Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1897)
- Date
- 1897-08-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1260 druck zu verleihen, fuchtelte er einem am Nebentisch sitzenden Herrn B., dessen nicht arischer Gesichtsausdruck ihn offenbar besonders ärgerte, vor der Nase mit geballter Faust herum. Dieser aber, ein Vollbtutarier, widerlegte die Behauptung des tapferen Antisemiten schlagend: zw.'i markige Fausthiebe sausten auf das christlich-germanische Antlitz des Volksvertreters nieder, sodaß die Augen bald in allen Farben spielten. Einige Augenzeugen wollen später auf dem Kampfplatz noch Zähne gefunden haben; ob sie aber Herrn Raabs Eigenthum sind, haben wir leider nicht zu ermitteln vermocht. Herr Raab hat Ln Folge dieses Auftrittes einige Tage seine Wohnung nicht verlaffen können. Jetzt ist er, wie wir hören, vollständig wieder hergeftellt. Glücklicherweise sind keine üblen Folgen eingetreten, so daß Herr Raab nach Beendigung der Ferien demnächst in vollem Wohlsein seinen Sessel auf der äußersten Rechten der Bürgerschaft wird einnchmen können." Bad Kifstngen. Es gehört durchaus nicht zu den Seltenheiten, daß Berichte und Betrachtungen aus den Bädern in der verschiedensten Form und allerlei Themata behandelnd, den Zeitungen übersandt werden, denn was hat man wohl in solchen Orten Befferes zu thun, als auch mitunter zu schreiben. Heute jedoch war es der Fasttag, der eigentlich in der Lösung einer solchen Aufgabe hinderte und erst der Abend drückte mir die F^der in die Hand, um eine Schilderung des 2*c 'E, wie solcher hier im Bade begangen wird, für den „Israelit" zu entwerfen. Ein Jeder weiß es ja, hier in Kissingen ist gerade der Ort, wo das echte Judenthum noch eine feste Stätte hat und wo im Allgemeinen den strengsten religiösen Anforderungen durch gute Institutionen gewissenhaft Rechnung getragen wird. Aus diesem Grunde kommen auch sehr viele fromme Jehudim hierher, sowohl aus dein Inals auch aus dem Auslande. Das sah man auch gestern Abend bei Beginn des Fasttages, denn da die hiesige nicht sehr große Synagoge die Beter nicht alle aufnahm, so wurde außerdem noch ein Privat-Gottesdienst in noch zwei jRäumen abgehalten. Jetzt neigt sich der Tag dem Ende entgegen und mit Beginn des Abends weicht auch allmählich die obligate Trauer, die um diese Zeit jedes jüdische Herz durchdringt und die kommenden Stunden sind von jetzt an dein Tröste und der freudigen Erhebung gewidmet. Der Gedanke, daß nach der Religion einstens auch dieser seit alten Zeiten für die ganze israelitische Nation so ernste Tag, wo so viele traurigen Ereignisse seit Tausenden von Jahren schon stattfanden, einmal zu einer Fest- und Wonnezeit werden wird, soll uns mahnen, auch s o zu leben und zu handeln, daß diese erhoffte Zeit recht bald erscheinen wird. Dann mag das Gespenst des Antisemitismus auch hie und da aus seinem Versteck hervortreten, uns kann es nicht schrecken; wir wissen, daß aus die finstere Nacht der lichte Morgen kommt. Das ist die Grundwahrheit unseres nationalen Fasttages, wie solche auch der Prophet in seinen Schriften verkündigt hat. — Unter den vielen Sehenswürdigkeiten, die hier die bildende Kunst aus der Gegenwart den Promenirenden im Kurgarten darbietet, verdient in diesen Blättern ein Tableau hervorgehoben zu werden, das die Aufmerksamkeit aller Kunstfreunde auf sich zieht. Es ist dies ein Bild von Kaufmann. Dasselbe stellt einen betenden Juden in orientalischer Tracht dar, wie derselbe an der Seite seines Knaben, angethan mit Tallis und T'sillin seine Andacht verrichtet. Die Schönheit und Wahrheit dieses großartigen Gemäldes läßt sich nicht beschreiben; ein solches Werk muß man sehen und — bewundern. Sch. Oesterr.-Ungar. Monarchie. ** Wien. Der antisemitische ReichSralhs-Abgeordnet Karl Mittermayer trat bekanntlich jüngst in die Dienste eines tschechischen Restaurateurs in der Inneren Stadt in Wien als Oberkellner. Dieser Tage nun wurde er von dem genannten Restaurateur wieder entlassen, weil angeblich die besten Gäste des Lokales Mittermayers wegen dasselbe mieden. Nun ist zwischen der christlich-sozialen Partei und dem Abgeordneten Mittermay.r eine Abmachung zu Stande gekommen, dergemaß der Letztere mit Hilfe der genannten Partei — nach Slmerifa üb^rstedelt wird. Pikant sind jene Punkte der Abmachung, die Form der Geldauszahlung enthalten. Mittermayer erhält im Ganzen eine Summe von 6000 fl. Auf dem Schiffe in Hamburg werden ihm die Kosten der Ueberfahrt nach Amerika und die Subsistenzmittel für die erste Zeit des Aufenthaltes daselbst eingehändigt. Der Restbetrag wird ihm in Monatsraten übersandt, womit einer Rückkehr Mittermayers nach Europa für absehbare Zeit vorgebeugt werden soll. ** Lemverg. Der „Lemberger Israelit" schreibt: Nachdem wir feit einemJahre gegen den wirthschaftlichen Therl des neuen Statutes der CultuSgemeinde und die vom Vorstande projektirten Steuererhöhungen und Taxen angekämpft haben, ist es unseren Bemühungen, wie auch den des Centralcomitüs zur Prüfung dieses Statutes gelungen, die Aenderung wichtigster Paragraphen zu veranlaffen und die hohen Steuersätze zu reduciren und zwar wurde der Maximalbeitrag der Simpelsteuer von 500 fl. auf 300 fl. reducirt. Die Begräbnißtaxe, die bis 500 fl. bestimmt war, wurde auf die Höhe des sechsfachen Betrages der Simpelsteuer-Zahlenden festgesetzt. Die Schlachtgebühr, die bis 10 Kreuzer für Geflügel normirt war, verblieb bei der alten Taxe und wurde der Status quo beibehalten. Die enormen Erhöhungen der Ausgebottaxen, wie auch der Synagogen- und Tempelsitze und noch sehr