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Der Israelit · 1897-08-09 · Heft 63 (9.8.1897) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 63 (9.8.1897)
Date
1897-08-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1223 mit der Begründung, daß die Vorlegung und regelmäßige Erneuerung der Ausweispapiere in der Regel nur von denjenigen Ausländern zu fordern fei, die nach ihren Verhältnissen der Armenpflege zur Last zu fallen, oder in anderer Weise lästig zu werden drohten." Hieraus wird gefolgert, daß „der Minister bei der Frage, ob den Ausländern die Niederlaflung in Preußen zu erlauben sei, nationale Rücksichten nicht maßgebend sein lassen will." Run hat aber aber gerade der Minister jene Ausländerkontrolle, wie dem Versaffer aus den Zeitungen bekannt sein könnte, allgemein angeordnet; und was sollte für den Minister hierbei Anderes maßgebend gewesen sein als nationale (!!!) Rücksichten? Wenn der Anonymus schließlich meint, dem Grundsätze der russischen Juden: ubi bene ibi patria sei auch mit einer Erschwerung der Naturalisation nicht beizukommen, so glauben wir, daß solchen Elemente» gegenüber die Naturalisation überhaupt verweigert und regelmäßig zur Ausweisung geschritten wird." (,)uod erat demonstrandum! Herr Freiherr v. d. Recke ist somit vorr dem Vorwurfe, die Geschäfte der Antisemiten nicht gefördert zu haben, glänzend gerechtfertigt! Die Thatsacheu, welche die „Nordd. Allgenl. Ztg." zur Vertheidigung des Ministers des Innern anführt, sind durchaus nicht neu; aber daß sich das offiziöse Blatt bemüßigt sieht, an leitender Stelle in zweifellos inspirirten Darlegungen den Minister gegen die albernen Anwürfe des anonymen antisemitischen Skribenten in Schutz zu nehmen, und noch dazu die Versagung unglücklicher Menschen, deren einziges Verbrechen darin besteht, daß sie Inden sind, als rettende „nationale" That feiert, ist allerdings neu und verdient als die denkbar beredteste Kennzeichnung der Zeit registrirt zu werden. Die Ausweisungen, welche seit nunmehr zwölf Jahren andauern, haben eine so unermeßliche Fülle von Jammer über viele Taufende Unschuldiger gebracht, daß kein fühlendes Herz sich des Erbarmens mit den von Haus imb Hof in Noth nnd Elend Hinansgestvßenen, zum Theil völligem Ruin Ueberautworteten erwehren kann — die Menschenliebe des gonverne mentalen Blattes preist diese drakonische Maßregel, für deren Nothwendigkeit auch nicht der Schimmer eines Beweises erbracht wurde und niemals wird erbracht werden können, als den Gipfel staatserhaltender Weisheit! Meminisse invabif. Daß der AnonvmuS, dessen Erpectorationen der ,/Nordd. Allgem. Ztg." willkommenen Anlaß zu ihren Auslastungen giebt, dem Minister des Innern schweres Unrecht thut, ist jedem halbwegs Unterrichteten bekannt, und die Geschehnisse, die sich gegenwärtig in Memel abspielen, sollten ausreichen, um die Anschuldigung übergroßer Milde bei der gegenwärtigen Durchführung der Ausweisungen zu widerlegen. Natürlich sind diese Maßregelungen nur von „nationalen Rücksichten,, eingegeben! O esterr.-Ungar. Monarchie. ** Wien, im August. (Zur Abwehr.) Der deutsch-österreichische Lehrertag hat sich gegen die Judenhetze erklärt. Während die Mehrzahl der Wiener Lehrer zur antisemitischen Bewegung halten, bereu Führer Volksbildung und Wissen schmähen (die Universität ist ein „Mauscholeum" genannt worden, Dr. Lueger hat öffentlich erklärt, die Recepte jedes Kräutelweibes den Erfahrungen der medizinischen Wissenschaft vorzuziehen) ist auf dem Lehrertage unter dem donnernden Beifall ausgesprochen worden, daß Sprache, Abstammung, Nationalität und Glauben nicht entscheidend sein dürfen für die Beurtheilung des Werthes des Menschen und seiner Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft. In voller Reinheit aber gelangte der erfreuliche Geist, der den Lehrertag erfüllte, in der Gedenkrede zum Ausdruck, mit welcher der Obmann des Landes- Lehrervereines, Herr Jordan, das Andenken Friedrich Dittes' feierte. „Sein Programm", sagte der Redner, „beruhte auf demokratischen Grundsätzen: Gleichheit aller Menschen!" Und dann weiter unter demonstrativenl Beifall: „Dittes wollte nur jene Religion ui die Herzen der Kinder gepflanzt haben, welche die Liebe predigt, Haß und Unduldsamkeit aber gegen Andersgläubige nicht kennt!" Und er schloß unter stürmischer, minutenlanger Zustinnnung mit der Mahnung, „die Lehrerschaft möge allezeit getreu bleiben den Grundsätzen der Menschlichkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit!" Mit Begeisterung kam die mehrhuudertköpfige Versammlung der Aufforderung des Vorsitzenden nach, mit der Ehrung für den Dahinge schiedenen auch zu geloben, daß die deutsch-österreichische Lehrerschaft sich Eins fühle und fühlen werde mit Dittes für und für. ** Budapest, 5. August. Vor einiger Zeit ist ein hübsches lüjähriges Judenmädchen, Namens Helene Schönhauser, verschwunden. Es wurde später konstatirt, daß das Mäochen auf Intervention von Nonnen getauft und in einem Kloster untergebracht wurde. Die Polizei hat heute eruirt, daß das Mäochen in ein belgisches Kloster gebracht worden ist, weßhalb man auf dem Wege des Ministeriums des Aeußern die Ausforschung dorlselbst anordnete. Italien. § Venedig. Der Sohn des Präsidenten unserer Talmud-Thora des Advocaten Cavaliere A m ed e o G r ass i ni, D r. Marco, der stets ein Philhellene war, hat sich im heurigen Frühling gleichfalls unter die italienischen Freiwilligen ausnehmen lassen, die sich entschlossen hatten, unter der Führung

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