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Der Israelit · 1897-07-19 · Heft 57 (19.7.1897) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 57 (19.7.1897)
Date
1897-07-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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T«??**' "■« -U^^WMWWWMMWHWflMMWM 1110 Sozialisten, die die Nützlichkeit der Vermittlung leugnen, wurde diese Nützlichkeit wohl niemals auf auffälligere Weise dargethan, die Theorien der ökonomischen Lehren haben wohl niemals im praktischen Leben eine bestimmtere Bestätigung gefunden, als in diesem Falle. Wir könnten uns beglückwünschen, wenn die in Rußland gemachten Erfahrungen nicht gar zu theuer zu stehen gekommen wären und zwar nicht blos den unglücklichen Juden, diesen Opfern der Intoleranz, sondern auch der Bevölkerung, welche diese Beraubung der unersetzbaren Vermittlung allen Schrecken der Hungersnoth, sowie der Ausbeutung durch das gewissenloseste der Monopole überlieferte: wenn sie nicht schließlich die Entfaltung des Wohlstandes eines großen Landes gänzlich gehemmt, oder wenigstens sehr verzögert hätten. Prof. Schmerkine beweist es an der Hand amtlicher Dokumente, daß die Hungersnoth, die einen Theil Rußlands heimgesucht, in einem Jahre, wo die Ernte ein genügendes Resultat zeigte, keine andere Ursache hatte, als die unvorhergesehene Verbannung einer Classe der arbeitsamsten und fähigsten Vermittler, die es sich zur Aufgabe gemacht, zu billigen Preisen die Lebensmittel von den Orten des Ueberflufses in jene, wo sie selten sind, zu überführen. Die erste Folge der Austreibung der jüdischen Kaufleute war die Schaffung des gefährlichsten Monopols zu Gunsten der kleinen Anzahl übriggebliebener orthodorer Kaufleute. Als Herren des Marktes, den man anderweitig nicht versehen konnte, konnten sie die Preise in exorbitantem Maße erhöhen. Während nun die Hungersnoth in allen „judenreinen" Bezirken, reichliche Opfer fand, bildeten jene Bezirke, wo die Juden geduldet wurden, wie z. B. im Gouvernement Cherson, wo die Ernte eine außerordentliche geringe war, hievon eine rühmliche Ausnahme, was selbst Czar Alexander III. gnädig anzuerkennen geruhte. Aber man kann auch noch bestimmtere Proben finden für oen Schaden, der namentlich in den, den Juden verbotenen Kreisen der Ackerbau treibenden Bevölkerung zugefügt wurde, durch die Unzulänglichkeit der Concurrenz in Bezug auf Handel und Credit, wenn man den Zustanv ihrer Bewohner mit denen der Bewohner, der den Juden erlaubten Orte in derselben Zone vergleicht, die eigentlich nur ein Ghetto bilden. Obwohl hier der Boden im allgemeinem von minderer Qualität ist, kommt sein Ergebniß dem Bauer dennoch in viel erhöhterem Maße zu gute, als in allen andern von der Natur viel begünftigteren Theilen Rußlands. Der Rückstand der Steuern beträgt in der jüdischen Zone durchschnittlich per Kopf blos 2V Kopeken, während er sich im übrigen Rußland sich auf 83 Kopeken erhebt. Mehr als die Hälfte der Bauern besitzt ein Anlagekapital und zahlreiches Vieh: den Nutzen, den die Landwirthfchaft! ihnen abwirft, verwenden sie zu neuen Ankäufen. Sie sind hier dem Trünke weniger ergeben und die Zahl der Verbrecher unter ihnen ist eine geringere. Weil in der jüdischen Zone die unentbehrliche Triebkraft des Handels und Credites sich natürlich entwickeln konnte, wo infolge der lebhaften Concurrenz der jüdischen Geldleiher, der Bauer aufhört lediglich der Gnade der Capitalisten oder der Getreidehändler ausgeliefert zu fein. In den übrigen Gouvernements des großen russischen Reiches ist er genöthigt sich ohne weiters den Bedingungen der kleinen Zahl der orthodoxen Geldverleiher oder Kaufleute zu unterwerfen, die ein Monopol begründeten und bei denen er Jahr aus, Jahr ein zu leihen oder zu verkaufen verpflichtet ist, um feine Steuern zu zahlen und an deren Lasten nachzukommen. In der jüdischen Zone bewahrt die Concurrenz in Folge der größeren Zahl von Hilfsquellen vor dem Geldverleiher oder Käufer, der die Ausbeulung zu weit treibt. Nicht also ob der Jude weniger dem Gewinne nachjagen würde, als der Christ, selbst wenn man behaupten will, daß er dies noch im größeren Maße thue, so zwingt doch die Concurrenz dazu, seine Ansprüche zu mäßigen und sich mit den Marktpreisen zu begnügen. In den „judenreinen" Landen ist die Bevölkerung ganz der Willkür der orthodoxen Geldverleiher und Kaufleute ausgeliefert und je elender sie ist, in desto größerem Maße. Zwei Ziffern geben uns einen Begriff von den Exzessen dieses Monopols. Die Zinsen für den Landwirth in Kreisen, wo Juden der Aufenthalt verboten ist, belaufen sich auf 5000/» und das Getreide wurde ebendaselbst zur Zeit der Hungersnoth um 1 Rubel 70 Kopeken verkauft, während es die orthodoren Kaufleute blos 40 Kopeken pr. Pud kostete. Die unseligen Folgen der intoleranten Politik sind so auffällig geworden, daß selbst die Regierung darüber stutzig wurde. Man begann, zwar viel zu spät, einzusehen, daß die gegen die Juden gebrauchten Maßregeln der orthodoxen Bevölkerung noch grausamere Leiden zusügten, als jenen. Es ist daher zu hoffen, daß diese schmerzliche und theuere Erfahrung ihre Früchte tragen und zum toleranten Regime Alexanders II. zurückführen wird. Aber auch die kann nicht als befriedigende Lösung der Judenfrage in Rußland erachtet werden. So lange die Juden nur geduldet sind, vermögen sie da dem großen Reiche jene Dienste zu leisten für die ihre außerordentliche Eignung zu Vermittlern des Handels nnd Credites, — die in unserer Zeit so nützlich sind, — sie ganz besonders befähigen? Schon unter Alexander II. hat Prinz Nicolaus Orloff, einer der größten und edelsten Geister, für die Juden die Verleihung aller Rechte des Menschen und Bürgers gefordert.

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