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Der Israelit · 1897-08-02 · Heft 61 (2.8.1897) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 61 (2.8.1897)
Date
1897-08-02
Page
– (sequence 23)
Language
German
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1333 äußere Gestalt, wie bei Esau, Joses, David u. s. w. Was aber noch mehr Interesse in die Geschichte bringt, das ist das Wundervolle der Begebenheiten, das Auffallende der Situationen, das dramatische Fortschreiten der Handlung. Die biblische Geschichte hat einen hohen Werth in Absicht auf Sittenlehre. Sie ist ein hohes, herrliches, lebensvolles Gemälde der Sitten, stellt sittliche Charaktere aller Arten auf. Es ist keine Tugend, kein Laster, die man hier nicht in mehreren Menschen ganz nach dem Leben gezeichnet fände, wobei meist noch die Gegensätze ergreifend wirken." — — — — —- P. Sprechsaal. (Die Basis unserer Selbsthilfe.) Der „Nothschrei" in Nr. 52 des „Israelit" betr. „Die Selbsthilfe der Lehrer" drückt auch mir die Feder in die Hand. Der Einsender dieses „Nothschreies" zeigt uns ja in jeder Zeile sein fühlendes Herz, aber cs ist eben ein Dichterhcrz, daZ gern auf den sonnigen Höhen des Lebens weilt, die Welt gleichsam aus der Vogelperspektive betrachtet und die Menschen nimmt, nicht wie sie sind, sondern wie sie sein sollten. Deshalb sind die Ausführungen, soviel Ehre sie auch seinem Herzen machen, in der Praxis nicht durchführbar, wie auch die Redaktion bereits ganz richtig bemerkt hat. Wir aber gewöhnlichen Staubgeborencn, die mir mit nüchternen Augen nicht über, sondern unter uns und um uns schauen, sehen gar vieles, was solchen Naturen entgeht und so haben auch wir, wie so viele andere, über diesen wunden Punkt schon lange nachgcdacht und das Resultat dieser Untersuchungen soll hier dar- und klargclegt werden. Eine Wunde, eine offene Wunde ist die Lage vieler unserer isr. Religionslehrer, darüber sind wir wohl alle einig, aber wie viele sich auch schon bemüht haben, durch allerlei Traktätchen und Linderungsmittel eine Heilung herbeizuführcn, noch keiner hat es gewagt, den entschlossenen Emrurgen herauszukchrcn, der unbekümmert um das Zucken der schmerzenden Glieder mit scharfer Sonde die Wunde untersucht, um zunächst nach der Ursache zu spähen, auf Grund deren ja nur allein eine sichere Diagnose gestellt werden kann. Vielleicht schwebte allen der Goethesche Spruch als Schreckgespenst vor: „Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen; die wenigen, die es gewagt, die thöricht genug ihres volles Herz nicht wahrten, bat man von ieher gekreuzigt und verbrannt." Ich aber will einmal, trotz der Wahrheit, die in diesen Dichtcrworten liegt, die Dinge beim rechten Namen nennen, die Quellen verraten, ans denen die betrübenden Verhältnisse entspringen; denn erst, wenn diese verstopft sind, ist es möglich, ein grundsichcres Gebäude auszuführen; im anderen Fall dagegen würden alle Bausteine, als da sind; Vereine, Kassen u. s. w. unterminiert werden und im lockeren Grunde versinken. Diese Quellen sind: 1. Die seitens der Eltern zu häufige Bestimmung ihrer Söhne zum Lehrer. In Verbindung damit: 2. Falsche Auffassung des Lehrer- und Lehrberufes. 3 Nichtanerkennung des Spruches: Handwerk hat einen goldenen Boden. Die Beweise für ausgestellte Behauptungen will ich jetzt in kurzen Worten erbringen und sie dürften mir nicht schwer fallen. Es ist ja eine bekannte Thatsacke, daß. seitdem im Geschäftsleben, wenigstens in einigen Geschäftsparten, eine Stagnation eingetreten ist, viele Eltern und folgerichtig auch die Söhne den hehren Lehrerberuf gerade gut genug finden, den Lückenbüßer abzugeben, ihn gleichsam als eine Hebergangsperiode betrachten, indem sie sich mit der stillen Hoffnung nähren, daß in einer günstigeren Zeit ein Wechsel in der Lebensstellung leicht zu bewerkstelligen sei. „Ein Lehrer kann ja später alles werden" hört man oft im Munde der Leute. Da wird nicht gefragt: Besitzt der Knabe auch das nöthige Rüstzeug zu diesem schwierigen Berufe, zeigt er Talent, ist er mit einer entsprechenden Stimme begabt? (wie die Verhältnisse liegen, muß nun einmal damit gerechnet werden). Nein, diese schwerwiegenden Fragen legen sich die Eltern in den wenigsten Fällen vor und auch unsere Vorbereitungsanstalten können dieser „Massenzüchtung" Pardon! nicht energisch entgegentretcn, weil sie nun einmal auf eine große Schülerzahl angewiesen sind. So schmuggelt sich alljährlich eine erkleckliche Anzahl unberufener Elemente zu den Pforten der Seminaren hinein, ringt sich nach mehrjährigen „Sitzstudien" mit Ach und Krach — wenn Fortuna gut gelaunt ist — durch die Prüfungsmartern hindurch — oder ein gut Theil verläßt in der Vorahnung kommender Ereignisse auch schon vorher die Anftallsräume und tritt nun in die Praxis ein, ohne jenen Funken hehrer Begeisterung, an dem sich die zarte Seele des Kindes entzünden soll, ohne jenes Gefühl der Verantwortlichkeit, das nöthig ist, ein sittlich religiöses Geschlecht heranzubilden, ohne jenes Muß von Kenntnissen, das zur Gewinnung und Er» Haltung der Autorität in einer Gemeinde unbedingt erforderlich ist. Und was sind die Folgen dieser traurigen Zeitcrschcinung? Die Gemeinde A sagt sich: Was brauchen wir uns so große, pekuniäre Qpser auszubürden; wir lefominen ja doch^cmen Lehrer, im schlimmsten Falle nehmen wir einen Schiffbrüchigen. Qdcr das wohl weise witzig sein ivollcnde Qbcrhaupt der Gemeinde B verkündet anläßlich der Bitte des Lehrers um Gchaltserhöhuna seinen schon vorher beifällig nickenden Gcmeindrmitgliedcrn: „Dem Verdienste seine Krone." Da unser Lehrer aber nicht mit dem Diadem der Gelehrsamkeit geschmückt ist, so ist sein Dienst mit diesem Verdienste mehr als genug bezahlt. Kann dagegen eine Gemeinde zu ihrem Lehrer ausblicken, sich gleichsam an ihm empsrrankcn, so wird sic auck alles aufbieten, sick diesen Lehrer zu erhalten und in den meisten Fällen kein Qpser scheuen, ihn: seine Stellung den heutigen Anforderungen gemäß zu gestalten (Beispiele können genug erbracht werden). Ja, m. I. Kollegen, das hat weh gerhan, aber cs ist eben eine schlimme Krankheit, die nur mit scharfem Messer geheilt werden kann. Was können wir nun zu dieser Heilung beitragen? Ich muß mich kurz fassen. Jeder von uns hat die heilige Pflicht, die Elter u zu mahnen und ihnen die traurigen Folgen eindringlich vor Augen zu führen, wenn sie unsere Reihen mit solchen bereichern wollen, welche die oben erwähnten Vorbedingungen nicht erfüllen. Jeder von uns muß es sich angelegen sein lassen, vor allzu rosiger Auffassung des Lchrerbcrufcs zu warnen, dem so häufig verbreiteten geflügelten Wort: — Lehrer, Richtsthuer — mit aller Energie entgegenzutretcn, vielmehr bei jeder passenden Gelegenheit den Segen eines richtig erlernten Handwerks lebendig zu schildern, die Meinung, als ob Handwerker Leute zweiter Klaffe wären (es ist keine Hyperbel, die Ansicht findet man leider noch zu häufig) mit Aufgebot all' seiner Beredtsamkeit zu tilgen.

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