Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1897)
- Date
- 1897-08-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1259 tung entquillt das Lob des Höchsten, so mächtig, so erhaben, wie nur ein Staubgeborener es zu singen vermag. Wer hat nicht ferner schon vernommen von den Märtyrern des Mittelalters, die ihr Leben dem Feuertode geopfert, ihrer heiligen Religion zu Liebe eher den furchtbarsten Feilertod erlitten haben, als auch nur das Geringste vom Judenthum aufzugeben. Nun wohl! Die Poesien, welche jene Märtyrer noch in den Flammen zur Verherrlichung des Gottes aller Götter, des Heiligen Israels sangen, jene Lieder sind es, die wir heute noch in unseren Synagogen an den Feiertagen singen. Haben Sie nicht schon vernommen von Rabbi Amnon, jenem Alaune, der sich grausam verstümnleln ließ, weil er nur, unl einen Ausweg zu finden, Bedenkzeit vom Bischöfe sich erbeten hatte in Betreff der Frage, ob er sich taufen lasten wollte. Amnon ließ sich am Rosch hafchanah unter den furchtbarsten Schmerzen in einer Todenlade in die Synagoge bringen und sang seine Dichtung: „Unesane tokef". Und als das „Dreimalheilig" von ihm ausgesprochen worden, da entfloh seine Seele, Gott hatte ihn zu sich genommen. Und jenes Unesane tokef hören Sie heute noch in allen Synagogen. Das waren die Verfasser unserer alten Gebete. Nun, wer sollte nicht mit heiliger Scheu an diese Denkmale hoher Geister herantreten und sie wahrend Wer möchte nicht in kindlicher Pietät die hehren Worte nachlallen? Und jetzt zum Inhalte der Gebete! Da finden Sie nicht nur Worte, leere Worte, schöne Phrasen, nein, inbrünstige, vom tiefsten Herzen kommende Herzensergüsse. Da finden Sie philosophische Betrachtungen, Denkproben großer Gelehrten, Abhandlungen voll ethischen Gehalts, Zeugnisse der tiefsten Gelehrsamkeit nicht nur in heiligen, sondern ebenso sehr in profanen Wistenschaften. Wahrlich, wer dieses betrachtet, der wird genugsam von der Bedeutung unserer Gebete überzeugt werden. Kein Volk, keine Religionsklasse hat so schöne, kunstgerechte, erhabene Dichtungen in seinen Literaturen auszuweisen, wie wir solche in unseren Gebetssammlungen besitzen. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten uttb Correspondenzen Deutschland. Main;, 13. August. In Nr. 51 unseres Blattes v. 28. Juni und in Nr. 53 vom 5. Juli war im Jnseratentheil der „Mögen David Stern" angepriesen, der gegen verschiedene Krankheiten elektrische Heilwirkungen ausüben solle. Wir wurden hieraus von einem hervorragenden Frankfurter Arzte auf das Schwindelhafte dieser Anpreisung aufmerksam gemacht, woraus wir weitere Veröffentlichungen sofort inhibirten und den betreffenden Arzt baten, uns eine fachmännisch begründete Notiz über diesen Gegenstand zukommen zu lasten. Die „Frankfurter Zeitung" erfährt nun inzwischen, daß dieser Mögen David Stern mit dem bekannten „Volta- Kreuz" identisch ist, dessen Werthlosigkeit und Schwindel schon vor Jahren nachgewiesen ist. Wir warnen deßhalb unsere verehrten Leser auf das Dringendste vor Ankauf des genannten Stern's. Erstaunlich ist das Verhalten der „Frankfurter Zeitung" in Bezug auf diese Angelegenheit. In ihrem Abendblatt vom 5. August bringt dieselbe die Warnung des Professors Eulenburg vor dem Volta-Kreuz. In ihrer Nummer von Sonntag dem 8. August, also drei Tage später, preist sie dasselbe in einer großen Annonce mit Bild an, während sie ihre Leser vor dem Anfangs Juli im „Israelit" annoncirten Mögen David Stern wiederum einige Tage später warnte. Erkläret mir?c. Altona, im August. Der Antisemitismus, diese Giftpflanze der Gegenwart, hat hier in Hamburg- Altona bei dem großen Theil der Bevölkerung Gott sei Dank, keinen Boden gefunden; wenn es trotzdem gelungen, in der Hamburger Bürgerschaft den ersten Antisemiten, einen Porzellanmaler Namens Raab, bei einer Ergänzungswahl durchzubringen, so ist der Grund die augenblickliche Spaltung und Zerfahrenheit der verschiedenen liberalen Elemente, sowie, daß der vorhin Erwähnte, gleich dem großen Theil seiner Collegen, nichts weiter als Radaubruder ist. Davon liefert folgende Episode, der ,,Neuen Hamburger Zeitung" entnommen, den eclatantesten Beweis: „Einen zweiten Mißerfolg unseres jüngsten Bürgerschaftsmitgliedes Raab haben wir zu konstatieren. Den ersten erlitt der Erwählte der Hamburger Antisemiten bekanntlich in der letzten Bürgerschaftssitzung, wo er wegen seines unparlamentarischen Auftretens derb zurechtgewiesen werden mußte. Dem ersten folgte der zweite Schlag: diesmal in des Wortes ureigenster Bedeutung. Herr Raab saß vor einigen Tagen in einem feinen Kafee in St. Pauli und erzählte denen, die es hören und nicht hören wollten, von den Heldenthaten, die er noch auszuführen gedenke: so werde er es sehr bald zu Wege bringen, daß ein gewisser Jude, der in der Bürgerschaft zur Zeit ein hohes Amt bekleide,*) aus der Versammlung der Hamburgischen Stadtvüter entfernt werde. Von dem einzelnen Juden kam er selbstredend auf das ganze Volk Israel zu sprechen, deren Charaktereigenschaften er in nicht besonders schmeichelhaften Ausdrücken den Anwesenden auseinandersetzte. Schließlich stellte er die Behauptung aus, alle Juden seien feige und müßten durchgeprügelt werden. Um dieser seiner Ansicht mehr Nach- *) Hier ist der Präses der Hamburger Bürgerschaft Herr Siegmund Hinrichsen gemeint. Dieser sowohl, als sein Vetter Herr Marcus Hinrichsen, sind Bürgerschafts-Mitglieder und gehören zu den hochangesehendsten der Hamburger Bürger! Letzterer ist auch Vorsteher der jüd. Gemeinde und steht au der Spitze des Comitä's für die nothleidenden russischen Juden.