Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 66 (19.8.1897)
- Date
- 1897-08-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1276 so frei, er findet sogar einen alten Zopf der Intoleranz darin, daß die Mischehe zwischen Juden und Angehörigen anderer Confessionen nicht zugelassen werden sollen. Die Decretirung der erlaubten Mischehen durch eine Rabbinerversammlung, so meint der Herr Doctor, würde doch zum allgemeinen Frieden beitragen. Und der allgemeine Frieden bezeichne doch dar mesfianrsche Reich. So ist der Herr Doktor ein Vorkämpfer des Messias. Derartig find die Ansichten des Herrn Rabbiners, der, nebenbei gesagt, sehr gut von seinem Gehalte lebt, Nichts ohne Geld thut und sich amüsirt, so gut er kann. Er hält seine Predigten, kopulirt, segnet die Kinder ein undnein taufen kann er sie nicht, soweit hat eS die Toleranz der Rabbinerconcilien noch nicht gebracht. Diese Kategorie von Rabbinern, diese Heroen nun sind eL, die in ihrer müßigen Zeit, und solche haben sie gar viel, Gebete verfassen, sie verkaufen dieselben einem Verleger, wenn sie einen finden, oder halten sie im Selbstverlag, in Verlegenheit kommen sie wohl selten. So'n Gebet, Du lieber Gott! ist leicht verfaßt; Papier ist geduldig, und der Drucker nimmt dabeste Material. Der Buchbinder macht auch seinen Schnitt d. h. einen Goldschnit, und für 2—3 Mark kann sich mancher in den Besitz des hübschen, in Prachtband gebundenen Büchleins setzen. Sehen Sie! das sind die neuen, deutschen Gebete. Solcher Art ist so manches von gelehrten, neologen Rabbinen begutachtetes und vielleicht auch von nichtjüdischen Geistlichen für unschädlich befundenes Gebetbuch. Und nun muthe uns ein Jehudi zu, durch solche Worte uns zu erbauen, in solche Worte derartig entstandene Gebetbücher unsere heiligsten Empfindungen hineinzulegen. Und wie alltäglich, wie fade und gehaltlos sind alle solche Expectorationen, beten Sie diese „Gebete" mal täglich, und wir wollen sehen, ob Sie mit der Zeit und sogar bald derselben nicht überdrüssig werden. Und nun denken Sie sich die Oegel dazu, abgesehen von dem Gesetze, welches sie ausdrücklich verbietet, — (die Gründe des Verbotes zu entwickeln, würde die Grenze des mir vorgenommenen Themas überschreiten-, — welche von einem Nichtjuden gespielt wird. Wie fremd ist aber jenes Instrument dem jüdischen Charakter! Einst wurden unsere Voreltern vor ihrer Hinrichtung in die Kirchen geschleppt und aufgefordert, unfern Gott zu verleugnen, und da hörten sie die Töne der Orgel, die ihre Sinne berauschen sollte. Wahrlich! wer wäre, wenn er alles dies in Betracht zöge, noch so alles Gefühles, aller Pietät baar, deutsche!-Gybeie und Orgelbegleitung schön oder gar erbaulich für unsere Synagogen zu finden d Wer findet nicht im Gegentheil in derlei Institutionen Lästerung Gottes, des Allheiligen, Verleugnung unserer Vorfahren? Und nun könnte man noch einwerfen: Weßhalb werden dann die alten Gebete nicht in der Landessprache vorgetragen? Aber denken Sie, es ist die heilige Sprache ihr Urtext, in der einst Gott seine ewigen Gesetze gegeben, die geheiligt ist durch hohes Alter, in der gebetet haben unsere Ahnen bei ihren Freudefesten, in deren Worten sie lallend aus dem Scheiterhaufen geendet haben. Sie ist die heilige Sprache, die von allen Confessionen der civilisirlen Wett begehrt worden, um unsere Bibel sich aneignen zu können und sie als Grundpfeiler zu setzen, darauf ein neues Gebäude zu bauen, damit dieses hinreichend gestützt werde. Ja! wohin wir auch auf der Welt verschlagen werden, kehren wir in die Synagogen ein und rufen „Sch'ma Jisroel". da versieht uns jeder Glaubensbruder, da tritt Jeder an uns heran und Hilst uns, wenn wir der Unterstützung bedürfen, und steht uns bei, wenn wir leidend sind. Mit dieser Sprache auf den Lippen, da starben alle unsere Vorfahren, und wenn wir am Rande des Todes liegen und unsere Brüder uns umstehen, da rufen wir gewiß nicht: „Höre Israel," da rufen wir in der letzten großen Noth am Eingänge in die Ewigkeit noch im Verscheiden: „Sch'ma Jisroel!" O! lesen Sie die hebräischen Gebete im Urtext, und Sie werden den großen Unterschied sinden, der zwischen diesen und der Übersetzung besteht. Beten Sie mit Aufmerksamkeit Schemone esre, und fühlen werden Sie, wie alle unsere Wünsche in der erhabensten Sprache darin Ausdruck finden. Hören Sie einen fähigen, mit Gefühl begabten Vorbeter an den hohen Feiertagen, Rosch haschanah und Jomkippur, die ersten Berachot der Schemone esre singen und bedenken, was er sagt, wenn er vom Gotte Abrahams, Jsaacs und Jacobs spricht, dann wird es wieder tönen in Ihrem Herzen und Thronen der Wehmuth werden Ihre Wangen benetzen. Schauen Sie auf jenen großen Mann, den Patriarchenfürsten Abraham, der durch seine hohe Vernunft zuerst den Einig-Einzigen erkannt und ihn gelehrt hat seinen Mitmenschen, jenen Abraham, der sich dem Feuertode weihen wollte um des heiligen Namens Willen, der seinen Sohn dem Herrn als Opfer zu bringen bereit war, der für seine heilige Ueberzeugung Alles hingab, und dessen Lehren heute in allen Kirchen aller civilisirten Nationen als Grundlehren angenommen, und dessen Worte in allen Moscheen des Orients Wiederhall gefunden haben. Denken Sie an den Sohn Jsaac, der sich wie ein Lamm bmden ließ und auf die Schlachtbank legte, weil es sein Vater, weil es Gott gewollt, und sehen Sie in ihm die Idee der Elternliebe verkörpert. Schauen Sie endlich aus Jacob, dessen ganzes Leben wiederum Gott geweiht war! Bei diesen Gedanken müssen Sic mit Stolz, aber auch mit Wehmuth erfüllt werden, Söhne und Töchter solcher Ahnen zu heißen. Und in dieser