Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 63 (9.8.1897)
- Date
- 1897-08-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1222 den Muth von einem jüdischen Staat zu sprechen, während wir mit unserer Hoffnung nur Spott und Hohn begegneten. Ja, die Zeiten sind ernst und wer die Augen nicht verschließen will vor den Tageserscheinungen, wer seine Betrachtungen macht, seine Folgerungen zieht, kann sich nicht verhehlen, daß die Zukunft nicht viel Tröstliches in Aussicht stellt, daß die erregten Leidenschaften, gegen die alle Vernunft und alle Widerlegungen machtlos abprallen, noch lange nicht zum Stillstände kommen werden. Auch das moderne Judenthum, das immer wähnte, angriffsfrei zu sein, sich die vollste Anerkennung verdient und erworben zu haben bei seinen Mitbürgern, muß sich gestehen, daß es sich verrechnet hat. Wird es diese Nichtanerkennung wohl auch aus seine Mißachtung seines Judenthums setzen und daß cs ganz und gar vergeffen hat, sich die Anerkennung auch als Jude zu verdienen unb zu erwerben?! Es rechnet jetzt schon mit der Zukunft. Wie denkt cs sich diese? — Wie oft schon ist dem Nesormjudenthum vorgehalten worden, daß cs schließlich an einen Punkt ankommen wird, der ein Scheideweg ist, wo nur die Wahl bleibt, die Grenze des Judenthums zu überschreiten, oder sich znrückzuwenden. Denn stehen bleiben, immer so bleiben, wie man heute ist, ohne jüdische Religion doch den Namen Jude zu behalten, ohne jüdisches Leben doch dem jüdischen Volke angehören zu wollen, das geht nicht, auch wenn man immerzu in dieser bequemen, verantwortungssreien Lage beharren möchte; denn auch das Reformiren duldet keinen Stillstand. Alles überlebt sich, nur nicht Gottes Gesetz, das an keine Zeit und Verhältnisse gebunden, und wir glauben, daß auch das dieses Gesetz beobachtende und danach sein Leben einrichtende Judenthum sich noch nicht überlebt und sich auch heute die Achtung und Anerkennung der Welt nicht ganz verscherzt hat. Unsere Zionshoffnung ist berechtigt; wir bauen auf Gottes Verheißung; aber der moderne Zionismus ist das Produkt einer in sich zerfallenden und aussichtslosen Auschauung über jüdisches Gesetz, jüdische Aufgabe und Judcnthum. Dr. H. S. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. ** Berlin, 1. August. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" gibt sich die sehr überflüssiae Mühe, den preußischen Minister des Innern gegen den Vorwurf in Schutz zu nehmen, daß er sich den Wünschen der Antisemiten gegenüber nicht genügend entgegenkommend erweise. Eine in Leipzig erschienene und Herrn v. Miguel gewidmete anonyme Broschüre hatte die Frage der Zulassung slavischer Arbeiter aus Rußland und die jüdische Einwanderung zum Kriterium dafür hingestellt, ob die preußische Regierung „national" sei oder nicht. Das gouvernementale Blatt erklärt zunächst, daß die Grundbesitzer in den Ostprovinzen die Nothwendigkeit der Zulassung polnischer Arbeitskräfte so lebhaft und überzeugend nachgewiesen hätten, daß im Jahre 1891 ihren Wünschen unter den bekannten Beschränkungen entsprochen werden mußte. Dann schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.", um den Freiherrn v. d. Recke gegen die Anklage, dem „nationalen Empfinden der Nation" nicht Rechnung zu tragen, zu vertheidigeu. „Schließlich meint der Verfasser, das Wenigste, was man verlangen könnte, wäre, daß man die Grenzen gegen die ausländischen Juden sperrte. Statt deffen kämen aber Tausende von Juden jährlich ungehindert über die Grenze, um sich dauernd eiuzunisten. Seien sie aber einmal da, so werde man sie leicht nicht wieder los; denn Rußland könne ihrer Wiederaufnahme aus Grund des Handelsvertrages unendliche Schwierigkeiten entgegensetzen. Auch diese Darstellung widerspricht in allen Punkten den Thatsachen. Der jüdischen Einwanderung wird unseres Wissens mit allen zulässigen Mitteln seit Jahren entgegengewirkt,' das beweisen schon die Ausweisungen, über die in gewissen Zeitungen ja oft genug Beschwerde geführt wird. In jene Statistik über Ausweisungen, auf die sich der Verfasser beruft, sind nur die aus Grund des Reichs-Strasgesetzbuchs erfolgten ausgenommen. Diese Statistik kann hier also gar nicht zum Beweis herangezogcn werden. Was die Wiederaufnahme der Ausgewiesenen in Rußland betrifft, so ist Rußland nach einem mit ihm abgeschlossenen Abkommen vom Februar 1894 verpflichtet, seine Staatsangehörigen, also auch die jüdischen, zu übernehmen, und Rußland kommt, wie zahlreiche Beispiele beweisen, dieser Verpflichtung nach. Der Aeußerung des Versaffers gegenüber : „Und hat man einmal vernommen, daß der oder jener Provinziale oder Polizeipräsident in der Anwandelung nationaler Regungen die ausländischen Juden mit Ausweisung bedrohe, so berichten gleich darauf die liberalen Zeitungen mit Befriedigung, daß das Ministerium des Innern die Ausweifungsmaßregeln aufgehoben oder bedeutend gemildert habe", ist lediglich zu bemerken, daß die liberalen Zeitungen aldann wohl falsch berichtet haben werden. Der Verfaffer führt — wie er sagt zur Charakteristik des jetzigen Ministers des Innern — Folgendes an: ..Der Polizeipräsident von Köln hatte von den dortigen Ausländern verlangt, daß sie zeitweise die Päffe vorlegten, um zu verhindern, daß Ausländer, deren Päffe abgelaufen waren, oder die überhaupt keine Legitimation hatten, bei uns dauernd verblieben. Dieses Verlangen mißbilligt Herr von der Recke in einem Erlaffe an den Oberpräsidenten der Provinz