Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 59 (26.7.1897)
- Date
- 1897-07-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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vjjsri7 XXXVIII. Jahrgang. M 50. Ein Kentrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenthmn. Begründet von Or reljmamt in Mainz Montag, de« 26. Juli 5657 (18V7). Leitender Artikel. In den Trauerwochen. Von Dr. Heinrich Loews inIaffa (Palästina.) Wenn ein Volk so vollständig durch eine mächtigere Nation mit roher Gewalt aus seinen uralten Wohnsitzen verdrängt wird, daß der spätere Geschichtsschreiber Mühe hat, die Trümmer seiner Kultur, Sprache, Sitten und Geschichte aus vereinzelten Überresten nothdürftig zusammeirzutragen, so stehen wir vor einer Katastrophe, wie sie die Weltgeschichte nur allzu oft auszuweisen hat. Könnte man den Gang der Geschichte aller Völker von einer höheren Warte beobachten und die Zeilen und Weltalter an sich vorübergleiten lassen, man würde die Völker mit ihrer stolzen Pracht glänzen, blinken und vergehen sehen, wie die Funken und Fenerkugeln eines prächtigen Meteorenregens in schwüler Sommernacht. Darum finden wir nichts Mer kwürdiges, nichts Eigenartiges, das unsere ganz besondere Beachtung verdient, in dem Umstande, daß Völker von der Erde verschwinden, ohne bleibende Spuren ihres Daseins zu hinterlaffen. Wenn aber ein Volk, das schon in urältcster Zeit eine gewaltige Kullurblütye gezeitigt hat, das eine sonst unerreichte Höhe ethischer Kultur schon zu einer Zeit erklommen hat, in der alle heute sich im Volllichte moderner Kultur selbstgefällig bespiegelnden Nationen theils von zweifelhaftem Halbdunkel, theils von tiefster moralischer und intellektueller Finsterniß umfangen waren, wenn ein solches Volk durch die unbarmherzige Hand eines grausamen Geschicks und die rohe Gemalt eines numerisch so unendlich überlegenen Militärstaates aus seinem eigenen Heim gerissen wird, so müßten wir selbst dann die die unverwüstliche Kraft eines solchen merkwürdigen Stammes anstaunen, wenn er auch spurlos von der Erde verschwunden wäre. Wenn aber eine solche Nation, so klein und unansehnlich an Zahl, daß sie unter die Völker meist gar nicht gerechnet wurde, die Katastrophe gleichwohl überlebt und selbst den siegreichen Feind überdauert hat; wenn sie über die ganze Welt zerstreut fort und fort ihre nationale Eigenart weiter trägt, nachdem ihr Heimath und Recht entrissen und selbst ihre ureigene Sprache verloren gegangen ist, so stehen wir vor einem Räthsel der Weltgeschichte, wie es großartiger nicht gedacht werden kann. In der Geschichte eines solchen Volkes erkennt der Zweifler, daß sein Zweifel dort eine Grenze hat, wo die Vorsehung mit ehernem Riegel die Geschicke der Menschheit und die geheimen Fäden ihrer Regierung der Kenntniß der Menschen verschloß. Das j ü d i s ch e V o l k ist ein solches Räthsel der Weltgeschichte, es ist ein Problem, über das sich die Denker aller Völker den Kopf zerbrachen, ohne es verstehen zu können. Seit jenem großen Propheten heidnischer Zeit und heidnischen Denkens, dessen Worte wir beim Eintritt in das rmsrrno sprechen, hat kein Nichtjude das Wesen und das Unbegreifliche dieses Volkes begriffen. Das Sein dieses Volkes zu erfassen, hieße die Teleologie der Weltgeschichte zu ergründen. Dieses Problem ist aber so tief und unergründlich wie das jüdische Herz. Es ist ja kein Zufall, daß eines der schönsten jüdischen Volkslieder mit den schönen Worten beginnt „Juden und daß das Wörllein „nebbich**, mag es auch einen Ursprung haben, welchen es wolle, in keine Sprache zu übertragen ist. Das jüdische Herz, das dieses Won geschaffen, es versteht es allein. Es ist nur der schwache Abglanz vom Schatten des Begriffes, wenn man das in allen Sprachen ewig unerreichbare Wort rwem mit Mitleid, Erbarmen oder dem eleganten und kalten miserecorde übersetzen will. Daher ist es den kalten Herzen ewig unmög-