Sic klagen nicht, und erregen nur Aufmerksamkeit, wenn der Pöbel in ihre Quartiere einbricht, plündert, schändet, mordet. — Die angeführten Länder fassen mehr als 7 Million Juden in sich. Alle, außer Ungarn, drücken die Juden auf den Stand der Paria herab, sie sind ohne Möglichkeit sich zu erheben. Die Leute, die nur nach dem Nächstliegenden streben, meinen, die Aushebung der Ausnahmegesetze könne diese Uebelstände heilen. Galizien übernimmt die Kritik dieser Anschauung. Und nicht allein Galizien. Die Emanzipation hat man in allen westeuropäischen Staaten versucht. Was lehrt uns das Erpertment? Im Westen sehen wir keine Beschränkung. Die Juden können sich frei bewegen und in wirthschastlicher Hinsicht hat das auch ausgezeichnete Erfolge gehabt. Die Eigenschaften d.S Fleißes, der Beharrlichkeit, Nüchternheit, Sparsamkeit, bewirkten ein Schwinden des Proletariats; der cmanzipirtc Jude gelangte rasch zu mäßigem Wohlstand; jedenfalls ist der Kampf, um's Dasein nicht so schauerlich wie im Osten. Aber die andere Judennoth wuchert empor: die sittliche. Der Jude des Westens hat Brot. Aber man l c b t n i ch t v o n Brot allein. Er sieht sich nicht an Leib und Leben bedroht. Aber die Wunden des Fleisches schmerzen nicht allein. (Gewaltiger Beifall.) Der Jude des Westens hat die Emanzipation und er will die letzten Folgerungen daraus ziehen. Die Völker bedeuten ihm, daß er Unrecht habe, so logisch zu sein. Die Theorie spricht das Gesetz der Gleichberechtigung aus — die P r a z i s macht daraus eine Drohung. Der Jude sagt sich naiv: „Ich bin ein Mensch und nichts Menschliches ist mir fremd." Daraus die Antwort: „Gemach! Dein Menschcnthum darfst du nur mit Vorsicht genießen. Dir fehlt der Ehrbegriff das Pflichtgefühl, die Vaterlandsliebe, der Idealismus und deßhalb mußt du von allen Verrichtungen fern bleiben, die diese Eigenschaften vvraussrtzen." Mit Thatsachcn diese Beschuldigungen zu begründen, ist nie versucht worden. Ab und zu ist das Beispiel eines cinzelucn Juden, eines Auswurfcs, angeführt worden, das man kühn verallgemeinert, allen Gesetzen richtigen Denkens zuwider. Aber dies alles ist psygologisch begründet. Es ist eine Gewohnheit des menschlichen Bewußtseins, für Borurtheile des Gefühls vernünftig scheinende Erklärungen beizubringen. Dies Gesetz ist längst erkannt vom Volke und ausgesprochen