Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 67 (23.8.1897)
- Date
- 1897-08-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1296 „Nahe ist da» siebente Jahr"; nahe ist, so denkt mancher Reiche, da» siebente Jahrzehnt meine» Lebens, ich werde alt, ich muß sparen, um nicht im Alter zu darben, ich kann darum nicht wohlthätig sein. Das ist die erste Art. — „Nahe ist da» Jahr des Versalle»": der Andere meint: Meine ausstehenden Schulden können verfallen, ich bin dann selbst ein armer, geschlagener Mann; ich muß darum das, was ich besitze, zusammenhalten und kann für die Armen nicht» thun. Da» ist dis zweite Art jener thörichlen Reichen. — „Und es ist dein Auge mißgünstig gegen deinen dürftigen Bruder"; da» ist die dritte Art jener hartherzigen Menschen, die dem Hilfsbedürftigen unbegründete Vorwürfe machen, ihn als arbeitsscheu und träge schelten und so die Pflicht, dem Bedrängten beizustehen, in mißgünstiger Weise von sich wälzen. — „Und er würde über dich zum Ewigen rufen und e» würde dich Strafe treffen"; das heißt: Dann würde er deinetwegen zu Gott flehen, wenn Strafe und Mißgeschick dich trifft; du würdest dann, von Unglück betroffen, Spenden an die Armen oertheilen müssen, damit sie durch Beten und Flehen Gottes Barmherzigkeit für dich erwecken. — „Geben sollst du ihm und laß dein Herz kein Leid empfinden, wenn du ihm giebst"; da» will sagen: Gieb ihm aus freiem Antriebe, dann wirst du dir jenes bittere Herzeleid ersparen, das dich erst zum Spenden veranlaffen müßte. Das Textwort läßt auch eine solche Auffaffung zu, daß die einzelnen Sätze und Redewendungen dem Sinne entsprechen, welchen die Deutung unseres Rabbi mit ihnen verbindet, oy nw p icbci ■jyy am nvven mtm rur nnp nvxb Wa ■pa*’ P'axn hüte dich, daß nicht ein nichtswürdiger Gedanke in deinem Herzen auskomme, daß du sprichst: nahe ist das siebente Jahr, das Jahr des Verfalles, und dein Auge ist mißgünstig gegen deinen dürftigen Bruder." In dem Satze „es naht heran das siebente Jahr, das Jahr des Verfalles," können die Worte „das Jahr des Verfalles" auch als selbstständiges Subjekt (nicht als Apposition zu dem vorhergehenden „das siebente Jahr") aufgefaßt werden, so daß das Prädikat „es naht heran" im Gedanken zu wiederholen wäre : „es naht heran das siebente Jahr, es naht heran das Jahr des Verfalles." In dem Satze -jw am kann das i bedeuten „oder," „oder dein Auge ist mißgünstig," analog rau n-vi umt (2. Buch Mose 21, 15) „oder seine Mutter." Dieser Satz wäre dann abhängig von den Worten •f? TOtrt „hüte dich." Demnach würde unsere Textstelle besagen: „Hüte dich, daß du nicht sprichst, es naht heran das siebente Jahr, es naht heran das Jahr de« Verfalles, oder daß dein Auge gegen deinen dürftigen Bruder mißgünstig ist." So werden durch diese drei Satzglieder die oben geschilderten dreiMenschenklafien zum Ausdrucke gebracht. Auch alle anderen Redewendungen des Textes laffen sich sprachlich in dem Sinne auffassen, in welchem sie in der obigen Auseinandersetzung gedeutet werden. Aus geistigem Goldgebiete. Dem geneigten Leser möchte ich zuvörderst Aufschluß über diese wohl eigenthümlich klingende Ueberschrift geben. Ich habe sie im Anschlüsse an des Psalmisten Ausspruch: „Köstlicher ist mir Demes Mundes Lehre, als lausende von Gold und Silber" gewählt, um einen kleinen Bericht über eine Schrift zu geben, in welchem für solche geistige Funde ein Reichthum von Silberbarren und Goldkörnern sich eröffnet. Ich meine die jüngst erschienene und in diesen Blättern bereits kurz angezeigte Schrist: „Biblisches und Rabbtnisches aus Salomon Pleßners Nachlaß (Frankfurt a. M. 1897 bei I. Kaufmann)", auf welche ich die besondere Aufmerksamkeit der Sachkenner lenken möchte. Da wird eine Fülle von größeren und kleineren Bemerkungen für Halachisches und Hagadisches, Exegetisches und Grammatisches, Homiletisches und Ethisches geboten und lichtvolle Aufklärung über bisher ganz dunkel und unverständlich gebliebene Stellen im jüdischen Schriftthume gegeben — und dies alles in klassischem Hebräisch mit geistreichen Points geschrieben. Fortan wird nicht mehr jene Stelle im Pismon brr als sinnlos gelten: die Worte warn» jrnxi nx finden S. 60 ihre vollständige Erklärung.*) Ebenso das aH' "ct pjB« n-K ’cetpei p: im .a^n:i-Pijut des Neujahrstages, welches S. 82 bis zur Evidenz klargestellt wird. Im Eommentar zum Buche Nachum werden exegetische Beiträge geliefert, aus welche ich ganz besonders die moderne, ftudirende Jugend Hinweisen möchte, welche oft, mit dem Propheten zu sprechen, den Cluett lebendigen Waffers verläßt und Eisterncn aufsitcht, welche das Wasser nicht Hallen. Wahrhaft überraschend wirkt die Erklärung zu mm aax im Hiob 5, 26 und zu Echa 4, 1 trip •::« ajaentwi, bei der ich fürchten müßte, durch ein Ereerpt das Geistvolle in derselben zu schädigen. Nur möchte ich bemerken, daß hier vrel- *) Herr Oberrabbiner Dr H. Adler in London, dessen ebenso gelehrter als liebenswürdiger Gesellschaft ich hier mich erfreue. thcili mir hierbei eine Erklärung des sei. Ehacham Bcrnays mit, nach welcher cs funynio ninxi DK (statt mnsnsn) heißen müsse und auf die biblischen Ausdrücke der Wehklage: nin an pax an mriN an ’n« an Hinweise, daß wir beute der früher mit Eleganz ausgestattetcn Trauerklagen entbehren, die jetzt dagegen nur in unverständlicher Sprache geführt werden. Die Erklärung unseres Verfassers aber hat entschieden das Richtige, begründet auf einem Ausspruche im Sifre, der dem Poeten bei der Abfassung der betreffenden Strophe vorschwebte.