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Der Israelit · 1897-08-05 · Heft 62 (5.8.1897) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 62 (5.8.1897)
Date
1897-08-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1205 dieses Land behauptet, an der Spitze der Zivilisation zu schreiten! Die Polizei, die niedrige* Pariser Polizei, hatte einen falschen Bericht über das Privatleben des Eapilaines Dreyfuß gegeben. Das wundert mich gar nicht, denn dieselbe Polizei hatte zu meinen Acten einen Bericht geliefert, der unter anderem behauptete, ich unterhielte fortgesetzte Perbindungen mit dem Grafen Münster, ich verkehrte bei der deutschen Botschaft, ich organisirte in der Wirthschaft Georges Versammlungen von Deutschen und ich empfinge postlagernd Briefe aus Deutschland. Den Grafen Münster habe ich niemals mit Augen gesehen; ich bin mit keinem Fuß in der deutschen Botschaft gewesen, wo ich niemand kenne; die Wirthschaft Georges besuchte ich ebensowenig wie andere deutsche Wirthschaften Alle ineine Briefe empfing ich zu Hause, und mit Deutschland stand ich gar nicht in Briefwechsel! Wie soll man sich nun auf die französische Justiz oder die französischen Behörden verlassen?? Dies beweist augenscheinlich, daß Frankreich im Niedergang begriffen ist, daß das^Bolk entnervt ist, daß dieses Land allmählich auf gleiche Stufe fällt wie Spanien. Das gibt uns ja auch wohl die Erklärung dafür, daß Frankreich, das Land, welches darauf pocht, an der Spitze der Zivilisation einherzuschreiten, die Stierkämpfe bei sich eingeführt hat. Derjenige, der den Fall am besten beurtheilen kann, der sich , amit befaßt hat, Herr Demange (berühmter Pariser Advokat, Dreyfus' Vertheidiger vor dem Kriegsgericht) hegt die Ueberzeugung, daß der Capitaine keineswegs schuldig ist: er hält ihn für unschuldig, für einen Märtnrer. Aus dem Ober-Elsaß, 9. August. Der Artikel von Herrn Dr. Goldstein in Nr. El. Ihres geschätzten Blattes, muß bei allen wahrhaften Jehudim energischen Widerspruch herausfordern. Ist es denn Herrn Dr. Goldstein nicht bekannt, daß man sogar in der größten jüdischen Gemeinde des Ober- Elsasses, wo der Präsident des Consistoriums seinen Wohnsitz hat, nicht einmal Fleisch bekommen kann, welches im Sinne unseres heiligen Religionsgesetzes als zuverlässig ">£»: zu erklären ift, weil alle Metzger wernos nzv ^ne sind und „Treffe neben Koscher" feil halten, ohne, daß hierüber von Seiten der Gemeinde eine Aufsicht geübt wird? Wie viele Leute in dieser größten Gemeinde sind im Stande auch nur die tägliche rbtr\ zu übersetzen? oder was sagt Herr Dr. Goldstern zu diesen Zuständen, da Her doch nach einem früher von ihm erschienenen Artikel auf nur, mnr so großen Werth legt? Von der Orgeleinführung wollen wir gar nicht sprechen. Vor allem aber muß in religiösen Kreisen gerechte Entrüstung erregen, der durchaus ungehörige und widerwärtig gehässige Ton, in welchem Herr Dr. Gotdstein über den Verfasser der „Civis" Artikel in der „Straßburger Paft" spricht. Es mag sein, daß wir in manchen Kleinigkeiten nicht ganz mit diesem Herrn übereinstimmen, aber soviel glaube ich behaupten zu können, ohne einen Widerspruch befürchten zu müssen, daß der „Civis," was er thut dw cvb thut, und daß er in seinem Kreise, für die Erhaltung des Judenthums schon mehr gewirkt und Erfolg erzielt hat, als unser Consistorium und vielleicht auch als mancher Rabbiner im Elsaß. Sodann behauptet Herr Dr. Goldstein, daß der „Civis" von den im Reichslande geltenden Rechten der Israeliten und der Confistorien, wenig oder gar keine Kenntniß habe. Da scheint der Herr Rabbiner leider noch nicht erfahren zu haben, daß schon vor längerer Zeit einer der größten Kenner des Kirchenrechts in Elsaß-Lothringen einen Gesetzentwurf über die Neuregelung unserer Synagogenverfassung ausgearbeitet hat, der sich ganz auf den Ideen des „Civis" aufbaut. Da muß es mit den Kenntnissen des „Civis" doch nicht so schlecht stehen. Alles in Allem, die Verhältnisse bei uns sind nicht weniger als schön und am wenigsten schön sind sie im Ober-Elsaß, und da unser Consistorium voraussichtlich keine Hand zur Besserung anlegen wird, so ist unsere einzige Hoffnung auf die Regierung gerichtet, trotz Herrn Rabbiner Dr. Goldstein. »mro m». O e st e rr. - Un g ar. Monarchie. ** Wien. Karl Blind veröffentlicht einige Erinnerungen zur Victoria-Feier in der „N. Fr. Pr.", denen wir Folgendes entnehmen: „Allerhand merkwürdige Veränderungen, die unter der sechzigjährigen Regierung der Königin Victoria erfolgten, sind bei der Jubelfeier kaum erwähnt worden, zum Theil weil man sie längst als einen selbstverständlichen Fortschritt betrachtet, der nickt im Geringsten mehr auffällt. Als wir vom Festlande hierherkamen, nachdem durch die Umwälzung von 1848 endlich auch in Deutschland die bürgerliche und politische Gleichstellung der Einwohner mosaischen Bekenntnisses errungen war, traf man in diesem freien, von Schiller als die „Tyrannenwehre" gefeierten Lande noch auf das, bei uns durch die Märzstürme hinweggefegte Ueberbleibsel mittelalterlicher Vorururtheile. Wohl konnte ein Jude einen Sitz im Unterhause einnehmen, jedoch nur, wenn er den vorgeschriebenen, das christliche Bekenntniß in sich schließenven Eid schwor. Nach seinem eigenen Glauben oder gar nach seiner Abstammung aus uralter Zeit wurde nicht gefragt. Leistete er den Eid, so ließ man ihn herein. Da er das aber nicht thun konnte oder wollte, so blieb er ausgeschlossen. Seit vielen Jahren ist die ganze Sache nun abgeschafft. Männer der jüdischen Religionsgemeinschaft sitzen im Unter-, ja sogar im Oberhause. Keinem Menschen fällt es ein, auch nur ein Wort darüber zu verlieren, als ob das eine absonderliche Errungenschaft sei. England hat im Mittelaller ebenfalls seine scheußlichen Judenverfolgungen gehabt. In Dort floß das Blut der vielfach Gehetzten; und zuletzt wurden sie am Ende des dreizehnten Jahrhunderts ganz aus dem Lande vertrieben. Blos einige Familien erhielten sich in der Stille; es waren ihrer im Jahre 1693 nicht mehr als zwölf.

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