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Der Israelit · 1897-07-22 · Heft 58 (22.7.1897) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 58 (22.7.1897)
Date
1897-07-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1181 Feuilleton. Der verwunschene Lhasan.*) Ein Schwank. In früheren Zeiten waren die Marschälke unter den polnischen Juden berühmt. Es waren arme Leute, die aus Mangel an einem andern Erwerbszweig eine heitere Laune, einen angeborenen Witz benutzten, um durch oie Belustigung geselliger Kreise ihren Unterhalt zu gewinnen. Dergleichen Kreise versammelten sich nur bei besonderen Veranlassungen, da die Juden in Polen, wenn ihre Zeit nicht von Geschäften in Anspruch genommen wurde, sich dem ernsten Studium des Talmuds Hingaben. Das war ihre Erholung, denn von allen Zerstreuungen und Lebensgenüssen, nicht nur von den verfeinerten, die unsere Tage bieten, sondern sogar wie sie damals in einer roheren Weise für die Erheiterung der übrigen Welt gebräuchlich waren, hatten sie keine Ahnung, ja auch für dergleichen keine Empfänglichkeit. Wenn nun aber ein Fest, die Feier eines frohen Ereignisses die Einförmigkeit ihres gewöhnlichen Lebens unterbrach, verlangten sie eine derbe Luft, die sich nicht selten bis zur Ausgelassenheit steigerte. Dann war der Marschalk, Luftigmacher, Possenreißer willkommen, der durch die tollsten Einfälle, die kecksten Reden die Zwerchfelle der versammelten Gäste erschütterte. Je einfacher man damals in strenger Zucht und religiöser Observanz lebte, um so weniger fürchtete man, daß ein dreistes Wort die Sitte und die Religiosität gefährden könnte, und so erlaubte man dem Marschalk jede Verletzung dessen, was wir heut zu Tage Anstand nennen, die tollste Deutung biblischer Verse, den kühnsten Spott über fromme Gebräuche; man verzieh ihm alles, wenn es nur Lachen erregte. Freilich aber mußte der Marschalk, um seiner Aufgabe genügen und seine Zuhörer befriedigen zu können, mit dem Talmud genau bekannt sein, denn er konnte durch nichts so sehr entzücken, als wenn er einen auf rabbinische Sprüche gegründeten Witz vorbrachte. Gelang es ihm gar, den Rabbiner, wenn dieser etwa am Feste Theil nahm, mit Glück zu bestreiten, und durch Anführung ersonnener Talmudsprüche aus dem Felde zu schlagen, so hatte er Alle, auch den lachenden Besiegten, zu jubelnden Beifall hingerissen; denn die lustige Posse, die sich gegen den Rabbiner gewendet hatte, that der Ehrfurcht, die diesem gebührte, so wenig Abbruch, als die religiösen Vorschriften durch die kecken Bemerkungen des Schalks entweiht wurden. Wußte man doch, daß der übermüthigste *) Aus dem jüdischen Volks- und Hauskalender für 1896; mit freundlicher Erlaubniß des Verlegers Herrn Th. Schatzk.y, Breslau. Scherz von dem Possenreißer nur in der Sicherheit gewagt wurde, daß Niemand in seinen Worten eine ernstliche Absicht suchen und so seine fromme Ergebenheit bezweifeln würde. Jede bedeutendere polnische Stadt hatte demnach einett oder mehrere Marschälke. Diese Leute bekleideten aber nicht etwa einen Posten mit einem bestimmten Gehalt, sondern ihre Einkünfte bestanden blos in dem, was sie bei Gelegenheit eines Festes von dem Hausherrn, der sie dazu miethete, bedungenermaßen, und von den Gästen an freiwilligen Geschenken erhielten. Namentlich durften sie bei keiner Hochzeit fehlen. Sie wurden auch bei Hochzeiten in die benachbarten kleinen Städte geholt, bic keinen eigenen Marschalk erhalten konnten. Waren daher in ihrer Heimath und der Umgegend häufig Feste dieser Art, so hatten sie ihr reichliches Auskommen. Dagegen sah es schlimm damit aus, wenn eine geraume Zeit verging, in der keine Familie von ihren Talenten Gebrauch zu machen Veranlassung fand. Eine solche unfruchtbare Zeit war einst in einer Stadt eingetreten, in welcher zwei Marschälke, David und Baruch, in bester Eintracht lebten. Beide hatten ihre früheren Einnahmen fast gänzlich aufgezehrt, und es zeigte keine Aussicht zu einer nahen Hochzeit oder einem anderen Familienfeste, wodurch in ihre erschöpften Kassen ein frischer Geldstrom kommen konnte. Hier war also guter Rath theuer. Doch als verschlagenen Köpfen konnte es ihnen nicht sehlen, ein Mittel zu ersinnen, das ihnen aus der Roth helfen mußte. Sie beschlossen nach einer entfernten Gegend zu reisen, wo sie sicher waren, keinen Bekannten zu treffen, und zwar sollte sich auf dieser Reise David für einen Cantor, Baruch aber für einen Bal Schem, das ist für einen Meister der Kabbala, ausgeben. Reisende Cantoren fanden ihre Rechnung, wenn ihre Stimme geeignet war, ihnen Beifall zu verschaffen. Die Gemeindeoorstände gaben ihnen überall leicht die Erlaubniß, in den Synagogen des Ortes den Gottesdienst am Sabbat abzuhalten, und verabfolgten ihnen dann in jedem Falle, auch wenn ihre Leistungen nicht angesprochen hatten, ein Honorar aus der Gemeindekasse. Doch das war meistens nur eine geringe Entschädigung, die kaum die AusenthaltSkosten deckte. Allein sie gingen dann auch zu sämmtlichen Familienvätern, und empfingen von jedem noch ein besonderes Geschenk. Die Größe desselben aber richtete sich nach dem Geschmack, den man an ihrem Gesang gefunden hatte; daher eine solche Reise nur für einen tüchtigen Cantor einträglich und lohnend war, während ein ungeschickter Sänger sich nur einer spärlichen Gabe, die ihm eigentlich nur das Mitleid reichte, zu versehen hatte. Am besten war ein Cantor daran, dem ein großer Ruf voranlies. Er hatte

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