Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 61 (2.8.1897)
- Date
- 1897-08-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXX.VIII. Jahrgang. M «I Der Israelil. Gentrak-Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. Begründet vori Dr in Mreinz Motttag, den 2. August 5657 (1897). Vcitettder -lrtikel. Symptome. i. Unser Jahrhundert neigt sich rasch seinem Ende zu, und überall möchte man dasselbe mit einer großen, weltbedeutenden Thatsache abschließen. Die Franzosen zerbrechen sich schon lange die Köpfe, wie sie die große Ausstellung im Jahre 1900 als in einer der einzigen „grand nation“ allein zustehenden und würdigen noch nicht dagewesenen und nicht zu übertressenden Art und Weise feiern sollen. Da werden die grandiosunsinnigsten Vorschläge gemacht, aber das Rechte haben sie noch nicht getroffen. Bei der vorjüngsten Ausstellung haben sie durch den Eifelthurm den babylonischen Turmbau zu überbieten gesucht. Zweck und Nutzen dieses Thurmes hat aber kein Mensch herausfinden können. Er steht aber immerhin da als eine Thatsache, wenn auch wenig Vernunft drin liegt. Ich glaube, wenn es nicht so viel Mühe und Kosten verursachen würde un^ wenn man wüßte, was inan mit der großen Masse von Eisen anfangen könnte, man hätte ihn schon längst wieder eingerissen. Am Ansang unseres Jahrhunderts trug man sich innerhalb des Judenthums mit einem großen Plane, als würdigen Beginn des 19. Jahrhunderts, das man als das Zeitalter der Vernunft, Bildung und Aufklärung bezüchnete, wo ein jeder seiner Vernunst genräß leben, seiner Vernunst gemäß denken und seine Vernunftreligion haben sollte, mit dem großen Plane, das Judenthum an Haupt und Glieoern zu reformiren, das alte Gesetz zu andern, es den Forderungen der Zeit anzupassen, ihm ein modernes, unserem geläuterten Geschmack angepaßtes Gewand umzuhängen und den Gottesdienst so zu gestalten und zu heben durch Musik und Gesang und Predigt, daß dadurch die „Andacht" eine gehobenere werde, kurz, es sollte ein ideales Judenthum erstehen. Ich habe kürzlich ein Bildchen gesehen, da sollte ein Bekleidungskünstler einen recht modernen, ganz passend sitzenden Gesellschaftsrock anfertigen. Unglücklicherweise hatte der Zuschneider die eine der Nockschöße etwas kürzer geschnitten; verzweifelt über diese Verstümmlung suchte er durch weitere verbessernde Schnitte ein harmonisches, seine Schneiderehre wieder herstellendes Kleid herzustellen, aber durch fortgesetzte Schnitte wurde schließlich ein kleines Jäckchen, das nicht einmal — es war ja von schwarzem, feinen Tuche — im Hause getragen werden konnte, ohne daß man sich lächerlich machte. So ähnlich erging es dieser Verbesserung des Jndenthums mit der Nesormscheere. Endlich mit dein zur Neige gehenden Jahrhundert, will man sich zur That aufraffen und zeigen, daß die Arbeit des Jahrhunderts nicht vergebens war. Am Anfang dieses Jahrhunderts hat Berlin die erste Reformgemeinde erstehen sehen, die den Schabbos aus den Sonntag verlegte, das sollte das moderne Israel sein; aber diese Verbesserung gefiel nicht recht, fand nicht den Beifall der — Künstler, man erklärte das für eine Verstümmelung; die eine der Rockschöße war;u kurz. Seit dieser Zeit hat man versucht Verbefferungen an diesem verstümmelten Judenthum vorzunehmen, die schließlich — ein unpassendes Jäckchen, das dem Judenthume sehr schlecht steht, elstehen ließen. Der Schneider hat sich mit seiner verbessernden Scheere gründlich blamirt. Und nun kam noch der Spott und der Hohn des Antisemitismus dazu und Vorwürfe statt Lob und Anerkennung, auf die man gerechnet; o-jmc xev*, rrv'rH pv „man hoffte Trauben zu ernten, aber es trug nur Heerlinge ein." Krampfhaft sehen wir heute das moderne Juden-