Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 64 (12.8.1897)
- Date
- 1897-08-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVIII. Jahrgang. Erste Beilage M M 64 des „Israelit". Leitender Artikel. Zur Paraschah: prTO 1- Von eand. MI. Max Stets Die nationalen Trauertage der Juden sind vorüber, die eine Erinnerung bilden an jene unsäglich schmerzensreiche Epoche des staatlichen Untergangs unserer Nation. Aber es hat den Anschein, als ob diese alljährlich wiederkehrende Trauer, eben wegen ihres regelmäßigen Sicheinftellens auf gar viele jenes Eindruckes entbehrte, der ihr vermöge ihres ganz besonderen Charakters zukommt, und daß die Spur, die sie auf unser aller Herz zurücklassen sollte, nur eine allzuleicht wieder vewischbare sei. — Und doch wäre keine Zeit, wie die heutige, so darnach angethan, sich mit der Frage ernster zu beschäftigen, wie lange unsere Leidenszeit andauern, wann endlich einmal auch für uns der erlösende Freiheitsruf erschallen werde? — Oder sollte unsere Zeit für die Behandlung einer solchen Frage noch nicht reif genug sein? Doch da sind wir allerdings an einen Punkt angelangt, der unabweisbar das Berühren einer anderen Frage miterfordert, welch' letztere jedoch bei Erörterung von Problem der angeschlagenen Gattung von gar Manchem so gern umgangen werden lnöchte, und die ist: Die religiöse Frage? — Die Zeit, in der wir leben, ist in mancher Hinsicht eine widerspruchsvolle. Sie, die so selbstgefällig mit ihrem Fortschritt prunkt, will es andererseits sich nicht eingestehen, daß gleichzeitig mit diesem ein gar gewaltiger Rückgang jener Ideale zu verzeichnen sei, in Bezug auf welche so manche vorangegangene Zeitperiode ihr überlegen war, und während sie aus der einen Seite durch ihr ganzes Thun und Treiben dein immer mehr überhandnehmenden Schwinden des religiösen Sinnes Vorschub leistet, beklagt sie — welch' Ironie! — auf der andern Seite das Fehlen desselben bei der Heranwachsenden Generation und sucht mit allen möglichen, freilich mitunter ganz verkehrten Mitteln wiederum zur Hebung der Religiosität unter dieser beizutragen. — Aber bei gar vielen ist nicht einmal dieses Streben, das in richtigen Bahnen gelenkt vielleicht erfolgreich wäre, zu beobachten. Und diese machen keinen Hehl aus dem allgemeinen Rückgänge des religiösen Gefühles, ja sind bisweilen ganz stolz darauf, indem sie rundweg erklären, daß die Religion mit ihren Satzungen im Kampfe mit dem heutigen, bisher unerreichten Stande der Naturwissenschaften unfehlbar werde unterliegen müssen. Die Naturwissenschaft, so lautet ihr ständiger Refrain, die über so ziemlich alle Räthsel der Natur Ausschluß zu geben imstande ist, sie müsse und werde auch zu immer größerer Anerkennung gelangen, bis sie endlich als alleinige Herrscherin dastehen werde. Es hieße Zeit und Mühe vergeblich verlieren, wenn man diesen Leuten mit Gegenbeweisen für die Haltlosigkeit ihrer Ansichten kommen wollte, wenn man sie nur darauf verweisen würde, daß unsere Religion, wenigstens unser geschriebener Gesetzbuch 2K2V mir, nie Wissenschaft, und Wissenschaft nie Religion sein werde, und daß abgesehen davon gerade die meisten jener Bestimmungen und Gesetze stets die Bewunderung aller hervorragenden andersgläubigen Denker hervorgerufen, die vorurtheilslos sich einem eingehenden Studium derselben hmgegeben. — Aber das ist und war von jeher eine charakteristische Eigentümlichkeit der Juden, daß bei ihnen nur dann etwas zu durchgreifender Anerkennung und Würdigung gelangte, wenn dieses zuvor die anstaunende Bewunderung Andersgläubiger gefunden: esnrm mnan nvi 7^X7! cpnn ^3 r» paar uw ,dwi (V. B. M. 4. 6.) die Gebote und Satzungen eurer Religion, sie dünken euch erst dann weise und vernünftig, wenn sie in den Augen der Völker, die von ihnen vernommen, als solche hingestellt worden sind. — Doch unsere Religion verlangt nicht allein einseitiges ehrfurchtsvolles Anstaunen in der Weise etwa, wie wir es den aus grauer Vorzeit zu uns herüberragenden Denkmälern antiker Kunst zu Theil werden lassen, denen wir aber jede sonstige innerliche Verbindung mit dem pulsierenden Leben der Jetztzeit absprechen; nein, sie verlangt innige Verbindung und Durchdringung mit unserem ganzen Sein, liebevolle Hingebung, nicht kalte, kühle Behandlung ohne jedes tiefere Empsinden, ohne jedes warme Gefühl. Und das ist es, was wir auch bei jenen vermissen, die entweder aus alter Gewohnheit oder Scheu vor Anderen gewisse Gebote beobachten, bei deren Erfüllung jedoch ihr Inneres nicht mitspricht, nicht mit fühlt, von welchen der große Prophet Jesaias (Cap. 29, 13) sagt: pm zh', 'aros vnww "cz, „mit Herz und Lippe ehren sie mich wohl, aber ihr Herz ist weit entfernt von mir". — Und der Grund hiefür dürfte, wenn man tiefer forscht, in der Halbbildung zu suchen sein, wie sie überhaupt mit ein Grundzug unserer Zeit ist. Die Wissenschaft, die früher nur einem kleinen, auserlesenen Kreise zugänglich gewesen, sie ist heute von Jedermann leicht zu erlangen. Ohne viele Mühe und Anstrengung vermag sich jeder eine ■ h: ij; : i IMS '' l V i.