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Der Israelit · 1897-08-02 · Heft 61 (2.8.1897) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 61 (2.8.1897)
Date
1897-08-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1182 hum, das gründlich Fiasko gemacht in „Lehre und Leben," wie es selbst eingestehen mutz, nach einer reitenden Thal sich umthun, es möchte noch vor Thoresschluß im 19. Jahrhundert, noch bevor die Ausstellung in Paris fertig ist mit ihrer Weltüberraschung, endlich der staunenden Welt das „moderne Judenthum" vorstellen. Natürlich, Berlin, die Metropole der Intelligenz nur kann das fertig bringen, und indem sie scheinbar reuig an die Brust klopft und über die Sündhaftigkeit der Berliner Juden klagt, über den in „erschreckender Weise zunehmenden Jndifferentismns" über die „Besorgniß erregenden religiösen Zustände und Verhältnisse innerhalb der Gemeinde," kommt sie zu dem noch nicht (?!) dagewesenen Allheilmittel, statt oder neben dem Sabbatgottesvienste, noch einen Sonntaasgottesdienst einzusühren. Berlin würde aus diese Weise einzig dastehen, einen Sabbat und einen Sonntag zu feiern, je nach Belieben. Also zwei Feiertage in der Woche. — Früher waren ihnen zwei Feiertage vier Mal im Jahre zu viel und jetzt sollen zweiundfünfzig Mal Doppelfeiertags gehalten werden! Welcher Abschnitt der Thauroh am Sonntag vorgelesen werden soll, welche specielle Gebete für diesen modernen Festtag noch verfaßt werden sollen — das wird keine Schwierigkeiten bieten, denn — am Anfang dieses Jahrhunderts hat ja Berlin diesen — neuesten Versuch schon gemacht, man hat's nur fast vergessen, und am Ende des Jahrhunderts solls nur nochmals versucht werden. — Doch im Ernste gesprochen, dieser frivole Angriff auf — Verlegung des Schabbos unter der zu harmlosen Maske, dadurch den Berliner verfahrenen religiösen Zuständen wieder aufzuhelfen, kennzeichnet mehr als Alles, wie leichtfertig man in Berlin die Heiligkeit des Schabbos, an den aber bei Leibe nicht „g e r ü t t e l t" werden soll, auffaßt und aufgibt; kennzeichnet aber zugleich die — Ueberhebung des Berliner modernen Judenthums, das da wähnt über die Tragweite und die schlimmen Folgen einer solchen — Neugeburt binwegtänschen zu können; kennzeichnet die — Unverbesserlichkeit des modernen Judenthums, das da die Lehren des Jahrhunderts unbeachtet läßt, nichts gelernt hat und am Ende da steht, wo es angefangen hat. Hoffentlich wird die allgemeine Entrüstung über diesen Versuchsballon ihm klar machen, daß, sowenig in Amerika diese Verlegung Anklang gefunden, auch im alten Welttheil keine jüdische Gemeinde dazu bereit ist, auch nicht die Berliner, zu diesem verzweifelten Auskunftsmittel zu greifen, um — den Jndifferentismus auf religiösem Gebiet zu beseitigen. Man will es nicht zugestehen, gesteht es aber doch zu, daß das moderne Judenthum, dem modernen Juden, die jüdische Religion als das gleichgiltigste Ding betrachten läßt, über die er sich mit einem Satze hinwegsetzt, daß ihm nichts heilig ist, der Schabbos gar nicht mehr, und will ihm eine Heiligung des Sonntags als Heilmittel empfehlen zur Wiederherstellung feines religiösen Gewissens. Welcher Unsinn darin liegt, fühlt man wohl heraus, allein — man will doch Religion haben, wie die andern Menschen auch, man will auch ein Jude sein, aber doch dabei ein — moderner Jude bleiben. Es ist eine verzweifelte Lage. Bis jetzt haben alle Reformen nichts genützt, ja nur die Sache verschlimmert. So, sagt man, kanns nicht weiter gehen, denn wohin falls da kommen! Ja, wohin soll es aber mit diesem Sabbat-Sonntag kommen? Wohin soll der führen? Das moderne Judenthum ist heute gerade so klug, wie vor 100 Jahren. Nur, daß es heute allmählich in ihm aufdämmert, daß es die große That der Welt immer noch schuldig ist. Wie man der Gleichgiltigkeit und den traurigen Verhältnissen auf religiösem Gebiete steuern kann, dafür gibt es einen einfachen, klaren Weg, ein Mittel. Dagegen aber verschließt man die Augen. Wir aber wollen die Augen offen halten, und auch am Ende des 19. Jahrhunderts derartigen Verbesserungen dasselbe gerechtfertigte Mißtrauen entgegenbringen, wie zu Beginn desselben. Aber verzeichnen wollen wir diesen krampfhaften Versuch als ein Symptom der erwachenden Erkenntniß, daß es so nicht weiter gehen kann auf dem religiösen Gebiete. Wir haben noch andere derartige Symptome zu besprechen. Doch davon nächster s. D r. H. S. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. ** Potsdam, 19. Juli. Wie schon früher berichtet wurde, hat der Bürgermeister in Perleberg vor einiger Zeit die erbetene Erlaubniß zur Verbreitung des antisemitischen Flugblattes: „Wo kauft man Konfirmanden-Anzüge?" versagt. Auf eine Beschwerde der Perleberger Antisemiten bei dem Landrathe antwortete dieser, daß er mit Rücksicht auf den aufreizenden Inhalt des Flugblattes die Versagung der polizeilichen Erlaubniß für gerechtfertigt halte." Nun wanvte sich der antisemitische brandenburgische Provinzialverband mit der Beschwerdeschrift an die Regierung zu Potsdam, welche am 1. Juli d. I. nachstehende Antwort ertheilte: „Bescheid auf die Beschwerde vom 11. Mai d. I. — Den Antrag, die Verfügung der Polizeiverwaltung in Perleberg vom 27. März d. I. und des dortigen Herrn Landraths vom 3. April d. I., durch welche die Erlaubniß zur öffentlichen Verbreitnng des überreichten Flugblattes Nr. 45 versagt wird, aufzuheben, weise ich zurück, da nach §. 116 des Zuständigkeitsgesetzes vom 1. August 1883 die Klage gegen die abweisende Verfügung der Polizeiverwaltung bei dem Kreisausschusse zu

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