Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 58 (22.7.1897)
- Date
- 1897-07-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1127 die heiligsten Ehegesetze verhöhnten, vom Verbot des Rasirens, des Schaatnes und von vielen Anderen, was aufs Strengste uns untersagt ist, nichts wissen, oder nichts wissen wollen. „Wir sind fromm genug", so lautet die empörende Antwort, mit der dem unbequemen Mahner gedankenlos erwidert wird. „Orthodor" ist der Superlativ. Die große Menge der Leichtsinnigen und Unwissenden bezeichnet mit diesem Worte diejenigen, welche sie für die Allerfrömmsten halten. Und diese von der großen Menge der Urtheilslosen ihnen gereichte Palme der Orthodoxie nehmen sie wohlgefällig für sich in Anspruch, selbst wenn sie wegen der leichtsinnigen Handhabung oer Gesetze der Thora und oft völliger Mißachtung einer Reihe von Einrichtungen und Gebote unserer Weisen, durch Gleichgiltigkeit bei Erziehung und Verheirathung ihrer Kinder den Anspruch zu den gewissenhaften und gesetzestreuen Juden gezählt zu werden, längst verloren haben. Die Besserung dieser „Religiösen" „Frommen" „Orthodoxen" ist kaum zu erwarten. Sie sind in solchen Grade ccsty^ rcro pnno, sind so eingebildet aus das Bischen Judenthum, das sie sich gerettet, haben sich in dem Grade in Selbstzufriedenheit eingelullt, daß der mahnende, belehrende Bruder und Freund nur steinerne, empfindungslose Herzen findet. -|“q ictsr piuy »nn oiiy p nr« ano rrpBjS «mrc p’tno >61 sinn xwim3 onji p’c:i sptp . «ns 13 313 mry pi rtn nrr Im Traksat Sanhedrin (fol. 124.) heißt es: „Man schickte von Palästina: Wer wird der zukünftigen Wett theilhastig? Wer demüthig und bescheiden ist, sich bückt, wenn er hineingeht, sich bückt wenn er herausgeht, ständig Thora lernt und sich darauf nichts zu gut thut. Da sahen die Rabbiner den Rab Ulla bar Abba an." Unsere großen Lehrer hatten das Glück, daß sie, als das Wort aus Palästina ihnen gemeldet wurde, nicht lange den Mann zn suchen hatten, der mit denr Kranze jener hk-rrlichen und seltenen Eigenschaften geschmückt war. Ihr Genosse Rab Ulla bar Abba weilte in ihrer Mitte, der mit derselben Bescheidenheit, selbst nach großen Erfolgen, das Lehrhaus verließ, mit der er es betreten hatte, der wegen seiner Ausdauer beim Thorastudium bewundert wurde und sich deshalb noch keinerlei Lobes für würdig hielt. Wird es uns heute leicht werden einen Rab Ulla bar Abba zu finden d (Fortsetz, f.) Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen Deutschland. ** Berlin, im Juli. Seit einigen Wochen wird, wie bereits in voriger Nummer berichtet, der nachstehende Fragebogen an sämmtliche Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde versandt, mit der Bitte, denselben je nach Gutmeinung mit Ja oder Nein auszufüllen und, mit Namensunterschrift versehen, an denjenigen der Herren vom Comit», den man nach mancherlei Anzeichen wohl als Seele de» Ganzen ansehen muß, zurückgelangen zu lassen: 1) Würden Sie es für wünschenswerth halten, daß neben dem Sabbatgottesdienst eine religiöse Feier mit Predigt an den Sonntagen in den Synagogen stattfindet? 2) Sind Sie damit einverstanden, daß ein bez. Antrag dem Vorstande der Jüdischen Gemeinde unterbreitet wird? Die Begründung, die dem Fragebogen vorangeht, hat folgenden Wortlaut: „An unsere Glaubensgenossen! Die Unterzeichneten wenden sich an ihre hiesigen Glaubensgenossen mit der Bitte, durch die Beantwortung der umstehenden Fragen zur Klarstellung einer für das Judenthum wichtigen Angelegenheit beitragen zu helfen. Wir brauchen kaum darauf hinzmveifen, daß die religiösen Zustände und Verhältuiffe, die innerhalb unserer Gemeinde herrschen, jeden wahren Freund de» Judenthums mit Besorgniß für die Zukunft erfüllen müssen. Es sind nicht leere Klagen, die wir hier Vorbringen, wir weisen auf Thatsachen hin, die nicht bestritten werden können. In allen Kreisen nimmt die Gleichgiltigkeit überhand, die Gotteshäuser werden zumeist nur an den drei hohen Festtagen besucht; der Sabbat wird nicht mehr geheiligt, weder im Hause noch durch Theilnahme am Gottesdienst. Das sind Zustände, die wir auf's Tiefste beklagen, denn wir sind überzeugt, daß viele Hunderte, ja Tausende unserer Glaubensgenossen das Bedürfniß empfinden, dem Gottesdienste beizuwohnen und ihre Kinder in die Synagoge zu führen. Aber in der großen Mehrheit zwingt sie ihr Beruf mit unabweisbarer Nothwendigkeit, am Sonnabend zu arbeiten. Ein Gang durch die Straßen unserer Stadt, ein Blick in die leeren Synagogen, und andererseits in die offenen Geschäfte, Werkstätten, Bureaux und Schulen müssen Jeden überzeugen, daß an unserem Ruhetage die Mitglieder der Gemeinde in voller Arbeit sich befinden. Kein Wunder daher, daß unsere Kinder aufwachsen, ohne das Judenthum kennen und lieben zu lernen, und ohne jede wahre Religiosität zu gewinnen, zu der ein erhebender Gottesdienst un« führt. Wir wollen und dürfen nicht theilnahmlos und unthätig ferner zuschauen, wie der Glaube, der das Glück und die Seligkeit unserer Väter war, mehr und mehr au» unserer Mitte schwindet. Wir müssen sorgen, daß Maßregeln getroffen werden, die ohne den Geist und das Wesen unserer Religion irgendwie zu verletzen, eine Besserung der Verhältnisse herbeizuführen im Stande sind. Wir wollen nicht, daß an dem Sabbat, der heilig ist, und der eine der Grundvesten de» Judenthums bildet, gerüttelt werde, aber wir wollen