Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 58 (22.7.1897)
- Date
- 1897-07-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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F^r-.^i ,|^V* - V 1126 gönnt war; dar Höchste, was du auf idealem Gebiete erreicht hast, mache dich nicht stolz und selbstzufrieden. Der heidnische Philosoph Sokrates schon fand das schöne Wort für die Summe des von ihm Erforschten: „Ich weiß, daß ich nichts weiß." Der Weiseste der Menschen, der König Salomon ist es, der uns zuruft: 2w2v »pei* ny-r bw bö 21 nosn 2122 '2 „Je mehr Weisheit, umsomehr Verdruß, je höher die Erkenntniß, um so höher der Schmerz." Dem unten Stehenden scheint der Gipfel des Wissens nicht unschwer zu erreichen, dem höher Steigenden erst wird die gewaltige Höhe und die Unerreichbarkeit der Spitze erkenntlich. Triffst du dich in der Stimmung, daß du zufrieden und stolz bist über das Maß des Wissens, das du gesammelt, so sei dir dies gerade ein Zeichen, daß deine Kenntnisse noch sehr gering sind. Und wenn diese Sätze sich auf das gesammte Gebiet des Wissens anwenden lassen, in welchem Maße müssen sie nicht der Thora gegenüber gelten, von der es in Psalm 119 jenem Hymnus auf das Thorastudium, zu dem die ganze Boraita von nwr, pp sich wie ein Commentar liest, heißt: „ihö “jrrae ram pp wm rtan bbh. „Jeglichem Streben habe ich ein Ende gesehen, dein Gebot aber ist ungemein umfassend." Es ist kein Zufall, dgß gerade von dem Manne, welchem die Geheimnisse des GotteSgesetzes sich am Weitesten erschlossen, gesagt wird: eixn ^20 ikö i;y rrjro »wn ntnKTT ’jb bv uw „Und der Mann Moscheh war sehr bescheiden, mehr als irgend ein Mensch auf dem Erdboden." Die höchste Stufe der Bescheidenheit kann nur durch umfassendste Erkenntniß erreicht werden. Gin vollgerüttelt Maß jedoch von dieser Bescheidenheit, ein gewisser Grad von Unzufriedenheit mit dem, was man geleistet und sich erarbeitet hat, ist Jedem unentbehrlich, der sich dem ernsten Studium der Thora hingiebt. iojo?!? raio pnra mn. „Nur nicht sich selbst Beifall klatschen", so klingt der mahnende Ruf unserer Boraita allen Denen entgegen, die sich die Thora erwerben wollen. Die Selbstzufriedenheit sie hemmt dem Forscher den Schritt, sie stutzt ihm die Flügel, sie lähmt sein Streben. Wir haben schon Gelegenheit gehabt die Ueberhebung der kleinen Geister zu schildern, die sich heutzutage bei geringem Wissen, ob ihrer Thorakenntniß brüsten. Dieser Zug der Ueberhebung, der sich bei sovielen findet, die als Thoragelehrte gelten wollen, ist ein klarer Spiegel, der uns mit erschreckender Deutlichkeit zeigt, wie sehr die Wissenschaft der Thora in unserer Zeit in unserem Lande darniederliegt. Ueberhebung und Selbstberäucherung finden sich leider selbst bei Manchem, von dem man glaubt, daß er werth sei zu den wahren Lehrern Israels unserer Zeit gerechnet zu werden; Selbstzufriedenheit und staunenswerthe Genügsamkeit in Bezug auf das, was sie von der Kenntniß des Gesetzes für sich begehren, begegnet uns auf Schritt und Tritt bei den jungen Leuten, die in vorgerücktem Jünglingsalter mit dem Studium des Talmud erst beginnen und in vier bis fünf Jahren nach dem vollen Sinne des Wortes diese Studien abgeschlossen haben. Bei dieser Gelegenheit sei uns ein Wort gestattet über die Selbstzufriedenheit, welche in unseren Tagen in Bezug auf die Ausübung unseres heiligen Gesetzes herrscht. Wie viele giebt es da, die für die wenigen rmn, die sie beachten, sich Beifall spenden, sich etwas zu gut thun und die in der wohlgefälligen Betrachtung ihrer Lebensführung hinweg sehen über zahlreiche Sünden und Uebertretungen, die sie alltäglich begehen? „Religiös", „fromm", „orthodor", wie schwirren diese drei Worte herum, wie oft hört man sie selbstgefällig als Censur des eigenen Verhaltens von denen aussprechen, über deren Lebensführung ein tadelndes Wort gefallen ist. Daß es keinen Menschen giebt, der sich vollkommen frei von Sünden zu halten hat, das ist eine Anschauung, die in unseren heiligen Schriften in verschiedener Form ausgesprochen wird. Heute kann man in unseren Gegenden von den meisten Juden hören, daß sie religiös, fromm oder orthodor seien. Dabei erscheint ..religiös" als Positiv, „fromm" als Comperativ und „orthodox" als Superlativ. „Religiös" sind Alle, die sich noch mit dem Namen Juden bezeichnen lassen. Wir kennen 'Leute, die sich für sehr „religiös" schätzen, weil sie sich vom Taufbecken fernhalten, weil sie ihre Kinder beschneiden lassen, weil sie sich einige Mal im Jahr in der Synagoge sehen lassen oder auch deshalb nur, weil sie für jüdische Arme noch etwas Geld übrig haben. Daß sie Sabbat und Feiertage entweihen, Verbotelle Speisen genießen und auch sonst sehr Vieles thun, was Gott verboten hat, das stört ihre Selbstzufriedenheit nicht, belastet nicht ihr Gewissen. Die Menschen, die am Ende des neunzehnten Jahrhunderts leben, verstehen es das Leben zu genießen. Bedeutende Erfindungen erhöhen diesen Lebensgenuß, und kleine Phrasen und zurecht gedrechselte Wörtlein wie z. B. das Zauberwort „religiös" Helsen über Reue, Bedenken und Gewissensbisse hinweg. Die Irrreligiösen, wenn sie das Wenige mustern, was ihnen vom Judenthum geblieben ist, sind so sehr erstaunt und vielleicht auch erfreut über das, was sie noch finden, daß sie so kühn sind, sich als „religiös" zu bezeichnen. „Wir sind fromm, aber nicht orthodor." Dieses ist eine Phrase, die diejenigen im Munde führen, die sich nicht genug deßhalb rühmen können, daß sie Sabbat und Speisegefetze ganz oder theilweise achten, deren ganzer Codex des Religionsgesetzes aber damit so ziemlich erschöpft ist. Wir haben schon häufig, sehr häufig Leute gesprochen, welche die Stirn hatten, sich als fromm auszugeben, die aber