Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 67 (23.8.1897)
- Date
- 1897-08-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1298 Dresden verlassen die antisemitischen Ratten das antisemitische Schiss, um die konservative Brigg zu erklettern. Höchst possirlich schreibt das besagte konservative Dresdner Wochenblatt: „So mancher hat sich auch klar gemacht, daß es ihm in seiner Beamtenlaufbahn kaum zum bessern Fortkommen gereichen werde, wenn er länger im Gefolge der Reformpartei unter solcher Führung mitlaufe. Dazu kommt, daß — wir wissen nicht, ob im Zusammenhang oder ohne Zusammenhang mit dem Verhalten des Herrn Zimmermann — von verschiedenen reformerischen Vereinen durch die Aufsichtsbehörden die Mitgliederlisten eingefordert worden sind. Infolge der an verschiedene derartige Vereine ergangenen behördlichen Verfügung, die Mitgliederlisten einzureichen, hat sich in Beamtenkreifen, die der Reformpartei bisher nahe standen, eine gewisse Besorgniß kundgegeben, die gar wunderbare Blütben treibt. So wird uns z. B. berichtet, daß mehrere Beamte, die bisher die „Deutsche Wacht" auf ihren Pulten in den Bureaus besonders augenfällig liegen hatten, neuerdings — man höre und staune — das „Vaterland" an deren Stelle ausgebreitet haben, um mit diesem die Verfehlung der Vergangenheit gewissermaßen zuzudecken." ** Heringsdorf, 15. August. Gegenüber der anerkennenswerthen Veröffentlichung derjenigen Badeplätze, in denen sich nicht nur die Israeliten, sondern alle Menschenfreunde wegen des abscheulichen Antisemitismus unheimlich fühlen müssen, ist unsere Ostseeperle Bad Heringsdorf von jener Epidemie gänzlich befreit. Die Direktion, die permanent Ansässigen und hauptsächlich die zur Kräftigung hier weilenden Kurgäste wetteifern förmlich, jene leider weit verbreitete Giftpflanze im Entkeimen zu unterdrücken. — Herzerhebend gestaltete sich der gestrige Abend, an welchem Herr Apotheker Hans Sachs aus Berlin ein Wohlthätigkeitskonzert für die Ueberschwemmten in Scene gesetzt. Die Bade-Direktion gab den Kursaal bereitwilligst her, und die Vorträge, ausgesührt von christlichen und jüdischen Damen und Herren, fanden bei dem zahlreich erschienenen Publikum allgemeinen Beifall. Der Reinertrag für die Unglücklichen war ein namhafter. Würzvurg, 17. August. Als neuestes Resultat der deutschen Vereinsduselei ist der am vorigen Freitag dem hiesigen Magistrat angemeldete „Israelitische Radfahrerverein" zu bezeichnen. Die Miltheilung erregte die allgemeine Heiterkeit des Magistrats- Kollegium, und dies mit Recht. Die Gründung dieses Vereins veranlaßt mich einmal die hiesigen Verhältrisse etwas uäher zu beleuchten : Wenn nämlich seit einem Dezennium etwa die judenfeindliche Stimmung hier Platz zu greifen beginnt, so ist dies zum großen Theil dem Benehmen der hiesigen jüdischen, halbwüchsigen 16—18jährigen Lehrlinge oder Handwerkergehilfen zuzuschreiben. Diese Leute, die, weil sie das Einjährige auf irgend eine Weise bestanden haben, sich für gebildet halten, glauben nämlich, sich alles erlauben zu dürfen; sie find die Ursache, daß hier, wie jeder Fremde zugeben wird, nie Ruhe in der Synagoge herrscht, trotz der strammen Aufsicht durch einen christlichen Diener, es sind dies jene junge Leute, die im Winter jeden Abend und Samstag Nachmittags in den Cafäs mit Damenbedienung sich einfinden und durch ihr Benehmen Streitigkeiten provoziren, keine Redoute, kein sogenannter „Schwof" (t>. i. eine gewöhnliche Tanzmusik) vergeht ohne, daß sie ihren Mann stellen. Ich bin keiner von denen, die den Verkehr mit Damen für verderblich hallen, im Gegentheil halte ich den Besuch feiner Damengesellschaften sogar als das beste Erziehungsmittel für Jünglinge in diesem Alter, aber der Umgang mit Damen der obengeschilderten Kreise ist sicherlich zu verwerfen. Es ist auch selbstverständlich, daß diese Jünglinge bald auf dem Standpunkte der völligen Gleichgiltigkeit in religiösen Dingen stehen, und ein solcher Junge, der vielleicht nur mit Rücksicht auf seine streng - religiösen Eltern oder auch aus Bequemlichkeit am Samstag nicht arbeitet, begeht oft an diesem Tage, trotzdem oder vielleicht gerade, weil er nicht arbeitet mehr Sünden, als wenn er an diesem Tage die schwersten Arbeiten verrichten würde. GelvauSgeben, Tragen, Billard¬ oder Karten-Spielen am Samstag ist etwas Selbstverständliches bei diesen Jünglingen, die manchmal, wenn sie hierherkamen, wirklich fromme Kinder waren; aber das ist eben die Macht der Verführung. Es wird ja niemand von dem jungen 16 oder 17jährigen Kaufmann verlangen, daß er nie ein Cafe besucht; aber es gibt hier anständige Caf6s genug; wenn sich dort diese junge Leute zusammenfinden und ein anständiges Benehmen an den Tag legen, werden sie sich ebenfalls amüsiren und werden dann sicher nicht Gefahr lausen, durch ihr Benehmen der antisemitischen Strömung neue Wellen zuzuführen; in einem solchen Lokal werden sie sich sicher dezent benehmen, da man sie anderenfalls eben vor die Thüre setzen würde. Wer übrigens hier nicht nur im Genuß von Bier seine geistige Nahrung sucht, kann solche auch auf andere Weise finden; der Verein für jüdische Geschichte und Literatur der „Chowawei Emeth"-Verein mit seinen Vorträgen (alle 14 Tage am Samstag von 11'/»—12 Uhr), der Schiur des Herrn Rabbiner sorgen für geistige Nahrung auf religiösem Gebiete, der „kaufmännische Verein," der „Verein zur Pflege moderner Sprachen", der „politische Central-