Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1897)
- Date
- 1897-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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M 65 Jahrgang. Ein Der Israelit Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. fe^nmnn in M«tnz Montag, de« 16. August 5657 (1897). Leitender Artikel. hebräische oder deutsche Gebete?*) von Simon Frankfurter (Wesel). Eitler der Grundpfeiler, auf denen die Wett beruht, ist nach dem Ausspruche unserer Weisen seligen Andenken« der Gottesdienst, das Gebet. Es ist der Factor, der uns dem Ewigen näher bringt und uns über alles Irdische erhebt. Es erleichtert das beschwerte, bedrückte Herz und gewähret dem beklommenen, geängstigten Gemüthe erneutes Vertrauen auf die Hilfe des Allmächtigen. Vom Morgen bis zum Abende des Lebens findet der wahrhafte Jehudi in dem Gebete reichen Trost, vermöge dessen er alle Schwierigkeiten des ihm getroffenen Looses ertragen lernt. Von jeher nun war es die heilige Sprache, in der unsere Ahnen geredet, in der auch wir zum Gotte unserer Väter unsere Bitten emporsandten. Wenn wir in ihr redeten, daun legten wir gleichsam das Kleid des Alltagsmenschen ab, und hüllten uns in ein feierliches Gewand. Nicht redeten wir mit Gott in der Sprache, in der wir mit Menschen uns unterhielten, in der wir unsere materiellen Bedürfniffe besprachen, unsere Geschäfte abwickelten, nein! es waren geweihte Worte, in denen sich die Gottheit einst selbst dem Menschen offenbarte, es war die Gottessprache, in der wir zum Schöpfer alles Seins flehten. Aber der Geist der Reform und der Neuerungssucht, der die letzten Decennien hindurch ge- *) Ter Herr Verfasser hat obige Abhandlung in Form eines Vortrags in Rheinland und Westfalen im vergangenen Jahre mit vielem Beifall gehalten und dürfte dieselbe wohl auch ihr Scherstein zur Erweckung und Erhaltung des wahren Judenthums in diesen Gegenden beigetragen haben. Red. herrscht hat, er hat auch gesucht seine zerstörende Hand nach dem Heiligsten, was der Mensch besitzt, auszustrecken, und trachtet darnach auch unserer ehrwürdigsten Institutionen uns zu berauben. Und vor Allem war es die hebräische Sprache des Gebets, an welche die Manie, alles Altgeheiligte über den Haufen zu werfen, Hand anlegte, um Worte in unfern Mund zu legen, die keinen Wiederhall im Herzen finden konnten, die aus ungeweihter, der Eitelkeit und Selbstsucht sröhnenden Stimmung entstanden, uns nicht befriedigen, nicht erbauen konnten. Wohlan! da ist es an der Zeit, mahnend die Stimme zu erheben, vor dem unlauteren Tausch zu warnen und uns den Werth unserer alten Gebete zu vergegenwärtigen, um uns eine Waffe zu holen gegen die Angriffe der Zerstörungssüchtigen. Und so sei denn der Zweck meines heutigen Vortrags, mit deffen Abhaltung Sie mich freundlichst beehrt haben. Sie von der Erhabenheit unserer alten Thephilloth zu überzeugen, Ihnen aber auch ein Bild von den neuen Gebeten und deren Verfassern zu entwerfen, damit wir Klarheit erhalten über die Motive und die Folgen der Reform. Ursprünglich war es vom göttlichen Gesetze eingesührt, täglich auf Moria's Höhen, im heiligen Tempel Opfer darzubringen. Da dieselben vom Vermögen des ganzen Volkes Israel bestritten wurden, trug jeder das Seinige bei zum Dienste des Herrn. Das Opfer bedeutete die Hingabe des Materiellen für das Geistige. Denn dadurch, daß der Mensch von seinem Vermögen zu hehren, edlen Zwecken abgibt, zeigt er wohl am deutlichsten, daß ihm das Materielle nur als Mittel dient, die erhabenen Zwecke, zu welchem die Gottheit ihn berufen, zu fördern, zu erfüllen. Derjenige Mensch ist wahrhaft fromm, der werkthätig eintritt für seine Mitmenschen und für Gott. Für jene Zeit nun, während welcher Opfer dargebracht wurden im Tempel, (es geschah dies Morgens und gegen Abend an gewöhnlichen Werk-