Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 61 (2.8.1897)
- Date
- 1897-08-02
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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1332 Formendienst, der sorgt für die Schale, nicht für den Kern. Ich stehe mit der Ansicht, es müsse den Kleinen ausführlich erzählt werden, nicht allein. Namhafte Pädagogen sind derselben Meinung. „Man muß bei kleinen Kindern recht ausführlich sein, man muß die kleinen Nebenumstände beachten und das im Bibelwort gegebene Gemälde sich selbst angemessen koloriren, bezw. weiter ausführen." — „Die herkömmliche Behandlung, bei welcher man bemüht ist, die biblischen Geschichten durch längere, nach einem logischen Plan angelegte katechetische Unterredungen den Kindern zum Verständniß zu bringen, ist eine unnatürliche und daher ihren Endzweck verfehlende." — „Der beste Theil besten, was die Katechisirungtzfreunde nach dem Erzählen der Geschichte in die Katechese hineinlegen, soll inmitten der Erzählung selbst an die Kinder gebracht werden." — „Was die Bibel mit kurzen, knappen, tiefen Worten, mit einigen genialen Strichen in leisen Konturen andeutet, hat der Lehrer vor den Augen der Kinder mit den bunten Farben der Sprache zu einem herrlich kolorirten Bilde voll Schönheit auszumalen: Das Ausmalen und Hervorheben der einzelnen Züge ist für kleine Kinder unbedingt erforderlich .... Dem Kinde soll die Geschichte möglichst durch sich selbst ohne Beiziehung widerwärtiger Erklärung verständständlich werden." Einer solchen Darstellung wird es auch möglich sein, die Phantasie des Kindes wirksam zu befruchten und in richtige Bahnen zu lenken. Und das ist gar nicht so unwichtig. Denn der Phantasie des hörenden Kindes ist es ja anheimgeftellt, die gehörten Worte in psychologische Gebilde zu verwandeln. — Die Ausführlichkeit der Darstellung hat manches Kapitel umfangreich gestaltet. Dieser und jener wird das vielleicht tadeln. Ein Kapitel bedeutet aber nicht das aus Zeitmaß einer Lchrstunde zugeschnittene Peirsum. Es bleibt vielmehr dem weisen Ermesten des Lehrers anheimgeftellt, den aegebenen Stoff auf die einzelnen Lehrstunden zu vertheilen, wie er ja auch aus den gebotenen Geschichten eine ihm passend erscheinende Auswahl für jeden einzelnen Jahrgang der Unterstufe zu treffen hat. — Bei der Auswahl für die Unterstufe im allgemeinen mußte festgehalten werden, daß auf dieser Altersstufe des Kindes Welt die Familie ist; für Völkerverhältniste hat es noch kein Auge und kein Verständniß. Dem kleinen Kinde ist ferner „das Wunderbare natürlich und das Natürliche wunderbar." Durch das Wunderbare wird das Kindesgemüth mit Ehrfurcht für Gott und für das durch Gott unmittelbar gebotene Gute erfüllt. Es sind also lebensvolle Bilder von einzelnen Personen, Familien und Begebenheiten zu wählen. Die Familiengeschichte Israels wird in der Genesis erzäblt. Daher kommt zunächst diese in Betracht. Sodann muß auch die Zeit der Knechtschaft, der Erlösung und der Wüstenwanderung, die Zeit, in welcher Israel sich aus einer räumlich noch ungetrennten Gesammtheit von Familien zum Volke entwickelt, herangezogen werden. Aus der späteren Zeit endlich sind geeignete Geschichten von einzelnen Personen und Begebenheiten zu erzählen. Hierbei gehen z. B. die preußischen „Allgemeinen Bestimmungen" nur deßhalb nicht über David hinaus, weil sie noch anderen, für uns außer Betracht bleibenden Stoff zu berücksichtigen haben. Wir Israeliten dagegen haben keinen Grund, die geeigneten Geschichten der nachdavidischen Zeit der Kleinen vorzuenthalten. Aus praktischen Gründen indeffen werden zunächst nur oie Geschichten bis zum Tode Moses vorgelegt. Zu dieser Maßnahme drängte nämlich neben der Preisfrage auch die Thatsache, daß nach den mir vorliegenden Lehrplänen der erwähnte Zeitpunkt die äußerste Grenze für das Pensum der Unterstufe bildet. Falls das Buch eine günstige Aufnahme findet, soll auch die 2. Abtheilung erscheinen. Es kann das im Jntereffe der Kleinen nur gewünscht werden, denn es wird ihnen in den biblischen Geschichten nicht nur ein vorzüglicher Lernstoff für den Schulgebrauch, sondern auch ein vielleicht unübertrefflicher Lesestoff für die Mußestunden geboten. „Unter allen Geschichten", sagt ein hervorragender Jugendschriftsteller, „sind die biblischen die vortrefflichsten. Da lebt alles, alles steht vor Augen, der Schauplatz der Geschichte ist immer bestimmt. Man ist überall in der wirklichen Welt, hat Berg uno Thal, Baum, Felsen, Quellen und Gebirge. Es ist die Zeit der Geschichte angegeben. Itzt ist es Morgen, jetzt Abend, jetzt heißer Mittag. Bald ist es Erntezeit, bald Schafschur, bald Weinlese: die ganze sichtbare Natur ist ins Jntereffe gezogen. In diesen Geschichten leuchtet eine Sonne, funkeln die Sterne, rnan sieht den Regenbogen. Da ist ein Kornfeld, dort ein Weinberg, hier ein Oelgarten. Die Natur ist mit lebendigen Geschöpfen bevölkert, die nach ihrem Charakter gezeichnet sind. Die handelnden Personen sind keine Schattengestalten; sie sind Menschen, die reden und handeln wie wir. Alle sind aus dem wirklichen Leben genommen, sie werden in ihren ländlichen und häuslichen Beschäftigungen vorgestellt, redend eingeführt. Sie reden aber nicht die Büchersprache, sondern die des Herzens und der Natur, meist in kurzen Worten, die den Gedankenzustand vollkommen ausdrücken. Die Gebärden aber sind oft noch ausdrucksvoller als die Worte. Die Charakteristik ist unübertrefflich, voll Natur und Wahrheit, umfaßt zuweilen auch noch die