Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 62 (5.8.1897)
- Date
- 1897-08-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1204 sichtlichste vollzogen. Manche haben, so lange sic noch etwas befaßen, die Geldstrafe einauch zweimal bezahlt, haben sich auch ein- und zweimal 8 bis 14 Tagen einsperren lassen — wohin hätten sie denn auch ohne Geldmittel gehen sollen? Mit solchen Strafen soll fortgefahren werden, dis alle Ausgewiesenen den Ort verlassen haben. Da nunmehr sämmtliche, mit vieler Mühe erwirkten Fristen abgelaufen, so sind von demselben Verfahren alle Ausgewiesenen bedrohtdarunter Grrise und Greisinnen über 70 Jahren, Me den größten Theil ihres Lebens hier gelebt haben; mehrere jüngere Frauen, Töchter hiesiger jüdischer Bürger, die nur deßwegen den Ort verlassen und ihren Männern, die nach der Ausweisung bereits ausgewandert sind, ins Exil folgen sollen, weil sie solche aus Rußland eingewanderte Männer geheirathet haben. Ja gerade diesen Frauen wird am meisten mit Strafen und Strafdrohungen zugesetzt. Gegenwärtig ist die Sache bis zum Aeutzersten gekommen unb wir stehen unmittelbar vor der schmerz lichsten Katastrophe, da es alle zuständigen Behörden abgelehnt haben, von irgend welchen weiteren Eingaben, Beschwerden, Gesuchen um Ausenthaltsfriflung, Kenntniß nehmen zu wollen. Der Augenblick ist gekommen, da an uns, wie an allen Glaubensbrüdern anderwärts die Mahnung der Heiligen Schrift in Kraft tritt: „Du sollst nicht zurückstehen bei der Blutgefahr deines Nächsten." Als Menschen und Israeliten haben wir gleichmäßig die Pflicht, den unglücklichen Glaubensgenossen beizustehen. Es kann geholfen werden, wie auch allen den früheren Angewiesenen hier und anderwärts geholfen worden ist; man giebt den Unglücklichen die Mittel, sich anderwärts eine ungefährdetere und sicherere Heimath zu suchen. Dazu aber sind so große Summen erforderlich, daß wir uns nothgedrungen an unsere auswärtigen Glaubensgenossen um Beihülfe wenden müssen. Noch niemals ist ein Nothruf aus solch einer überaus traurigen und verzweifelten Lage unter unseren Glrnibengen offen unerhört geblieben: so hoffen wir denn auch dieses Mal keine Fehlbitte zu tyun, um auskömmliche Unterstützungen für die armen gequälten und gehetzten Menschen zu erlangen. Gott sieht'S und wird's vergelten. Die Geldspenden sind zu richten an Herrn S. Bloch in Memel. (Auch wir sind gerne bereit Gaben in Empfang zu nehmen und weiter zu befördern. Red.) ** Gtratzburg, 2. August. Die „Straßburger Post" schreibt: Der Fall Dreyfuß wird wieder einmal aus der Vergessenheit, in die er nachgerade zu versinken beginnt, in das volle Licht des Tages gestellt. Herr Henri Strauß, der ehemalige Präsident er französischen Liga gegen den Antisemitismus und Direktor der „Alliance nationale" in Paris, hat im Verlage von Josef Singer in Slraßburg gleichzeitig in deutscher und französischer Sprache eine Broschüre erscheinen lassen („Une .infamie judieiaire" heißt der Titel der französischen, „Ein infames Urtheil" der der deutschen Ausgabe), in welcher er das gesammtc Material, welches sich allmählich angehäuft hat, noch einmal zusammenträgt und den Nachweis führt, daß der Capitaine Dreyfus einerseits das Verbrechen, dessen matt ihn beschuldigt, gar nicht begangen haben kann, andererseits vom Kriegsgericht auchthatsüchlich auf Grund falscher Angaben vcrurtheili worden ist. "Wir haben ttns mit dem seltsamen Falle, der die eigenthümlichsten Berichte des ,/Neuen Pilaval" noch übertrifft, im Lause der Jahre so oft und so ausführlich beschäftigt, daß wir nicht nöthig haben, an dieser Stelle noch einmal ans ben Prozeß zurück znkommcn. "Wir können nur sageil, daß die Veröffentlichung des Herrn Strauß uns in dem Glauben an die Schuldlosigkeit des vernrtheilten Dreyfus, dem wir von Anfang an Ausdruck gegeben haben, nur noch bestärkt hat. Herr Henri Strauß hat den Ea pitaine Dreyfus lutb dessen Familie persönlich gekannt; Herr Henri Strauß ist Franzose und hat seit Jahren in Frankreich und Algerien durch Schrift und Wort gegen den Antisemitismus gekämpft. Das alles muß man bedenken, um seine Schrift richtig zu würdigen. Dieselbe enthält viele neue Angaben und viele Aeußeruugen der Stintmung, welche auch in Deutschland Beachtung verdienen. Von diesen kleinen Zügen wollen wir verschiedene verzeichnen, welche recht interessante Streiflichter auf mancherlei französische Verhältnisse u. s. w. werfen. Wir lesen u. a. was folgt: Die Presse ist eine Macht in Frankreich und die Cs‘vimtnnf; richler glauben, daß diese Presse das Echo der öffentlichen Meinung ist, mäbrend sich das Publikum ebenfalls von der Presse beeinflussen läßt Der Eapilän Drerifuß mar ein größerer Antisemit als der nichtsnutzige Drumont, und doch bat grade die antisemitische Presse am meisten zu der Verurtbeilung des Eapitäns beigetragen, und später hat dieselbe Presse unaufhöclich verlangt, daß man ans Rücksicht für ihn Ausnahmemnßregcln treffen sötte, Fch glaube, daß der Earrcsvondent der „/•vanffmtci Zeitung", Herr Goldmann, übertreibt, wenn er von der schlechten Behandlung spricht, die dem Capitän auf Ile de Diable zutheil geworden ist; und dennoch ist das alles möglich, denn das französische Bolk, ivelchcs stolz ist ans seine Großmulh und vorgibt, an der Spitze der Eivitisation zu schreiten, hält es doch demungeachtet mit den Russen, dem barbarischsten Volke der Welt. Der Franzose ist manchmal grausam, und ich finde es einfach lächerlich, daß wir großartige Expeditionen machen und nach Afrika gehen, um die Schwarzen zu civilisiren. Es märe wahrhaftig ebenso berechtigt, daß die zu uns kämen, u.n uns besser zu machen.' Bei ihnen gibt es doch keine Vorkommnisse wie der Fall Dreyfuß und Panama, und sie haben auch keine so schändliche Polizei, wie die von Paris. Und welche Mittel wenden die Franzosen an, um Afrika zu civilisiren? Drei: Das Pulver, den Alkohol und den Tod. Und