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Der Israelit · 1897-07-26 · Heft 59 (26.7.1897) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 59 (26.7.1897)
Date
1897-07-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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lich, dieses Volk zu verstehen, dieses Problem der Judengeschichte und der Judenfrage zu lösen, denn einzig und allein die jüdische Liebe kann es möglich machen, daß einst die Judenfrage gelöst wird. Worin besteht denn aber die Judenfrage? Besteht sie darin, daß einigen, wohlgewachsenen jungen Leuten, die schon längst mit den heiligen Traditionen ihres Stammes gebrochen haben, die Möglichkeit gegeben wird, preußische Osfiziersröcke anzulegen, besteht sie darin, daß ein Volkstribun blonder Herkunft zugleich der größte Judenfeind und Bürgermeister der Reichshauptstadt ist, oder besteht sie auch darin, daß in Wahrheit vier Fünfteln unserer ganzen Nation noch immer die Bürgerrechte .... nein, die primitivsten Menschenrechte vorenthalten werden? Nicht in alle Dem ist das Wesen der Judenfrage zu suchen! Vielmehr gilt es dahin zu arbeiten, daß dem armen, gehetzten und verachteten, geplagten und gejagten und verfolgten Judenftamme die Möglichkeit ausgesprochen wird, seine so jäh abgerissene Kulturentwickelung von Neuem zu beginnen, um anstatt überall als gährende Hefe der Entwicklung unangenehm empfunden zu werden und demgemaße Behandlung zu erfahren, eine in sich abgeschlossene, echtjüdischc Kultur neu erzeugen zu dürfen, die den mächtigsten Faktor zu Gesammtentwicklung der Kullurmenschheit bilden würde. Dem jüdischen Volke, so große Geister es in dieser ganzen Periode auch hervorgebracht hat, war eS seit nunmehr zwei Jahrtausenden nicht in ehr vergönnt seine reiche Begabung nutzen zu dürfen, wenigstens als Volk; es durfte nur zufällig und auf Umwegen an der Fortentwicklung einer Civilisation theilnehmen, die eS zum weitaus größten Theile mit hatte schaffen helfen, und deren wichtigster Theil, das ethisch-moralische Moment auf seinen Schultern ruhete. Und doch hat es ferner weit mehr zur Fortentwicklung dieser Kultur der Menschheit beigetragen, als man von dem geknechteten und wenig zahlreichen Stamme je hätte erwarten sollen und können. Das Judenthum, das der Schöpfer der ethischen Kultur gewesen war, hat ehedem trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse an der ästhetischen und Wissenschaftlichen Kultur rüstig milgewirkt. — In den drei Trauerwochen, wo wir den Untergang des jüdischen Nationalstaates beweinen, solche Betrachtungen anzustellen, hat deßhalb nichts Verwunderliches oder Merkwürdiges, weil der hebräische Stamm von jeher sein nationales Wesen nicht in der Unterwerfung kleinerer, friedfertiger Stämme erblickt hat, sondern in der Erhaltung und Ausgestaltung seiner traditionellen Kultur. Diese Trauerbetrachtung bringen wir, weil jener Untergang des jüdischen Staatswesens und die Vernichtung der nationalpolitischen Selbstständigkeit auch die Wurzel dazu wurde, unfern Stamm in seiner traditionell-kulturellen Aufgabe, die ihm vermöge seiner Begabung vom Geschicke zuertheilt worden, zu fesseln und zu knebeln. Seit jener Katastrophe, wie sie ähnlich nur das stammverwandte Karthago getroffen hat, konnte kein jüdisches Genie mehr der Menschheit das werden, was es geworden wäre, wenn es dem Genius des jüdischen Volkes vergönnt sein könnte, sein ureigenstes Selbst voll und ganz und ungetheilt auszuleben. Infolge der namenlosen Unterdrückung, alle des Leidens und der endlosen Verfolgung verlor ver jüdische Stamm von seiner Elast!cität, und begann er zu versuchen, sich einem anders gearteten Geiste anzuschmiegen, der ihn nicht verstand und nicht verstehen konnte. Dieser Geist der europäischen Völker hat zu allen Zeiten in der bloßen Fortexistenz der Judenheil und seiner Kultur ein unbotmäßiges Aufbäumen gegen seine vermeintlich allein berechtigte Existenz und Herrschaft angesehen, und hat kein Mittel daher unversucht gelassen, um dem Judenthum den Garaus zu machen. Und dieser judenfeindliche, europäische Geist wurde nie gefährlicher, als wenn er unter der Maske der Freundschaft von dem Judenthume verlangte, seiner Hoffnung auf eine Zukunft zu entsagen, feinem Zusammenhänge mit seiner geschichtlichen Vergangenheit sich zu entschlagen. Darum allein zwang man uns in Liebe und Freundschaft, aus unseren Gebetbüchern die Erinnerung an Zion zu streichen und auf die Hoffnung auf ein neues Jerusalem traurigen Verzicht zu leisten. Und wenn das Judenthum trotz der tausend Dolche, die in jedem Augenblicke gegen sein Leben gezückt wurden, noch immer lebt, und auch noch immer nicht daran denken will, von der Wellenbühne abzutreten, so muß nach menschlichem Ermessen das Geschick noch etwas Großes mit einem Stamme beabsichtige.', den es auf so merkwürdige Weise am Leben erhielt. Die drei Wochen der jüdischen Nationaltrauer, sie sprechen deutlich zu uns von dem Untergange unseres Staates, von der Verlassenheit unseres Volkes und der Unerbittlichkeit unserer Verfolger. Aber nicht minder deutlich reden sie von der unverwüstlichen Kraft unseres althebräischen Stammes, von seiner ruhmreichen Vergangenheit und von seiner herrlichen Zukunft. Die drei Wochen mahnen uns, nicht abzulassen von der unverwüstlichen Hoffnung unserer unglücklichen Nation, die stets das Ziel nicht in weiter Ferne, sondern in unmittelbarer Nähe gesucht hat, wenn sie sich das stolze Wort nicht entreißen ließ nxn n:e*. Jener alte, jüdische Patriot, unser Prophet Jirmijahu, der Mann der den Untergang unseres ersten Staates mit angesehen und dessen weiche Seele in jene berühmten Klagelieder zerfloß, fcie noch heute allerorten als der Ausdruck unserem Trauer zum Himmel steigen, Lieder, wie sie Herr-

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