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Der Israelit · 1897-08-16 · Heft 65 (16.8.1897) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 65 (16.8.1897)
Date
1897-08-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1266 Aufenthalte» in Rom, wo er als preußischer Ministerresident waltete, vollends ausreifte. Und nun gehen wir in meckias rss über. „Die gegenwärtige Lage der Juden unter uns", so beginnt er seine Denkschrift, „welche aufzuheben das große Problem jeder Gesetzgebung über diese Nation ist, gründet sich auf Ursachen und steht mit Umständen in Verbindung, auf welche wesentlich und radical zu wirken außer der Macht jedes einzelnen Staateliegt. Drei Merkmale zeichnen, vorzüglich in ihrer Verbindung, die Juden von allen Völkern des Alterthums aus: ein ursprünglich nomadisches, aber auch nachher noch oft, bald aus Noth, bald freiwillig, herumwanderndes und nicht selten fremder Herrschaft unterworfenes Leben; eine kirchlich-politische Verfassung, in welcher die Religion fast ganz als Null aufging; und ein System der... . Absonderung selbst von denjenigen, in deren Mitte sie lebten. Diese drei Eigevschaften, verschmolzen in dem eigentlich alle Weltbegebenheitcn leitenden und in sich nie ganz zu entziffernden Nationalcharakter, der bei den Juden vorzüglich in altväterlicher Beharrlichkeit an der Ursitte und merkwürdiger Kraft passiven Widerstandes besteht,.haben die Juden zu dem gemacht, wa» sie noch jetzt unter uns sind. Ihre Lage ist daher eine kirchlich welthistorische und so merkwürdige Erscheinung, daß bereits von gewiß nicht schlechten Köpfen gezweifelt worden ist, ob sie sich überhaupt auf blos menschliche Weise erklären laffe." Wir können nicht umhin, darauf zu entgegnen, daß das zweite Merkmal vor einem verständnißinnigen Kenner des den Urquell der Moral bildenden, die praktische, werkthätige Nächstenliebe zum erstenmal aus sein Banner J schreibenden und von der Idee der Gleichheit durchsättigten Buches der Bücher nicht besteht. Indem Humboldt ferner außer Acht läßt, daß die im höheren Sinne wahre Assimilation, welche in der Assimilation des Geisteslebens besteht, keineswegs durch das Judenthum als solches gehemmt wird, wie da» erhabene Beispiel des in religiöser Beziehung streng conservaliven Moses Mendelssohn in überzeugender und überwältigender Weise darthut, und daß sein „Jerusalem" dem Altmeister Kant die Aeußerung entlockt: „Ich halte dieses Buch für die Verkündigung einer großen, obzwar langsam bevorstehenden und forlrückenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch andere treffen wird. S i e haben Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewußt, den man ihr gar nicht zugetraut hätte und dergleichen sich keine andere rühmen kann", beantworteter die Frage nach den Mitteln zur Umwandlung dieser Lage in Beziehung auf jene drei Hauptursachen mit den Vorschlägen : Verschmelzung, Zertrümmerung ihrer kirchlichen Form undAnsiedelung. Er meint allerdings, daß die Verschmelzung nie kräftig genug wirken kann, so lange diese Mittel nur von einem einzelnen Staate versucht werden. Doch ist jede Gesetzgebung eines einzelnen Staates unzweifelhaft in dem Grade bester als eine andere, indem sie die Absonderung unmerkbarer und die Verschmelzung inniger macht. Allein hier gehen zwei Systeme auseinander: das eine will die Absonderung auf einmal, das andere sie allmählich aufheben. Rein logisch betrachtet, ist nur eine plötzliche Gleichstellung aller Rechte gerecht und consequent. Gerecht, da kein Rechtsgrund denkbar ist, warum der Jude, der alle Pflichten des Christen erfüllen will, nicht auch der Rechte theilhaftig sein soll. Consequent, denn eine allmähliche Aufhebung bestätigt die Absonderung, welche sie vernichten will, in allen nicht mit aufgehobenen Punkten und arbeitet sich dadurch selbst entgegen. Die allmähliche Aufhebung beruht aus der falschen gesetzgeberischen Theorie der Erziehung, welche längst überwunden ist. Man geht ferner bei der Aufstellung dieses Prinzips mit Unrecht von einem gewiffen Begriffe des Nationalcharakters aus, sucht ihn zu verändern und nach dem Grade der Veränderung die Erweiterung der Rechte zu bestimmen. Aber wer je über Nationalcharaktere nachgeoacht, weiß, daß eS selbst bei echt philosophischem Sinne und feiner und schneller Beobachtungsgabe unmöglich fei, zu so ent schiebender Ueberzeugung davon zu kommen, um darnach Rechte zu ertheilen oder zu verweigern. Und wie will man die Fortschritte zum Beffern beurtheilen? Durch gesammelte einzelne Handlungen? Durch Berichte der Beamten, welche zur Beobachtung der Menschen am wenigsten tauglich sind? Durch Tabellen, in denen verzeichnet ist, wie viele Juden Handwerker, Ackerbauer, Soldaten geworden sind? „Wenn nach solchen Aeußerlichkeiten die allgemeine Achtung einer ganzen, nur unglücklichen Nation abgewogen, nach ihnen bestimmt werden soll, ob der unbescholtenste Jude nur ein ebenso gültiger Zeuge sein kann, als der erste beste Christ? so ist das, glaube ich, auch mit den schlichtesten Gefühlen von Menschenwürde unverträglich." Und wendet man ein, nicht llnterschiede der Cultur und Sitte, sondern im Punkte der Redlichkeit trennen die Juden von den Christen — reicht irgend eine Erfahrung hin, einer ganzen Natron ein solches Zeichen der Verwerfung anzuheften? Muß nicht Alles geschehen, um ein solches Vorurtheil auszurotten? Und wenn die Regierung in ihrer Gesetzgebung ein solches Anathema ausspricht — werden nicht gerade die besseren Juden auswandern und nur der Abschaum Zurückbleiben? Wie sich bei Humboldt mit dem ausgeprägten Subjektivismus ein ausgesprochener Individualismus verbindet, so sträubt er sich mit Leib und Seele

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