Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 68 (26.8.1897)
- Date
- 1897-08-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1314 r aa 'Pf'1• j" rT" - »rnp-T**: -^WF^-TlTffl erst verstehen, sich zuerst für die Sache begeistern und von der Kanzel herab die Andern begeistern." Ein Jahr später sei genau das Gegentheil dieser Prophezeiung cingetroffen. Landes- Ober- und Großrabbiner in Deutschland, Oesterreich, England unb Amerika rachen von der Kanzel und in der Presse vom Zionismus ab. Sie werden dafür von Herzl als Leute bezeichnet, welche „das Iudenthum berufsmäßig auSüben und es gleichzeitig bekämpfen." Herr Bettelheim vergleicht die Zionisten mit den Heißspornen der Katholikentage, welche verkünden, daß alles Unheil der Erde mit der Wiederaufrichtung des Kirchenstaates wie durch einen Theaterstreich weichen werde. Der Unterschied bestehe nur darin, daß die Katholiken, die sich zu solchen Meinungen bekennen, frommgläubig sind oder thun. Unfern Zionisten fehlt selbst dies einigende Band der übereinstimmenden Konfession. „Wir werden theokratische Velleitäten unserer Geistlichen gor nicht anskommen lassen. Wir werden sie in ihren Tempeln festzuhallen wissen, wie wir unser Berufsheer in den Kasernen festhallen werden. . . . Jeder ist in seinem Bekenntnis oder in seinem Unglauben so frei unb beschränkt, wie in seiner — das Wort steht wirklich auf S. 75 von Herzl s Iudenstaat — „Nationalität". Auch Herr Nordau versichert, daß der Zionismus keine religiöse Bewegung sei, dieselbe sei weder aus der Thora noch aus der Mischna, sondern aus der „Roth der Zeit" geschöpft. In schlichtes Deutsch übertragen bedeute dies: Nur die Judenhetze hat dre Hetzjuden erzeugt. Der Zionismus ist der Rückschlag des Antisemitismus. Herr Bettelhein hält die Zionisten für schlimmer wie die schlimmsten Antlsemltenknechte. Glücklicherweise fehlten ihnen für ihren Judenstaat einstweilen nur noch zwei Kleinigkeiten: Der nöthige Staat und die erforderlichen Juden. Fronhausen, im August. (Der Knaben Handarbeit und das i s r a e l. W a i s e n h a u s in Cassel.) Es ist ein altes Versprechen, daß ich jetzt einlöse, wenn ich die Aufmerksamkeit des geschätzten Lesepublikums, auf eine Anstalt richte, die noch wenig in unseren Blättern zur Sprache gekommen ist und in den Eigenschaften, die man von einer guten Anstalt fordert, wahrlich keiner anderen nachsteht. Also zur Sache. Es war zur Zeit, da ich meine Staatsprüfung vor dem Forum der königl. Prüfungskommission am isr. Seminar zu Cassel ablegte. Nachdem diese bange Stunde der Angst und des Zweifels vorüber war, folgte ich der freundlichen Einladung des Waisenhausvaters, um die von den Kindern verfertigten und nun ausgestellten Arbeiten zu sehen. Ich stehe vor der Eisenpforte, ein Druck auf die elektrische Klingel bringt einen geflügelten Boten in Gestalt eines munteren Waisenknaben herbei, der öffnete. Einige Minuten später und ich stehe unter der fröhlichen Knabenschaar, die eben eifrig mit Messer und Meisel und sonstigen dem Gebiet des Handfertigkeitsunterrichts angehörenden Instrumenten hantirt. Die Mädchen, in einem besonderen Zimmer untergebracht, beschäftigen sich mit den, dem weiblichen Berufe obliegenden Arbeiten, wie Stricken, Nähen u. s. w. und werden von der Waisenmutter sorgfältigst beaufsichtigt. Es werden nun die von den Knaben verfertigten Gegenstände durchmustert. Wahre Meisterstücke von Kinderhand und -Fleiß geschaffen. Da sind Schränke, Fußbänkchen, Skatblöcke, Bilderrähmchen, Kästchen, herrliche Arbeiten in Kerbschnitt. Daneben Pappgegenstände, Bücherbände, Lampenschirme u. a. m. Diese Ordnung, das Planmäßige, das von Stufe zu Stufe weiterschreitet, gipfelt in einer weisen, umsichtigen Leitung, die mit fachmännischer Praxis gepaart ist. Der Leiter der Anstalt, Herr Sch eye hat zweimal das Leipziger Seminar für Handfertigkeitsunlerricht besucht und stellt mit ganzer Hingebung seine Kraft in den Dienst seiner Pfleglinge. Die Bedeutung und die nützlichen Folgen eines Handfertigkeitsunterrichts, speziell für ein Waisenhaus sind nicht zu verkennen. Sämmtliche Arbeiten erfordern Geduld, Ausdauer, Geschick, scharfen Blick, Liebe zur Sache, Reinlichkeit, Genauigkeit und großes Aufmerken. Unberechenbarer Nutzen fürs spätere Leben. Die Geduld und die Ausdauer, die uns so manches im Leben ertragen lasten und über so manche Schwierigkeiten hinwegheben, bei seiner Handarbeit lernt sie der Knabe kennen. Gelingt ihm manches nicht nach Wunsch, nun so verzweifelt er nicht und setzt von vorn den Hobel an. Das ist Vorbereitung fürs künftige Leben, für die Faustschläge der späteren Stunden. Darum ist es gerade zweckentsprechend, wenn in Waisenhäusern und Rettungsanstalten solche stille Beschäftigungen eingeführt werden, sie bewahren vor Tollheiten und Ausschreitungen, tragen sehr viel zur Selbsterziehung bei und fördern ungemein die Gesundheit, denn die Fähigkeit des Geistes verleiht erst der Hand die Fertigkeit, ein harmonischer Einklang; Kinder am Gängelbande treuester Elternliebe geführt, ihnen mag man solche Arbeiten ertasten, doch für Anstalten im oben gedeuteten Sinne sind sie physisch und moralisch von großem Werthe. Die Stunde, welche die Tagesarbeit schließt, rückte heran. Die Glocke gibt ein tönendes Zeichen, und im Nu stehen alle Kinder, auch die Mädchen sind jetzt da — in Reih' und Glied in andachtsvoller Stimmung zum Abendgebet bereit. Dasselbe wird von einem Knaben vorgetragen. Das 'Schmäh hallt im Chorus wieder und mir war-, als riefen diese Schäflein den gütigen, himmlischen Vater, der ja der Vater aller Waisen, um Schutz und Beistand an. Noch einmal die Glocke, sie übt die Commandos im