Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1897)
- Date
- 1897-08-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1258 "^-yr*3f^ '■'- r» *.7V -;;' •~\.-';" sxitr- - tagen, an Feiertagen traten die sogenannten Zusatzopfer hinzu) wurden zwei Hauptgebetordnungen verfaßt, die eine da» sogenannte Schacharis oder Morgen-, die andere das Minchah oder Vesper-Gebet. Jeder Jsraelite sprach dieselben während der Opferzeit, um dadurch darzuthun, daß er Gott mit Herz und Hand diene. Für den Abend wurde das Maariv- oder Nachtgebet eingerichtet mit der Bekenntnißform el d eS S ch'ma, weil der Mensch gleichsam Nachts Gott seine Seele, wie im Tode überliefert und vou ihm die Rückgabe erfleht. Nach der Zerstörung des Tempels, da mußten natürlich nach dem Gesetze, welches nur im Heiliqthum zu Jerusalem die Opfer duldet, diese unterbleiben, und nun trat das Gebet nach des Propheten Wort: „Und unsere Lippen sollen die Farren vertreten", an Stelle derselben. In späteren Zeiten wurden von verschiedenen Gelehrten besonders zur Ausschmückung der Feiertags-Gottesdienste Zusätze verfaßt, welche in die ordentliche Gebete eingeschaltet jene Tage und die hervorragenden Sabbate auszeichnen sollten und von dem Inhalte der Feier und der damit verwandten Ideen handeln. Diese Gebete heißen Piutim von dem lateinischen bezw. griechischen Worte poöta resv. noifjrrjg Dichter.) Die Dichter dieser Ergüsse wurden Ueitanim genannt. Jene GebetSordnungen nun wurden nicht etwa willkürlich zusammengestellt, nicht waren es einzelne Verfaffer, die ihre Machwerke der Gemeinde Israels octroyirten. Nein! den Grund zu den Gebeten haben schon in prophetischer VorauSsehung, wie die Tradition sagte, die großen Patriarchen gelegt, .und wurden dieselben später von Esra und dem aus 70 Personen bestehenden Synhedrium der Aelteften vollständig ausgearbertet. Aber nicht die geringste Willkür herrschte bei dieser Ausarbeitung. Jedes Wort, ich sage buchstäblich jedes Wort, ja! sogar stellenweise jedes Partikel wurde durch tiefe Forschung überlegt und beschloffen, wissenschaftlich beleuchtet und durch die Schrift begründet. Man muß selbst in den Geist der Forschungen einzudringen im Stande sein, dann wird man erkennen, mit welcher Sorgfalt, ja mit welcher peinlich gewiffenhaften Prüfung zu Werke gegangen ist. Nun betrachten Sie sich die Männer, welche jene Gebete verfaßt haben! Es waren im wahren Sinne des Wortes Heroen, es waren vergeistigte, es waren verklärte Personen. Werfen Sie zum Beispiele einen Blick auf einen solchen Gelehrten der Vorzeit. Da war Hillel. Derselbe war blutarm und fand seinen Unterhalt durch Holzhauen. Den einen Theil seines Verdienstes gab er für die Ernährung seiner Familie hin, die andere Hälfte erhielt der Verwalter des Lehrhauses. Eines Tages war er ohne Beschäftigung und Verdienst, er konnte daher den Betrag, welchen er zum Zwecke des Eintrittes beim Haushüter erlegen mußte, nicht herbeischaffen. Es war mitten im Winter, ein sehr kalter Tag. Aber der Wiffensdurst ließ ihn die Kälte vergessen. Er setzt sich an das Fenster des Hörsaales außerhalb des Lehrhauses. Des ananderen Tages, es war ein Sabbatmorgen, da wunderten sich die beiden Senioren der Schule über die Dunkelheit im Lehrzimmer, bis sie ihre Augen zum Fenster erhoben, wo sie eine menschliche Flgur gewahrten. Es war Hillel, der unter einer Schneedecke erstarrt dalag. Sofort wuschen sie ihn, labten und wärmten ihn un) thaten den Ausspruch: „Wahrlich um diesen darf man den Sabbat entweihen." — Solche Selbstopferung hatte der Trieb zur Wissenschaft, zur religiösen Weisheit, welche man im Dienste des Höchsten pflegte, um Gottes Willen zu erfahren und nach ihm sich genau zu richten und zu handeln, veranlaßt. Jener Hillel ist nur eine Figur aus der Maffe jener großen Persönlichkeiten, jener fast überirdischen Wesen, an denen, Gott sei Dank! das Judenthum so reich ist. Alle diese Leute gaben aber auch ihre Wiffenschaft unentgeltlich her, fludirten nur, um andere zu belehren. Ja! sie unterstützten noch durch ihrer Hände Verdienst Arme und Kranke und betrachteten ihr Geschäft (sie waren meistens Handwerker) nur als Nebensache, unumgänglich aber nöthig für den Lebensunterhalt des Menschen. Diese Leute waren Gelehrte, von denen noch heute die Nachwelt lernt, es waren auch Aerzte und Richter. Solche Leute verfaßten auch die Gebete, unr ihre Mitmenschen, um die kommenden Geschlechter zum Heile zu führen. Und nun zu den Peitanim! Wer waren diese späteren Dichter? Nun ja, haben Sie schon von jenem Jehuda Halevi gehört, von jenem Dichter, den selbst ein Apostat und Freigeist, wie Heine es gewesen, dem sonst nichts heilig war, verherrlicht und dem er die Krone aller Dichter zuspricht. Jener Jehudah Halevi, der große maurische Philosoph, der in der herrlichsten, blumenreichsten Sprache, in der je ein Dichter gesungen hat, seine unsterblichen Liebeslieder an seine Braut, das holde Jerusalem, das ewigschöne Zion richtet, o! lernen Sie ihn kennen! Jener begeisterte Dichterfürst, wie sehnt er sich sein ganzes Leben hindurch nach Jerusalem. Und als er, an dem Ziele seiner Sehnsucht stehend, vor die Mauern der heiligen Stadt gelangt war, da wurde er von dem Fanatismus eines Sarazenen getödtct. Dieser jagte sein Pferd über den Edlen, und mit den Hufen wurde der heilige Körper zertreten. Aber sein Geist lebt heute noch in den herrlichen Klageliedern, den sogenannten Zionim des TisclTah b’aw. Jenes großartige philosophische Gedicht „Königskrone", welches in vielen Synagogen in der Kolnidre-Nacht gesagt wird, es ist Jehudah's Werk. In diesem Gedichte ist die ganze mittelalterliche Anschauung des Universum's poetisch verarbeitet, und aus dieser Betrach-